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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Böhmen (Geschichte)

schiedene Übergewicht der hussitischen Waffen verwandelte B. thatsächlich in ein Wahlreich. So gelangte nach Ladislaus' Posthumus (1453-57) Tode der hussitisch gläubige, schlaue und kräftige Reichsverweser Georg von Podiebrad 1458 in den Besitz des böhm. Throns, auf dem er sich auch, trotz der päpstl. Bannstrahlen und der Feindseligkeit des Königs Matthias Corvinus von Ungarn sowie eines großen Teils seiner vornehmsten Vasallen, bis zu seinem Tode behauptete. Sein Nachfolger, ein poln. Königssohn aus dem Hause der Jagellonen, Wladislaw II. (1471-1516), gelangte 1490 durch Wahl auch in den Besitz der ungar. Krone und verlegte hierauf seinen Sitz nach Ofen, wo auch sein Sohn und Nachfolger Ludwig (1516-26) residierte. Nachdem Ludwig 1526 in der Schlacht gegen die Türken bei Mohacs geblieben, kamen B. und Ungarn an den von den Ständen (23. Okt. 1526) erwählten Gemahl seiner Schwester Anna, den Erzherzog Ferdinand von Österreich, den spätern Kaiser Ferdinand I. Dieser wollte die Böhmen bewegen, in dem Schmalkaldischen Kriege wider den Kurfürsten von Sachsen die Waffen zu ergreifen. Da sie aber seinen Wünschen schroff entgegentraten, strafte er nach seines Bruders Karl V. Siege bei Mühlberg die Widerspenstigen auf das empfindlichste, vernichtete auf dem sog. Blutigen Landtage von 1547 die Privilegien der Stände, besonders der autonomen Städte, und setzte wieder die Anerkennung der Erbrechte seines Hauses durch. Ihm folgte 1564 sein Sohn Maximilian und diesem die Söhne Rudolf, 1576, und Matthias, 1611. Gegen das Lebensende des letztern entstanden wegen verletzter Religionsfreiheit der Protestanten Unruhen, die das Haus Österreich mit dem Verlust B.s bedrohten. Denn mit Übergehung Kaiser Ferdinands II., der schon bei Lebzeiten seines Vetters Matthias zum König von B. gekrönt worden war, wählte man, in falschem Vertrauen auf die Hilfe seines Schwiegervaters Jakob I. von England, 1619 den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz. Als aber der Sieg am Weißen Berge bei Prag, 8. Nov. 1620 (s. Dreißigjähriger Krieg), zum Vorteil des Kaisers entschieden hatte, wurden 27 der Urheber und Teilnehmer des Aufstandes hingerichtet, 16 verbannt oder zu ewigem Gefängnis verurteilt und ihre Güter eingezogen. Letzteres Schicksal traf auch die bereits gestorbenen und die 29 entwichenen. Auch von solchen, die weniger beteiligt waren, wurden in B. 480 Edelleute, in Mähren über 300 Personen ihres Vermögens ganz oder teilweise beraubt. Die Güterkonfiskationen wurden in B. auf einen Wert von 30, in Mähren von 5 Mill. Fl. geschätzt. Die Union der Böhmischen Brüder und die luth. Kirche, zu denen sich ein sehr großer Teil des Adels- und Bürgerstandes sowie ein Teil der Bauern bekannte, wurden unterdrückt, die frühere Verfassung 1627 aufgehoben, B. in ein rein monarchisches und rein kath. Erbreich verwandelt. An 36 000 Familien, darunter 185 aus dem Herren- und Ritterstande, alle prot. Prediger und Lehrer, eine Menge Künstler, Kaufleute und Handwerker, die nicht katholisch werden wollten, wanderten aus nach Sachsen, Brandenburg, Polen, Schweden, Holland u. s. w. Durch den Ankauf der konfiscierten Güter bereicherten sich insbesondere Wallenstein (der Herzog von Friedland) und der Statthalter Fürst Liechtenstein. Sehr viele Besitzungen wurden vom Kaiser dem Erzbistum Prag, den Jesuiten und andern Geistlichen geschenkt. Furchtbar wütete nachher der Dreißigjährige Krieg im Lande. Von den 3 Mill. E., die B. 1618 gezählt haben soll, waren 1648 nur noch 800 000 übrig. Seitdem nahm das Land immer mehr einen provinziellen Charakter an, der gesetzlich durch die Pragmatische Sanktion Karls VI., der die Stände 1720 zustimmten, zum vollen Ausdruck gelangte. Nach Karls VI. Tode, 1740, machte Karl Albrecht, Kurfürst von Bayern, auf B. Anspruch und ließ sich in Prag von den Ständen huldigen; allein Maria Theresia behauptete das Land (s. Österreichischer Erbfolgekrieg); ebenso später, als im zweiten Schlesischen und im Siebenjährigen Kriege die Preußen wiederholt nach oder vor Prag gerückt waren. Unter Joseph II. war B. eins jener Länder, auf das sich die reformatorische Thätigkeit dieses Monarchen vorzugsweise richtete, wie es denn die Aufhebung der Leibeigenschaft ihm verdankt.

Durch die Kriege der Napoleonischen Zeit wurde B. wenig betroffen; auch die franz. Julirevolution ließ B. unberührt; erst später entwickelte sich dort eine Art ständischer Opposition, die sich, freilich vorsichtig und in untergeordneten Dingen, gegen den Druck des Metternichschen Systems richtete. Als jedoch die europ. Revolution von 1848 ausbrach, geriet auch B. in heftige polit. Bewegung. Mit der freien Regung der heimischen Elemente trat aber zugleich auch der Gegensatz derselben zu Tage. Die deutsche Bevölkerung B.s, von nationaler Begeisterung erfaßt, sah in der Nationalversammlung zu Frankfurt das Bollwerk ihrer Freiheit, die czechische ihrerseits erblickte wieder in der Paulskirche die drohendsten Gefahren für ihren nationalen Bestand. Die Flamme der Zwietracht loderte auf. Um dem deutschen Streben ein Gegengewicht zu setzen, wurde ein Slawenkongreß nach Prag berufen. Am 31. Mai 1848 trat derselbe zusammen, beendete aber seine Sitzungen nicht. Denn ein Konflikt zwischen Volk und Militär am Pfingstmontage (11. Juni) erregte einen blutigen Straßenkampf, der 15. Juni ein Bombardement, die Unterwerfung Prags und die Sprengung des Slawenkongresses zur Folge hatte. Indessen dauerte der nationale Widerstreit fort. Auf dem ersten konstituierenden Reichstage Österreichs bildeten die czech. Deputierten in geschlossener Masse die Rechte, die zur Regierung hielt, während die deutschen Abgeordneten B.s mit wenig Ausnahmen der Linken angehörten. Beim Ausbruche der Wiener Oktoberrevolution flüchteten die czech. Deputierten und bewirkten namentlich die Verlegung des Reichstags nach Kremsier (in Mähren). Sie stützten die Regierung in ihrem Kampfe gegen die Magyaren und übten einen bedeutenden Einfluß auf den Gang der Dinge. Mit der Auflösung des Reichstags im März 1849 erreichte dieser Einfluß der Czechen sein Ende. Dagegen wurden im Lande die nationalczech. Bestrebungen dem deutschen Elemente gegenüber auf dem socialen und litterar. Gebiete fortgesetzt. Als der für Österreich ungünstige Ausgang des Italienischen Krieges von 1859 die innere Lage im Kaiserstaate änderte, trat die czech. Agitation auch auf dem eigentlich polit. Gebiete wieder hervor, und die Partei begann ihre Endziele, die Czechisierung des Landes und die Herstellung der "Krone B.", aufzudecken. Auf dem im Frühjahr 1861 infolge des Oktoberpatents und der Februarverfassung versammelten böhm. Landtage hatte die czech. Partei das Übergewicht. Sie protestierte anfangs gegen die Reichsratswahlen, setzte aber hierauf die Wahl ihrer Parteiführer durch, die sich nun im Ab-^[folgende Seite]