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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Aachen

Heinrich II. geschenkt. Trotz aller Nachgrabungen ist die ursprüngliche Begräbnisstelle Karls d. Gr., die Kaiser Otto III. im J. 1000 öffnen ließ, noch unbekannt. Nach Annalen (1048) des Klosters Novalese (im Thale von Susa) wurde der Kaiser noch wohl erhalten in weißem Ornat, auf einem Sessel sitzend, mit der Krone geschmückt und das Scepter in den Händen gefunden. Das wiederum vermauerte Kaisergrab wurde von Friedrich I. (Barbarossa) bei der Kanonisation Karls d. Gr. 1165 geöffnet und die Gebeine wahrscheinlich in den noch jetzt gezeigten, reichverzierten Proserpinakasten gelegt, aus dem sie Kaiser Friedrich II. 1215 in eine kunstvolle Truhe (Karlsschrein) bringen ließ. Hier ruhten sie auf dem Choraltar bis gegen Ende des 18. Jahrh., wo sie in die Ungarische Kapelle gebracht wurden. (Vgl. Käntzeler, Der die Gebeine Karls d. Gr. enthaltende Behälter, Aachen 1859.) Die im Grabe aufgefundenen Reichsinsignien wurden 1798 nach Wien gebracht. (Vgl. Bock, Die Kleinodien des Heiligen Römischen Reichs, Wien 1864.) Der weiße Marmorstuhl, später mit Goldplatten belegt, diente bis 1531 bei Krönungen dem Kaiser während der Begrüßung der Reichsfürsten zum Sessel und steht jetzt auf der Empore des Achtecks (dem sog. Hochmünster). Das Grab Ottos III. befindet sich im Chor. Außer dem Karlsschreine mit den Gebeinen Karls d. Gr. und dem Proserpinakasten befindet sich im Domschatze der Marienschrein mit den zur Zeit Karls aus dem Orient gekommenen Großen Reliquien, die alle sieben Jahre (zuletzt 1895) vom 10. bis 24. Juli von der Galerie des Glockenturms und in der Kirche gezeigt werden: ein Unterkleid der Jungfrau Maria (eine Art Byssus), die Windeln des Jesuskindes, das Lendentuch Christi, bei der Kreuzigung getragen und das Leintuch, auf dem Johannes der Täufer enthauptet wurde; die Büste Karls d. Gr. von Gold und Emaille (15. Jahrh.), sein Jagdhorn (orient. Elfenbeinarbeit) und viele sog. Kleine Reliquien. Das vielfach durch Anbauten verunstaltete Münster ist durch die Bemühungen des 1849 gegründeten Karlsvereins und reiche Beiträge der Könige Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. in seiner ursprünglichen Gestalt wiederhergestellt und verschönert worden. Das Achteck ist wieder mit den herrlichen Marmorsäulen geschmückt, die 1794 von den Franzosen geraubt und durch den Pariser Frieden wiedererworben wurden; mit Ausnahme zweier roter Porphyrsäulen, die noch heute im Louvre sind. Die 14 Standbilder im Innern des Chors glänzen in ihrer alten got. Farbenpracht. Am Eingange zum Chor, wo früher der Altar stand, an dem von Ludwig dem Frommen (813) bis Ferdinand I. (1531) 37 deutsche Könige und 14 Königinnen gesalbt wurden, ist 18. Nov. 1873 ein neuer Altar geweiht worden. - Vgl. Nolten, Archäol. Beschreibung der Münster- und Krönungskirche zu A. (Aachen 1818); Quir, Histor. Beschreibung der Münsterkirche zu A. (ebd. 1840); Debey, Die Münsterkirche zu A. und ihre Wiederherstellung (ebd. 1851); Mertens, Die karolingische Klosterkapelle zu A. (in der «Bauzeitung», 1840, V); Schervier, Die Münsterkirche zu A. und deren Reliquien (Aachen 1853); Floß, Geschichtliche Nachrichten über die Aachener Heiligtümer (ebd. 1855); Bock, Der Reliquienschatz des Liebfrauen-Münsters zu A. (ebd. 1860); ders., Das Heiligtum zu A. (Köln 1867); ders., Karls d. Gr. Pfalzkapelle und ihre Kunstschätze (ebd. 1866 - 67); Kessel, Geschichtliche Mitteilungen über die Heiligtümer der Stiftskirche zu A. (ebd. 1874). - Andere hervorragende Kirchen sind: die St. Foilanskirche (12. Jahrh.), die spätgot. St. Paulskirche mit schönen Glasmalereien (s. Tafel: Glasmalerei II, Fig. 1), die got. Marienkirche (von Statz) und die roman. Redemptoristenkirche, die Michaeliskirche (1628 geweiht) mit der Pietà von Honthorst (1632), die neue Jakobskirche von Wiethase, im Übergangsstil, und die evang. Kirche. Zu erwähnen ist noch die neue Synagoge in maur. Stil (nach Wickop).

Weltliche Bauten. Am Marktplatz das got. Rathaus, 1353-70 auf den Ruinen der karoling. Kaiserpfalz (778) erbaut, mit dem alten röm. Granusturm (13. Jahrh.) östlich und dem Glocken- oder Marktturm westlich, beide ihres hohen Daches durch eine Feuersbrunst 1883 beraubt. (Vgl. Kessel, Das Rathaus zu A., 1884.) Der Krönungssaal im Obergeschoß (44 m lang, 19 m breit), in dem 35 deutsche Könige und 11 Königinnen das Krönungsmahl hielten, im 18. Jahrh. durch Holzwände geteilt, ist jetzt wiederhergestellt und mit 8 Fresken, Scenen aus dem Leben Karls d. Gr., von Alfred Rethel geschmückt; das Kurhaus (1782) mit dem maurischen neuen Kursaal (1863 - 64 nach Plänen Wickops erbaut); der Elisenbrunnen in dor. (1822-24), das Stadttheater (1824) in ion. Stil nach Plänen von Schinkel (288000 M.), das großartige Bürgerhospital Mariahilf (1848 - 65 erbaut); die 1870 nach Plänen von Cremer in ital. Renaissance vollendete Technische Hochschule mit dem neuen (1879) chem. Laboratorium (von Ewerbeck und Intze); die Gebäude der Reichsbank und der Bergisch-Märkischen Bank; die Strafanstalt (got. Stil, von Cremer), das roman. Postgebäude, das got. Karlshaus, die Kurie Richards von Cornwallis, das älteste Rathaus der Stadt, jetzt wiederhergestellt, das Kaiserbad und das Justizgebäude, ein got. Backsteinbau nach Dieckhoffs Entwurf (1888).

Verwaltung. Die Stadt wird verwaltet von einem Oberbürgermeister (Pelzer, seit 1884, 12000 M.), 5 Beigeordneten (4 besoldet), 30 Stadtverordneten sowie einer königl. Polizeidirektion (Polizeipräsident Graf Matuschka-Greiffenklau). Die Feuerwehr umfaßt einen Branddirektor, Brandinspektor, 5 Brandmeister und 3 Compagnien mit je 28 Mann und 6 Pferden. Es bestehen 55 Feuermeldestellen, 1631 öffentliche Gasflammen und in mehrern Privathäusern elektrische Beleuchtung. Die große Wasserleitung ist seit 1880 im Betrieb.

Finanzen. Der Haushaltplan für 1895/96 schließt ab in Einnahme und Ausgabe mit 5454000 M., wovon 1717059 M. durch Umlage zu decken sind. Für Unterrichtszwecke werden aufgewendet 1159940 M.

Behörden. A. ist Sitz der königl. Bezirksregierung, des Landratsamtes für den Landkreis A., eines Landgerichts (Oberlandesgericht Köln) mit 16 Amtsgerichten (A., Aldenhoven, Blankenheim, Düren, Erkelenz, Eschweiler, Eupen, Geilenkirchen, Gemünd, Heinsberg, Jülich, Malmedy, Montjoie, St. Vith, Stolberg, Wegberg) und Kammer für Handelssachen, eines Amtsgerichts, Hauptzollamtes, einer Oberpostdirektion für den Reg.-Bez. A. mit 191 Verkehrsanstalten, 1332 km oberirdischer Telegraphenlinien mit 5046 km Leitungen, einschließlich 1414 km der Stadtfernsprechanlagen, sowie des Kommandos der 29. Infanteriebrigade und eines Bezirkskommandos.