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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bunsen (Christian Karl Josias, Freiherr von)
die ältere Geschichte des christl. Rom an. Aus den
lctztern ging auch das treffliche Werk "Die Basi-
liken des christl. Rom" (Münch. 1843) hervor. Die
erste Anwesenheit Champollions in Rom 1826 bil-
dete eine neue Epoche in V.s Altertumsstudien.
Er ward nicht nur eifriger Zuhörer des franz. Ge-
lehrten, sondern munterte auch Lepsius zu hierogly-
phischen Studien auf. Für das Archäologische In-
stitut, das in Rom im Winter 1829 gegründet wurde,
blieb B. während seines ganzen, bis 1838 dauern-
den Aufenthalts in Rom als dessen Generalsekretär
ununterbrochen thätig. Als er 1835 das.Hospital
nebst Wohnhaus für deutsche Künstler und Gelehrte
l(^a33. ^I.rp6H) gründete, erbaute er daselbst zugleich
neben seiner Wohnung auf dem Kapitol einen Ver-
sammlungssaal für das Archäologische Institut.
Der Belebung des evang. Gemeindegottesdienstes
widmete er sowohl praktisch in der Gesandtschafts-
kapelle zu Rom als litterarisch durch den "Versuch
eines allgemeinen evang. Gesang- und Gebetbuchs"
(Hamb. 1833; später u. d. T. "Allgemeines evang.
Gcsang- und Gebetbuch", ebd. 1846 neu erschie-
nen ' 2. Aufl. 1871) rege Teilnahme.
Seit 1827 war B.s amtliches Leben bewegter ge-
worden. So hatte er für die europ. Gesandtcnton-
fcrenz in Rom zur Ordnung der Angelegenheiten
des Kirchenstaates den als "N6M0l3.näum äsl
KIn^Fio 1832" bekannten Neformentwurf ausgear-
beitet und das Breve über die gemischten Ehen vom
25. März 1830 erwirkt, das freilich den Keim zu
wcitern Differenzen in sich trug, wie die Kölner
Wirren zeigten. Eine wenig glückliche That war
namentlich der geheime Vertrag, den er 1834 mit
dem Erzbischof Spiegel von Köln über eine mildere
Ausführung des Vreves abschloß. V. unternahm
nach der Verhaftung des Erzbischofs Droste, der
Spiegels Nachfolger war, 1837 den Versuch, den
Papst zu einer versöhnlichen Ausgleichung zu brin-
gen. Was er dafür that, fand weder den Beifall
der Kurie noch seiner Negierung. Im April 1838
wurde er abberufen und erhielt einen Reiseurlaub
nach England. Nach Ablauf desselben ging er im
Nov. 1839 als preuh. Gesandter nach Bern. Von
dort ward er von Friedrich Wilhelm IV. 1841 nach
Berlin berufen, und zum Zweck der Errichtung eines
evangelischen engl.-preuß. Gesamtbistums in Jeru-
salem mit einer außerordentlichen Mission nach
England beauftragt. Bald darauf erfolgte seine
Ernennung zum preuß. Gesandten in England.
In B.s amtlicher Stellung blieb 1848-52 seine
Thätigkeit besonders auf die Verteidigung der Rechte
Deutschlands und der.Herzogtümer gegen Däne-
mark gerichtet. 1818 veröffentlichte er das "K^moir
011 td6 coußtitutionki rindig ok t1i6 Duedi68 ol
I^IuiLlLton 8"' ^in-ii 1848". Während der ersten
Monate des 1.1849 führte er als Bevollmächtigter
Preußens und der Centralgewalt die Waffenstill-
standsverhandlungen mit geringem Erfolge; erfolg-
reicher war seine Einwirkung auf den König in der
Deutschen Frage im Jan. 1849. 1850 protestierte
er gegen das Londoner Protokoll, nachdem er ver-
gcdens versucht hatte, die Abfassung desselben zu
verhindern. Doch mußte er 8. Mai 1852 den Lon-
doner Vertrag unterzeichnen. Seine Bemühungen,
brim Ausbruch der orient. Wirren Preußen zur
Parteinahme gegen Rußland zu vermögen, hatten
zur Folge, daß er im Juni 1854 die erbetene Ab-
berufung erhielt. V. ließ sich zu Charlottenberg bei
Heidelberg nieder. Nachdem er 1857 auf besondere
Einladung des Königs der Versammlung der Evan-
gelischen Allianz zu Berlin beigewohnt hatte, er-
folgte seine Berufung in das preuß. Herrenhaus und
seine Erhebung in den Frciherrenstand. Körperliche
Leiden nötigten ihn, zwei Winter zu Cannes zu-
zubringen. Im Frühjahr 1860 siedelte er nach Bonn
über, wo er jedoch schon 28. Nov. 1860 starb.
Ungemein vielseitig war neben seiner politischen
immer seine wissenschaftliche Thätigkeit gewesen. In
dem Werke "Die Verfassung der Kirche der Zu-
kunft" (Hamb. 1845) entwickelte er zuerst den freiern
Standpunkt, der ihn mehr und mehr von seinen
frühern religiösen Gesinnungsgenossen trennte.
Aus kirchengeschichtlichen Studien gingen hervor:
"Ignatius von Antiochien und seine Zeit" sHamb.
1847) und "Die drei echten und die vier unechten
Briefe des Ignatius von Antiochien" (ebd. 1847).
Noch weiter griff die Untersuchung "Hippolytus und
seine Zeit" (englisch, 4 Bde., Lond. 1851; deutsch,
2 Bde., Lpz. 1852-53), der anstatt einer zweiten
Auflage das umfangreiche Werk "Olii-iztianit^ an 6
mNQkwä"(7Vde.,Lond.1855) folgte. Die wachsende
Intoleranz der auf cvang. wie kctth. ^eite die Herr-
fchaft anstrebenden Kreise veranlaßte die Schrift
"Die Zeichen der Zeit" (2 Adchn., Lpz. 1855; 3. Aufl.
1856), die das größte Aufsehen erregte. Nachdem
B. hierauf das Werk: "Gott in der Geschichte, oder
derFortschritt des Glaubens an eine sittliche Weltord'
nung" (3 Bde., Lpz. 1857-58) veröffentlicht hatte,
begann er die Bearbeitung des auf neun Bände be-
rechneten "Vollständigen Bibelwerks für die Ge-
meinde", das er als die Hauptaufgabe seines Lebens
betrachtete, von dem er jedoch nur das Erscheinen
des ersten, zweiten und fünften Bandes erlebte.
Das großartige Werk ist von Holtzmann und Kamp-
hausen in B.s Geiste und mit Benutzung seiner
hinterlassenen Vorarbeiten zu Ende geführt worden
(9Vde., Lpz. 1858-70). (S. Bibel, Bd. 2,'S. 961a.)
Als Frucht von V.s ägypt. Studien erschien "Ägyp-
tens Stelle in der Weltgeschichte" (5 Bde., Gotha
1845 - 56). - Vgl. Baehring, B.s Bibclwerk nach
seiner Bedeutung für die Gegenwart beleuchtet (Lpz.
1861; 2. Aufl. 1870). - Eine eingehende Schilderung
von B.s Leben bietet die von feiner Witwe verfaßte
Biographie: ^ meuioii- otLaron L. (2 Bde., Lond.
1867; 2. Aufl. 1869), die in der von Nippold bear-
beiteten deutschen Ausgabe: Christian Karl Iosias
Freiherr von B. Aus seinen Briefen und nach
eigener Anschauung geschildert von seiner Witwe
(3 Bde., Lpz. 1868-71), noch durch viele Mittei-
lungen aus seinem Nachlasse bereichert wurde; eine
gedrängte Biographie gab Vachring: V., Lebensbild
eines deutsch-christl. Staatsmannes (ebd.1892). Sehr
inhaltsreich ist L. von Rankes Veröffentlichung: Aus
dem Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit B.
(ebd. 1873; 2. Aufl. 1874). Am 25. Aug. 1891, dem
hundertjährigen Geburtstage B.s, wurde ihm in
seinem Geburtsort Corbach ein Denkmal errichtet.
Seine Witwe Frances, Freifrau von B., ge-
borene Waddington (geb. 4. März 1791), starb
23. April 1876 zu Karlsruhe.- Vgl. Hare, 1^6 au6
I6tt6!-L 0k^r3.uo68 N3.I-0Q633V. (2 Bde., Lond. 1879;
deutsch von Hans Tharau, 6. Aufl., Gotha 1890).
Der älteste der fünf Söhne B.s, Heinrich von
B., geb. 1818, in England erzogen, war Pfarrer z^l
Donnington Rectory bei Wolverhampton und starb
19. März 1885. - Der zweite Sohn, Ernst von
B., geb. 1819, preuß. Hauptmann a. D. und Kam-