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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Belgien (Geschichte 1830-65)

seiner nationalen Organisation und Hebung seines Wohlstandes. Bereits 1. Mai 1834 wurde ein Eisenbahngesetz verkündigt. Die Regierung, besonders der Minister Rogier, erkannte schon damals, daß dies noch neue Verkehrsmittel B. einen beträchtlichen Teil des bis jetzt den Flüssen und Kanälen Hollands folgenden Transitverkehrs zusichern müßte. Große Mühe machte die Organisation des Unterrichtswesens: man beschränkte sich fürs erste auf die des höhern Unterrichts. Auf Grund der von der Verfassung gewährleisteten Freiheit des Unterrichts war 1834 bereits eine kath. Universität zu Mecheln (bald nach Löwen verlegt), eine liberale zu Brüssel eröffnet worden. Das Gesetz vom 27. Sept. 1835 verordnete, daß die Prüfungen vor einer Staatskommission bestanden werden sollten. Am 30. März und 30. April 1836 kamen die wichtigen Gesetze über Gemeindewesen und Provinzialverfassung zu stande.

Fünf Jahre dauerte der Statusquo vom Mai 1833 infolge des sog. "Systems des Beharrens" des Königs der Niederlande. Erst 18. Aug. 1836 gab der Deutsche Bund seine Zustimmung zu der in den 24 Artikeln festgesetzten Eintauschung von Limburg gegen einen Teil des Luxemburgischen unter der Bedingung, daß in diesem letztern von belg. Seite keine Befestigungen angelegt würden. Von der öffentlichen Meinung des holländ. Volks und seiner Vertreter gedrängt, mußte das Haager Kabinett sich 14. März 1838 zur definitiven Annahme der 24 Artikel bereit erklären. Die nächste Folge ihrer Vollstreckung mußte von belg. Seite die Räumung von Limburg und eines Teils des Luxemburgischen sein, wogegen nun in B. lebhafte Reklamationen erhoben wurden. Die Londoner Konferenz aber entschied sich im Protokoll vom 6. Dez. 1838 für Aufrechthaltung der die Grenze beider Staaten betreffenden Bestimmungen der 24 Artikel; nur die von B. jährlich zu zahlenden Zinsen der Staatsschuld wurden auf 5 Mill. Frs. herabgesetzt. In B. herrschte eine kriegerische Stimmung: es wurde gerüstet und der ehemalige poln. General Skrzynecki zum Divisionsgeneral ernannt. Gegen diese Ernennung reklamierten die Gesandten Österreichs und Preußens, welche sogar Brüssel für einige Zeit verließen. Der Einmütigkeit der Großmächte gegenüber gab König Leopold bald nach. Strzynecli kam außer Aktivität, und die beiden kriegerisch gesinnten Minister Ernst und d'Huart nahmen ihre Entlassung; nach heftigen Debatten erklärten auch die 16. Febr. 1839 berufenen Kammern ihre Zustimmung zum Abschlusse des Vertrags. Hierauf erfolgte dessen Unterzeichnung 19. April von seiten B.s und der übrigen Mächte, nachdem dies von Holland schon 4. Febr. geschehen war. Erst 5. Nov. 1842 kam der Vertrag mit Holland zur endgültigen Fixierung des völkerrechtlichen Verhältnisses beider Lande zu stande.

Als die Rüstungen Frankreichs infolge der Orientalischen Frage Europa 1840 mit einem Kriege bedrohten, gab B. eine energische Erklärung seiner Neutralität ab und rüstete, um erforderlichenfalls dieselbe mit den Waffen aufrecht zu halten. Auch ging es auf den Antrag Frankreichs zu einer engen Zollunion nicht ein. Der belg. Staat war wesentlich durch die Union von Katholiken und Liberalen 1828 zu stande gekommen. Doch konnte die nationale Idee solche Gegensätze unmöglich ausgleichen. Bereits bei den ersten Beratungen über das Schulwesen traten dieselben deutlich hervor. Noch bis 1846 herrschte die Vorstellung, daß die Regierung die Einheit der Nation zu vertreten und über alle solche Unterschiede sich hinwegzusetzen habe. Die Kabinette waren nicht ausschließlich klerikal oder liberal; am wenigsten wollten sie als solche gelten. Doch überwog meistens der klerikale Einfluß wie in den Kammern so auch in der Regierung. Auf das vorwiegend liberale Kabinett Goblet-Rogier war das mehr klerikale de Theux-Muelenaere gefolgt 1834-40, darauf kurze Zeit das liberale Lebeau-Rogier April 1840 bis April 1841; dann bis Juni 1845 ein Kabinett Nothomb, das besonders als Vertreter der Union gelten wollte, wirklich auch liberale Elemente aufnahm, aber doch hauptsächlich dem klerikalen Zuge folgte. Seit 1834 war die Unterrichtsfrage schwebend geblieben. Es gelang dem Kabinett Nothomb, 23. Sept. 1842 ein Gesetz über den Primärunterricht durchzuführen und zwar mit übergroßer Majorität; in den Orten, wo nicht durch freie, d. h. meistens von der Geistlichkeit errichtete Schulen hinlänglich für den Unterricht gesorgt sei, sollten die Gemeinden Elementarschulen errichten, welche ebenfalls unter einer gewissen Oberaufsicht der Geistlichkeit stehen sollten.

Inzwischen wurde eine orangistische Verschwörung entdeckt, an deren Spitze General van der Meer und Exgeneral van der Smissen standen. In dem 28. Febr. 1842 vor den Brüsseler Assisen eröffneten Prozeß erkannte die Jury gegen mehrere Beteiligte auf Todesstrafe, die vom König in 20jährige Haft verwandelt wurde, der sich van der Smissen im Nov. 1842 durch die Flucht entzog, worauf im Febr. 1843 auch van der Meer, unter dem Versprechen, nach Amerika zu gehen, nebst einigen andern freigelassen wurde. Im besondern Interesse der flandr. Industrie kam 1842 ein 16. Juli zu Paris unterzeichneter, 1845 auf 4 Jahre verlängerter Handelsvertrag zu stande, wonach die belg. Leinenwaren bei ihrem Eingange in Frankreich von der kurz zuvor angeordneten Zollerhöhung befreit bleiben, dagegen auch eine Verminderung der belg. Eingangsgebühren auf franz. Weine, Seidenwaren und Salz statthaben sollte. Ein Beschluß vom 28. Aug. desselben Jahres dehnte die Frankreich zugestandenen Zollreduktionen, in Erwartung des Resultats der mit dem Deutschen Zollverein eröffneten Unterhandlungen, provisorisch auch auf deutsche Weine und Seidenwaren aus. Endlich trat 1. Sept. 1844 ein Handelsvertrag mit dem Deutschen Zollverein ins Leben, der die Handelslage B.s sehr verbesserte, wenn auch der belg. Eisenindustrie mancher Eintrag geschah. Diesem Vertrag folgten andere mit den Vereinigten Staaten (10. Nov. 1845) und mit Holland (29. Juli 1846), welche dem 1844 mühsam zu stande gebrachten Differentialzollgesetze gewaltige Risse versetzten.

Noch im April 1841 hatte das liberale Kabinett Lebeau-Rogier auf eine Adresse des Senats (17. März 1841) seine Entlassung nehmen müssen. Dies hatte bereits lebhafte Proteste im Lande hervorgerufen. Seitdem organisierte sich die liberale Partei stets fester, wozu besonders die Presse, an erster Stelle die von Devaux geleitete "Revue nationale", viel beitrug. Die großen Fragen betrafen die Tote Hand, die Wahlreform, den Unterricht; denn noch immer war der mittlere Unterricht nicht gesetzlich geregelt worden. Immer heftiger ward die Wahlagitation, schroffer der Gegensatz der Parteien. Nothomb modifizierte das Kabinett 16. April 1843 in mehr liberalem Sinne. Die Wahlen von 1843 und 1845 vermehrten die Zahl der Liberalen in den Kammern,