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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Burg (Befestigungswerk)
Aufmerksamkeit auf die Verteidigung des einzigen
Zuganges. Lag die V. in der Ebene, so war man
bemüht, ihr einen möglichst geringen Umfang zu
geben, damit die Besatzung sie überall zu verteidigen
vermöge. Der Kreis oder das Quadrat waren daher
die beste Grundform, welcke im 10. und 11. Jahrh,
vorzugsweise bei den aus Holz und Erde errichteten
B. (Spitzwällen, s. d.) in Anwendimg kam. Ahn-
lich waren aber auch die Steinburgen. Diese
bestanden aus einem Burg türm, meist von recht-
winkliger Gestalt, der sich nach unten in 2-3 ter-
rassenförmigen Absätzen verbreiterte. Jeder dieser
Absätze war mit Zinnen versehen. Diese Türme
fs. Tafel: Burgen I, Fig. 2), die in neuerer
Zeit ungenauer Weise Bergfried (s. d.) heißen,
hatten im Erdgeschoß keine Thüren, der Eingang lag
vielmehr mehrere Meter über dem Boden und war
nur durch Leitern, herabgelassene Stricke, wohl auch
durch Fallbrücken zugänglich. Die Türme hatten
nach auften Buckelquadern, um das Emporschieben
der Leitern durch den Feind zu erschweren, meist
gar keine Fenster und waren daher zum Wohnen
wenig geeignet, dienten vielmehr zur Verteidigung
und zum Auslugen. Doch erhielten sie oft Kamine,
in den tiefen Fensterbrüstungen Sehgelegcnheit und
dackofenartige Gelasse zum Schlafen. Die Besatzung
oder der Burgherr mit seiner Familie bewohnten sie
nur im Augenblick der höchsten Gefahr, während
für gewöhnlich sein oberstes Stockwerk dem Wächter
zum Aufenthalt und im Kriegsfalle zur Aufstellung
von Wurfgeschossen diente, mit Zinnen und einem
Schutzdach gegen feindliche Geschosse versehen war.
In ältester Zeit ward der Burgturm rund oder vier-
eckig, später auch drei- und fünfeckig, dann aber stets
mit schrägen Fläcken und in spitzem Winkel den an-
fliegenden Geschossen entgegengestellt. In dem un-
tern, nur durch eine Öffnung von oben zugäng-
lichen, sehr stark und ohne Fensteröffnungen ange-
legten Teil des Burgturms befanden sich das Ver-
ließ oder Gefängnis, in das die Gefangenen hin-
untergelassen wurden, und Vorratsräume. Die
Abmessungen des Burgturms waren oft sehr bedeu-
tende: in der Wartburg bei Eisenach 9 in breit,
Mauerstärke 3 m, Thür 5 ni über dem Boden,
Verließ 12 m tief, Höhe bis zur Plattform 22 m; B.
Steinsberg bei Sinsheim 11 m breit, Mauerstärke
3,8 m, 29 m hoch, Thür 12 in über dem Boden,
Verließ 11 m tief; Niederburg zu Nüdesheim 9,5 in
breit, Mauerstärke 3,6 m, Höhe 39 m; das Verließ
ein Schacht von 2 m Breite und über 20 m Tiefe.
Die nur um den Burgturm gruppierten Anlagen
nannte man Burgställe, festes Haus oder bei
größerer Ausdehnung Hofburg; bei geringern
Mitteln ihrer Erbauer oder bei beengender Lage
auf Felsen (woher "Stein" in vielen Vurgnamen)
bestehen die Burg st alle aus einer Umfassungs-
mauer, einem Palas, einem Frauenhause, einer
Küche und dem Turme. Da sich aber Palas, Keme-
nate und Küche leicht im Turme anbringen ließen,
so finden sich nicht selten B., die nur aus Mauer
und Turm bestehen. Als Beispiel einer solchen nur
sür Vesatzungszwccke dienenden Anlage mag die
lDberburg bei Rüdesheim (s. Taf. l, Fig. 3) gelten,
deren Türme sich über drei inmitten eines Grabens
aelegenen, von Zinnen umgebenen Stufen erbebt,
sodah der Zugang zu der letzten, nur durch Seile
zugänglichen Thür hartnäckig auch nach der Ein-
nahme der untern Bauwerke verteidigt werden kann.
Bei andern B., die an der Lehne eines Berges
liegen, bildet der meist breit angelegte Turm den
Schild gegen die von der benachbarten Höhe kom-
menden Geschosse (Schildburgen). Oft werden
dann auch zwei durch einen Wehrgang verbundene
Türme angelegt. Als Beispiel einfacher Anlage
dienen die B. Liebenzell (s. Taf. I, Fig. 1) und
als solche reicherer Anordnung Schloß Ehrenfels
(s. Taf. II, Fig. 5). In den meisten Fällen wurden
die ältern Burgställe im 15. und 16. Jahrh, zu
Hofburgen nachträglich umgestaltet, wie z. B. das
Schloß Kriebstein in Sachsen (s. Taf. I, Fig. 4),
in welcher der starke, mit sechs Pechnasen versehene
Turm schon zu Ende des 15. Jahrh, von einem Hof
und Baulichkeiten umgeben wurde, welche den
Felsenkegel in allen Teilen für den Haushalt des
Besitzers ausnutzen. Solche Hofburgen waren
allseitig, namentlich an den von Natur schwachen
Stellen von einem Wall, einem Graben und Mauer-
oderPfahlwerk (den Zingeln) umschlossen. Durch
dieses gelangte man mittels eines, selten zweier
Thoreingänge zu dem geräumigenVmhoie sZwin-
ger, Iwingelhof, Zwingolf),der sich zwischen
den Zingeln und der eigentlichen B. befand. Die
Thore selbst waren entweder kleine B. für sich oder
neben oder zwischen niedern, zur Verteidigung des
Eingangs bestimmten Türmen angebracht. Ein
Teil des Zwingers war gewöhnlich von Wirtschafts-
gebäuden und Ställen eingeschlossen und durch
einzelne, in der Umfassungsmauer angebrachte
Türme geschützt, aber nach der B. zu offen und,
wie überhaupt der ganze Zwinger, von letzterer
durch einen Graben geschieden, nber den zwischen
Zwinger und eigentlicher V. befindlichen Graben
gelangte man, namentlich bei gröftern Burganlagen
und Wasserburgen, auf einer Zugbrücke (Schiff-
brücke, Slagebrücke) zu dem auf einem festen, in
den Graben vorspringenden Mauerwerk ruhenden,
ein Steingewölbe bildenden Thor (Porte, Fall-
thor; s.Taf.I, Fig. 5). Nber diesem war die Mauer
mit Zinnen versehen, hinter denen sich ein bedeckter,
nach dem Innern der B. zu offener Gang (die
Wer oder Letze) hinzog, von dem aus man durck
die Luken (Fenster) der Zinnen mit Armbrüsten
oder Steinen schoß. Hölzerne Wergänge wurden
vor den Zinnen angebracht, damit man auf die
Angreifer am Fuße der Mauer Steine sentrecbl
hinabwerfen konnte. Durch das Tbor trat der Aw
kommende unmittelbar in den Burghof oder erst
in einen zweiten, engern, von der Burgmauer und
den im Burghof befindlichen Gebäuden gebildeten
Zwinger. Bei letzterer Einrichtung gelangte man
aus diesem innern Zwinger, der bisweilen nicht um
die ganze B. herumlief oder teilweise, besonders in
der Nähe der Frauenwohnungen, in einen Baum-
^ garten umgeschafscn war, durch einen offenen, hallen-
l artigen, mittels Fallgittern schließbaren Durchgang
! in den innern Burghof. Das Leben auf solchen B.
j hat man sich keineswegs als ein behagliches dar-
zustellen. In den kleinen Vurgställen fehlte es oft
am Nötigsten. Die Heizung durch Kamine war un-
genügend, die Fenster durch Brettläden verschlossen,
sodaß man zwischen Dunkelheit und Zug zu wählen
hatte, der Fußboden aus Estrich, die Zahl der
Geräte war selbst noch im 15. Jahrh, unbedeu-
tend. Doch fehlte selten in der Nähe ein Spicl-
und Turnierplatz, ein Gärtchen u. dal. In er-
weiterter Form zeigen solche Anlagen aus frühe-
rem Mittelalter das Schloß Ehrenfels am Nhein
(s. Taf. II, Fig. 5) und aus dem 15. Jahrh, die an