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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Camões

thaten und seiner Verdienste als Schriftsteller mit einem Gnadensold von 15000 Reïs (nach heutigem Geld etwa 68 deutsche Mark) jährlich, auf drei Jahre, die später aber bis zum Tode des Dichters verlängert und nach demselben, auf Befehl Philipps II., auch der greisen Mutter bis an ihr Lebensende ausgezahlt wurden. Nur langsam drang der Ruhm des Dichters durch Portugal (das ihn später freilich nahezu vergöttert hat) und über seine Grenzen. Des Dichters letzte Periode umfaßte zehn trübe Jahre, obwohl noch immer manches schöne Lied von seinen Lippen strömte. Die furchtbare Niederlage von Alcazar-Quivir (4. Aug. 1578), in welcher der König mit seinen Getreuen das Leben, das Vaterland aber seine Freiheit und Selbständigkeit verlor, brach auch dem Dichter das Herz. Als Philipps span. Truppen in Portugal einzogen, starb C., 10. Juni 1580, vermutlich an der herrschenden Pestseuche. Die Erzählung, sein javanischer Diener Antonio, der ihm treu ergeben nach Europa gefolgt sei, habe nachts in den Straßen von Lissabon für seinen Herrn betteln müssen, ist eine Sage. In Armut und Verlassenheit aber starb er; ohne Sang und Klang wurde er in der Kirche des St. Annenklosters beigesetzt. Erst 16 Jahre später ließ ein Freund des Dichters, Dom Gonzalo Coutinho, ihm ein Grabmal setzen, auf welchem die Inschrift stand: "Hier ruht Luiz de Camões, der Fürst der Dichter seiner Zeit. Er starb 1579." Der Zusatz: "Er lebte arm und elend und also starb er", ist apokryph. Daß das Datum 1580 das richtige ist, bezeugt ein amtliches Dokument aus der Kanzlei Philipps II. Das Grabmal wurde durch das Erdbeben von 1755 und durch Umbauten des Klosters zerstört; die Gebeine des großen Toten zu finden war nicht möglich. Vereint mit allen andern, die überhaupt aus dem Boden der Klosterkirche ausgegraben wurden, hat man ihnen 1854 eine neue Ruhestätte gegeben im Pantheon König Emanuels, der Klosterkirche von Belem, gegenüber der Aschenurne Vasco da Gamas. Ein Standbild errichtete dem Dichter 1867 die Stadt Lissabon.

Seinen Weltruf dankt C. dem Nationalepos, das er schuf: in alle Kultursprachen ward es übersetzt; 97 Ausgaben und 44 Übersetzungen bezeugen das (7 spanische: Caldera, Tapia, Garcez, Gil, Conde de Cheste, Arques, Sanjuan; 7 italienische: Paggi, Gazzano, Anonymus, Nervi, Briccolani, Carrer, Bellotti; 9 französische: Duperron de Castera, d'Hermilly und Laharpe, Millié, Fournier und Des Paules, Ragon, Aubert, Albert, Azevedo, Cool; 1 lateinische: Thomé de Faria; 6 englische: Fanshaw, Mickle, Musgrave, Mitchell, Aubertin, Duff; 7 deutsche: Heise, Winkler und Kuhn, Donner, Booch-Arkossy, Eitner, Wollheim da Fonseca, Storck; 1 holländische: Stoppendaal; 1 dänische: Lundbye; 1 schwedische: Loven; 1 böhmische: Pichla; 2 polnische: Przybinsky, Pietrowsky; 1 russische: Dmitrieff, und 1 ungarische: Gyula). "Os Lusiades", die "Lusiaden" (nicht die "Lusiade"), d. h. die Lusitanier oder Abkömmlinge des Lusus, des fabelhaften Ahnherrn der Portugiesen, sind unter den sog. modernen Epopöen die einzige, die sich dem epischen, volkstümlich-ursprünglichen Geiste nähert. Das Gedicht entstand unter Verhältnissen, jenen ähnlich, die allein ein echtes Epos erzeugen können, in der Zeit der Heroenzüge der Portugiesen nach Afrika und Asien, unter dem durch diese Wunderthaten hervorgerufenen begeisternden Aufschwunge des mächtig emporstrebenden Nationalbewußtseins. Die "Lusiaden" sind daher auch mehr ein episches Nationalgemälde des portug. Heldentums als ein zur Feier eines einzigen Helden, einer vereinzelten Großthat gesungenes Gedicht. Die Unternehmung Vasco da Gamas, die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien, bildet zwar das Haupt- oder Mittelstück in dieser Heldengalerie; an dasselbe aber sind die tapfern Thaten und die merkwürdigen Schicksale der übrigen Lusiaden angereiht, doch nicht in langweiliger Reihenfolge, etwa chronikenmäßig hergezählt, sondern in kunstgerechten Gruppen in den Bau des Epos eingefügt. Dabei berichtet der Dichter mit stolzer Wahrhaftigkeit und vollkommener histor. Treue, ohne die dunkeln Flecken zu verwischen, die er an einzelnen Helden rügen muß. Homer, Virgil und Ariost sind C.' Muster, besonders der zweite; im Geschmacke seiner Zeit verband er aber christl. Mythologie mit den Fabeln der heidnischen. Überhaupt umwob er die Darstellung der Geschichte seines Volks mit Erfindungen seiner eigenen schöpferischen Phantasie. Die Verse der "Lusiaden", die, dem "Rasenden Roland" gleich, in Oktaven geschrieben sind, haben etwas überaus Anziehendes und Wohllautendes; die Sprache ist von klassischer Reinheit und Rundung. Das allgemeine Interesse des Gedichts und das, was ihm eine Sonderstellung unter allen modernen Epen giebt, besteht vorzüglich in dem feurigen, patriotischen Gefühl, von welchem es durchdrungen ist; außerdem setzt aber die farbige Einkleidung der Handlungen und die lebendige Pracht und Treue seiner Naturschilderungen in Staunen. Einen großen Seemaler nennt W. von Humboldt den portug. Dichter.

Nächst den "Lusiaden" schrieb C. drei Komödien, "Die Amphitrionen", "König Seleukus" und "Die Liebe des Philodemo". Außerdem aber ist er ein großer lyrischer Dichter, der größte, den das 16. Jahrh. hervorgebracht hat. Sein Parnaß, d. h. die Sonette (356), Canzonen (22), Elegien (27), Oden (12), Oktaven (8) und Idylle (15), kurz all die Gedichte, die er in ital. Versmaßen geschrieben hat, bilden zusammen mit seinem "Cancioneiro", d. h. den kleinen Liedern in trochäischen Kurzzeilen, die er nach span. Art gedichtet (über 150), einen Gesamtbesitz so reich und mannigfaltig, wie nicht Petrarca, nicht Garcilasso, nicht Tasso ihn aufzuweisen haben. Leider aber hat C. nicht selber eine Ausgabe seiner "Rimas" besorgt, noch auch ein druckfertiges Manuskript hinterlassen: ein solches, das er 1567 - 69 auf Mozambique zusammenstellte, soll ihm entwendet worden sein. In alle Winde waren die Blättchen zerstreut, auf die er seine Gefühlsergüsse niedergeschrieben. Nur der Sorgfalt einiger Bewunderer des Dichters ist es zu danken, daß überhaupt in den verflossenen drei Jahrhunderten nach und nach gesammelt worden ist, was C.' Namen trug. Ob aber alles, was so veröffentlicht ward, echt ist, hat die Kritik noch nicht endgültig entschieden; die Textgestaltung der camonianischen Lyrik ist noch keine definitive; eine mustergültige Ausgabe davon giebt es also noch nicht. Gewöhnlich bilden die "Rimas" einen Teil der Gesamtwerke; doch erschienen sie zuerst getrennt (1595). Die vollständigste Ausgabe der sämtlichen Werke ist dem Visconde de Juromenha zu verdanken (mit Biographie des C., 6 Bde., Lissab. 1860 - 69); die billigste und handlichste ist die von Theophilo Braga besorgte ("Biblioteca da Actualidade", 3 Bde., Porto 1874); die in Deutschland verbreitetste ist die von Barreto Feio

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