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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Blatt (botanisch)

gekerbt (crenatum, Fig. 4), ausgeschweift (repandum, Fig. 5), buchtig (sinuatum, Fig.6), ausgefressen (erosum, Fig. 7), oder es können Kombinationen zwischen zweien dieser Formen auftreten, wie z. B. gesägt-gezähnt (dentato-serratum), wo jeder Zacken des B. wiederum auf irgend eine Weise seicht eingeschnitten ist, oder es kann ferner auch jeder einzelne Zacken wiederum auf dieselbe Weise wie der ganze Blattrand eingeschnitten sein, man spricht dann z. B. von doppelt gezähnt (duplicato-dentatum), doppelt gesägt (duplicato-serratum, Fig. 8) u. s. w. Abgesehen von dieser äußerst mannigfaltigen Ausbildung des Blattrandes werden die einfachen B. noch nach den äußern Umrissen ihrer Blattspreite charakterisiert; man unterscheidet lineale (lineare, Fig.9), lanzettliche (lanceolatum, Fig. 10), spatelförmige (spathulatum, Fig.11), herzförmige (cordatum, Fig. 12), nierenförmige (reniforme, Fig. 13), eiförmige (ovatum, Fig. 14), umgekehrt eiförmige (obovatum, Fig. 15), pfeilförmige (sagittatum, Fig. 16), spießförmige (hastatum, Fig.17), schildförmige (peltatum, Fig. 18), schrotsägeförmige (runcinatum, Fig. 19). Wenn die Einschnitte nicht sehr weit in die Blattspreite hineingehen, so werden die B. gelappt (lobatum) genannt, und zwar dreilappig (Fig. 20), vierlappig, fünflappig u. s. w. Gehen die Einschnitte dagegen tiefer in das B. hinein, fast bis an den Mittelnerven oder an den Blattgrund, so heißt es geteilt (partitum), und man unterscheidet dann fiederförmige (pinnati-partium, Fig. 21a.), handförmige (palmati-partitum, Fig. 21b), fußförmige (pedati-partitum, Fig. 21c), leierförmige (lyrati-partitum, Fig. 21d) Teilung.

Bei den zusammengesetzten B. herrscht ebenfalls eine große Mannigfaltigkeit in den Formen; gehen die Blättchen strahlig von einem Punkte aus, so nennt man die B. je nach der Anzahl und der Anordnung der Blättchen zweizählig (binatum), dreizählig (ternatum, Fig. 24), vierzählig (quaternatum), gefingert (digitatum), handförmig (palmatum, Fig. 25) oder fußförmig (pedatum, Fig. 26) geteilt. Stehen dagegen die Blättchen nicht strahlig, sondern der Länge nach an einer Spindel, und zwar beiderseits, entweder gegenständig oder wechselständig, so nennt man das B. gefiedert (pinnatum) und unterscheidet wieder, je nachdem am Ende der Spindel ein Blättchen vorhanden ist oder nicht, unpaarig gefiederte (impari-pinnatum, Fig. 23) und paarig gefiederte (pari-pinnatum, Fig. 22) B.; oft ist das endständige Blättchen zu einer Ranke ausgebildet und man spricht dann von einem rankig gefiederten (cirrhose-pinnatum, Fig. 22) B.

Zwischen den verschiedenen Arten der einfach zusammengesetzten B. kommen nun die mannigfaltigsten Kombinationen vor; denn wenn mehrere einfach zusammengesetzte B. an einem Blattstiele stehen, so sind sie als einziges und zwar als ein doppelt zusammengesetztes B. anzusehen; in demselben Sinne kann man ferner von einer dreifachen u. s. w. Zusammensetzung sprechen. Fig. 27-29 stellen einige Formen doppelt zusammengesetzter B. dar. Es ist aus diesen wenigen Angaben schon ersichtlich, welche außerordentliche Mannigfaltigkeit in der Ausbildung der B. herrschen kann und in der Natur auch wirklich vorhanden ist. Außerdem giebt es nun noch eine ganze Reihe Blattformen von ganz eigenartiger Ausbildung, zunächst die stielrunden, pfriemförmigen u. a., an denen eine Grenze zwischen Blattspreite und Blattstiel nicht zu ziehen ist, sodann B. mit gitterartiger Durchlöcherung, wie z. B. bei Philodendron pertusum Kth., Ouvirandra fenestralis Pers. Ferner die B. mancher sog. fleischfressender Pflanzen, die kannenförmig ausgebildet sind, so diejenigen der Gattungen Sarracenia, Darlingtonia, Nepenthes, die schlauchförmigen untergetauchten B. von Utricularia (s. Insektenfressende Pflanzen und die zugehörige Tafel).

An der Stelle, wo die B. am Stengel ansitzen, kommen oft noch Gebilde vor, die ebenfalls für die systematische Unterscheidung der Arten von großer Wichtigkeit sind. Es sind dies sog. Scheiden (vagina) oder auch Tuten (ochrea) und die Nebenblätter (stipulae). In den meisten Fällen geht der Blattstiel von dem Punkte seiner Anfügung aus frei von dem Stamme ab, oft aber schließt er auch erst den Stengel auf längere oder kürzere Strecken vollständig cylindrisch ein und bildet erst dann die eigentliche Blattspreite. So ist es bei sehr vielen Monokotylen, z. B. bei den Gräsern, wo in jugendlichen Zuständen der Stengel vollkommen von jenen cylindrisch ausgebildeten Blattstielen, die man als Scheiden (Fig. 32) bezeichnet, eingehüllt ist. Bei einigen Pflanzen, z. B. bei den Arten der Gattung Polygonum, erhebt sich ein ähnliches Gebilde über der Insertionsstelle des B., ebenfalls auf eine kürzere Strecke den Stengel umschließend (Fig.33); ein solches scheidenartiges Gebilde nennt man Blatt-Tute.

Unter Nebenblättern versteht man kleine blattartige Anhängsel, die an der Insertionsstelle der B. am Stengel bei manchen Pflanzen auftreten, sie stehen gewöhnlich paarig zu der Mittellinie des betreffenden B. und sind von sehr verschiedenartiger Form. In Fig. 30 u. 31 sind zwei Arten von Nebenblättern dargestellt.

Hinsichtlich ihrer Lebensdauer sind die B. entweder einjährig, wenn sie nach der alljährlichen Wachstumsperiode abfallen, wie dies bei den meisten in den kältern Teilen der Erde einheimischen Pflanzen geschieht, oder sie sind ausdauernd und immergrün, wie z. B. diejenigen des Epheu, der meisten Nadelhölzer und sehr vieler, den wärmern Gegenden angehörigen Pflanzen.

Der anatomische Bau der B. ist je nach den Pflanzenfamilien ein sehr verschiedener. Bei den Moosen, wo die Differenzierung von B. und Stamm überhaupt erst beginnt, ist die Ausbildung der B. eine sehr einfache, sie bestehen meist aus einer einzigen Zellschicht, deren Zellen Chlorophyll enthalten, ähnlich ist es auch noch bei einigen Gefäßkryptoqamen, z. B. bei vielen Hymenophyllaceen (s. d.); bei den höhern Gefäßkryptogamen dagegen bestehen die B. stets aus mehrern Zellschichten, sie besitzen auf beiden Seiten eine wohl ausgeprägte Epidermis (s. d.) und in der Mitte mehrere Schichten grüner, also assimilationsfähiger Zellen.

Ebenso sind die B. der Phanerogamen aus mehrern Zellschichten zusammengesetzt, von denen die am weitesten nach außen liegenden als Epidermis ausgebildet sind und in den allermeisten Fällen kein Chlorophyll enthalten. Im Innern der B. liegen die assimilierenden Zellen, die gewöhnlich nach ihrer Gestalt in zwei Gruppen zerfallen, die einen bilden das sog. Palissadenparenchym, die andern das Schwammparenchym. Kann man an einem B. Ober- und Unterseite unterscheiden, d. h. ist die eine dem Licht zugekehrte Seite anders