Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

235

Babylonien (Kultur)

selten scheint man die Basreliefs bemalt zu haben. Wo viele Figuren zusammengedrängt erscheinen, wird die Darstellung oft verworren, wiewohl die verschiedenen Persönlichkeiten und Stämme immer hinreichend gekennzeichnet sind. Am bedeutendsten erscheint die assyr. Bildnerei und Malerei im engern Rahmen, wie z. B. bei Jagddarstellungen, in denen fast immer der Löwe musterhaft gelungen ist; so auf den in gebrannten Thonplatten ausgeführten Wandgemälden zu Ninive (Fig. 3). Außerdem ist die Darstellung geflügelter Gottheiten beliebt (Fig. 6). Als selbständige Bildwerke werden symbolische oder dämonische Gestalten bevorzugt; bekannt sind namentlich die geflügelten Portalfiguren, Löwenkörper mit Menschenhaupt zu Chorsabad (Fig. 2); doch sind auch Königsstatuen erhalten. Weiter brachte die assyr.-babylon. Kunst gewerbliche Leistungen, namentlich in Elfenbein- und Glasarbeiten hervor. In diesen erfuhr sie ägypt. Einwirkungen. Große Fertigkeit hatten die Assyrer im Schneiden von harten Steinen; Cylinder, Amulette und Gemmen bezeugen dies.

Die Darstellungen auf den assyr. Basreliefs und den Thorüberzügen von Balawat werfen gelegentlich auf das Privatleben einiges Licht. Alles deutet auf Pracht und Zierlichkeit in Tracht, Gewändern, Möbeln und Gerätschaften. Stickereien scheinen sehr kunstvoll ausgeführt worden zu sein; Ohrgehänge, Armbänder u. dgl. zeugen von einer saubern Technik. Zufällige Darstellungen von Trinkgelagen, Fischfang, Reiten der Frauen auf Maultieren, Schwimmen auf Schläuchen (wie noch heutzutage), Füttern von Pfauen, Schlachten von Schafen u. s. w. führen in das Leben ein. Die Vollendung der Weberei bezeugt Ezechiel (Kap. 27). (S. Tafel. Babylonisch-Assyrische Altertümer.)

Wissenschaften. Sehr beachtenswert ist die Ausbildung der Wissenschaften bei den Babylonier-Assyrern. Die schulmäßige Tradition und Fortbildung der Kenntnis der äußerst verwickelten Schriftarten der babylon.-assyr. Keilinschriften und die Abfassung von Hilfsmitteln zum Studium derselben für die Priester- und Gelehrtenschulen ist hier allein schon beweisend. Entstanden sind die zahlreichen Zeichen- und Wortlisten, die verschiedene Ordnungsprincipien erkennen lassen, und die grammatischen Paradigmensammlungen gewiß durch das Bedürfnis, die heilig gehaltenen Gesänge, Hymnen und Psalmen, und die Zauber- und Beschwörungsformeln, die den semit. Babyloniern in der sog. sumero-akkadischen Sprache bekannt wurden, zu interpretieren und in ihre eigene Sprache zu übersetzen, oder auch Produkte ihrer eigenen Lyrik (zum liturgischen Gebrauch) in die alte Sprache zurückzuübersetzen. Solcher Übersetzungen, die Zeile für Zeile mit dem sumero-akkadischen Text laufend mit diesem zusammen kopiert wurden, sind schon setzt mehrere Hunderte, freilich zum Teil nur in Bruchstücken, bekannt geworden. Die eigentlichen litterarischen Werke der Babylonier sind erst zu einem ganz geringen Teil ausgebeutet. Eine große Rolle scheinen darin allerhand Legenden über Götter, Dämonen und andere übernatürliche Wesen, Beschreibungen der Unterwelt oder des Himmels und eine Reihe von Tierfabeln gespielt zu haben.

Eine merkwürdige Beachtung wurde allerhand Vorbedeutungen, Traum- und anderer Wahrsagerei geschenkt; hierauf bezügliche Stücke sind im Britischen Museum äußerst zahlreich vertreten und harren der Bearbeitung. Die durch die Vorbedeutungen angedrohten Schicksalsschläge sind meist einförmig: Krieg, Dürre, Tod des Königs, Hungersnot, Sklaverei, Zerstörung von Stadt und Land u. dgl. Dazu kommen liturgische Werke. Zur Abwehr aller möglichen schädlichen Natureinflüsse, von Krankheiten u. s. w. sind bestimmte Vorschriften, Beschwörungsformeln nebst den begleitenden Ceremonien gesammelt. Daran schließen sich eine Reihe mediz. Rezepte, teils rein magischer Natur, teils, wie es scheint, auf einer vernunftgemäßen Mischung pflanzlicher und tierischer Stoffe basierend.

Viel fruchtbringender als die bisher besprochenen Arbeiten waren die der babylon.-assyr. Astrologie. Daraus, daß die Vorbedeutungen auf Himmelserscheinungen, Windrichtung, Wolkenzug u. s. w. ausgedehnt wurden, ergab sich naturgemäß die Beobachtung der Himmelskörper, die schließlich zu den Anfängen der wirklichen Astronomie führte, deren Schöpfer die Babylonier-Assyrer unzweifelhaft sind. In neuester Zeit hat man rechnungsmäßige astron. Aufzeichnungen aus der Zeit des spätbabylon. Schrifttums gefunden, woraus folgende Punkte über das astron. Wissen dieses Volks mit Sicherheit erschlossen wurden: sie gaben die Daten für Konstellationen von Ekliptiksternen; sie bezeichneten die heliatischen Auf- und Untergänge der Planeten; ferner die Opposition derselben mit der Sonne; ihre Kehr- oder Stationspunkte; sie besaßen ähnlich wie wir gewisse Tierkreissternbilder; sie bestimmten die helialischen Auf- und Untergänge des Sirius und desgleichen die Anfangstermine der astron. Jahreszeiten, vermutlich vom Herbstäquinoktium ausgehend. In der Mathematik der Babylonier-Assyrer ist besonders ein doppeltes Zahlensystem, Sexagesimal- und Centesimalsystem, hervorzuheben sowie die Aufzeichnung von Quadraten und Kuben der einfachen Zahlen; es scheint, daß ihnen auch der Begriff der arithmet. Reihen geläufig gewesen ist. Über ihre Geographie ist wenig bekannt; namentlich verdienen mehrere Landkarten im Britischen Museum Beachtung.

Litteratur. Von den Ausgrabungen handeln: Rich, Two memoirs on the ruins of Babylon, with a narrative of a journey to the site of Babylon in 1811 and another of a journey to Persepolis (Lond. 1839); Botta und Flandin, Monuments de Ninive (5 Bde., Par. 1846-50); Layard, Niniveh and its remains (2 Bde., Lond. 1849); ders., Monuments of Nineveh (2 Serien, ebd. 1849-53); ders., Nineveh and Babylon (ebd. 1853; deutsch Lpz. 1856; abgekürzte engl. Ausg., Lond. 1867); Oppert, Expédition scientifique en Mésopotamie (2 Bde., Par. 1859-63); G. Smith, Assyrian Discoveries (Lond. 1875); H. Rassam, Transactions der Society of Biblical Archaeology (Bd. 7 u. 8). - Entzifferungsgeschichte: Spiegel, Die altpers. Keilinschriften (2. Aufl., Lpz. 1881); Schrader, Die assyr.-babylon. Keilinschriften (ebd. 1872). - Textpublikationen: H. Rawlinson, The Cuneiform Inscriptions of Westerm Asia (Lond. 1861-91); De Sarzec, Découvertes en Chaldée (Par. 1884-93); Mitteilungen aus den orient. Sammlungen der königl. Museen zu Berlin, Heft 1-3 (hg. von Winckler, Berl. 1889-90); The Tell al-Amarna Tablets in the British Museum (hg. von Bezold, Lond.1892); Straßmaier, Babylon. Texte, Heft 1-11 (Lpz. 1887-94); Harper, Assyrian and Babylonian Inscriptions chiefly from Nippur, Bd. 1-2 (Lond. 1892-93); Old Babylonian Inscriptions chiefly from Nippur, Tl. 1 (hg. von Hilprecht, Philad. 1893); Winckler, Sammlung