Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Daktyliothek - Dalayrac
feierlich geweihter Ring wurde von einer verhüllten,
um den Kops geschorenen, in den fänden Eisenkraut
baltenden Person, nachdem die Gotter durch eigene
Gebetsformeln versöhnt waren, an einen Faden be-
festigt und auf einer runden, am Rande mit Buch-
staben bezeichneten Tafel so lange hüpfend bewegt,
bis er auf einen der Buchstaben sprang. Nachdem
dies mehreremal wiederholt war, wurden die Buch-
staben zur Beantwortung der gegebenen Frage zu-
sammengesetzt. Sonst glaubte man auch, daß ge-
wisse Ringe den Besitzer gegen Schlangenbiß schütz-
ten oder beim Drehen des Steins nach innen unsicht-
bar machten. Einen Ring dieser Art sollte Gyges
(s. d.), König von Lydien, besessen haben.
Daktyliothek (grch., eigentlich "Behältnis für
Ringe"), Sammlung von geschnittenen Steinen
ls. Gemme). Als im Zeitalter Alexanders d. Gr. die
Steinschneidekunst eine große Vollkommenheit er-
reicht hatte, mag die Sitte aufgekommen fein, eigene
Sammlungen für gefchnittene Steine anzulegen.
Die älteste D. in Rom stammte von Scaurus, Sullas
^tiefsohn her; Pompejus brachte die reiche Gemmen-
sammlung des Mithridates nach Rom, Eäsar legte
sechs D. im Tempel der Venus Genetrir an, während
Marcellus, der Enkel des Augustus, eine solche
für den Tempel des Palatinischen Apollo stiftete.
Als dann mit dem Verfall des Römischen Reichs auch
die Steinschneidekunst außer Übung kam, wurden
bedeutende Stücke dieser Art dadurch erhalten, daß
Kleinodienkästen, Neliauienschreine und Kirchenge-
säße damit geschmückt wurden. Durch Petrarca
wurde man zuerst in Italien wieder anf jene wert-
vollen Kunstprodukte des Altertums aufmerksam.
Die ital. Adelsfamilien wie die Mediccer in Florenz,
Gonzaga in Mantua, Este in Modena, Farnefe in
'Rom u. a., sowie die Päpste Julius II. und Leo X.
legten wieder D. an. Gegenwärtig sind die wichtig-
sten öffentlichen Sammlungen geschnittener Steine:
die im Münz- und Antikenkabinctt zu Wien , die
an großen Kameen von hohem Werte reichste Samm-
lung auf der Nationalbibliothek in Paris, in der
Eremitage zu Petersburg, in den Usfizien zu Florenz
und im Museum zu Neapel. Unter den öffentlichen
Sammlungen geringern Umfangs sind die in Berlin,
Cafsel, Kopenhagen, Gotha und im Haag zu nennen.
- D. nennt man auch eine Sammlung von Abgüssen
der Gemmen (s. Paste); sodann eine Sammlung ent-
weder von Abbildungen (Kupferstichen), die Gemmen
mit Bildnissen (von'Vellori), mit Abrarasbildern
(von Chifslet), mit Inschriften (von Ficoroni), mit
den Namen der Verfertiger darstellen (von Stosch),
oder von Abbildungen geschnittener Steine einer
ganzen Sammlung, z. V. der Sammlung von Gori
in dem Mi36um I^ioi'LMinuin, der frühern Pariser
von Mariette im "^i-aitö äe8 pi6li-63 Fi<^v^68 etc."
"2 Bde., Par. 1750), der des Herzogs von Orlöans
(jetzt in Petersburg) von La Chan und Le Blond
in der "Dezeription äes piincipaieL pi6i'i'68 ^rav^68
<w c^dinet än änc ä'OrieanL" (2 Bde., Par. 1780
-84), der Wiener von Eckhel im "lütioix äeg pi6i-re8
^vav668 clu. (^dinet imperial" (Wien 1788) und von
Arneth in den "Monumenten des k. k. Münz- und
Antikenkabinetts zu Wien" (ebd. 1849).- Vgl. Murr,
Vid1i0tk6HU6 Ai^ptoFrHpkihUE (Dresd. 1804).
DaktyNtis (grch.), die Fingerentzündung.
Dakthlologie (grch.), die Kunst, an den Fingern
zu rechnen. Bei den Römern wurden die Zahlen
bis 99 teils durch Einschlagen, teils durch Krüm-
mungen der Finger der linken Hand bezeichnet;
ebenso mit der rechten Hand die Zadlen von 100
bis 9000^ die Zahlen über 9000 mit der ganzen
Hand, indem man sie in die Höhe, an die Brust
u. s. w. hielt, und zwar von 10000 bis 90000 die
linke, von 100000 bis 900000 die reckte Hand.
Eine Million wurde durch Faltung der Hände über
dem Kopfe angedeutet. - D. ist auch die Bezeichnung
für Fingersprache (s. d.).
Dakthlolyfe (grch.), Ablösung, Absterben von
Fingergliedern durch zunehmende angeborene ring-
förmige Hautvertiefung (Epitheleinsenkung), ähnlich
wie bei der Ainhum genannten ringförmigen Ab-
fchnürung der kleinen Zehe der Neger.
Takthlosmilcusis (grch.), f. Amputation.
Daktylosymphysis (grch.), das Zusammen-
wachsen von Fingern oder Zehen.
Daktylus (grch., d. i. Finger), nach den drei
Fingerglicdern so benannt, ein aus einer langen
und zwei kurzen Silben zusammengesetzter Vers-
fuß (- ^> ^). Die Verbindnng desfclben zu einer
rhythmischen Reihe bildet die daktylische Versart;
namentlich gehört hierher der Hexameter (s. d.) und der
Pentameter (s. d.). - Mittelhochdeutsche Daktylen
wurden namentlich in der Frühzeit des Minnesangs
(vor 1200) nach dem Muster roman. Zehnsilber gern
gebaut (zuerst durch Rudolf von Fenis). Sie bestan-
den überwiegend aus hebungsfähigen Silben und
wirken dadurch schwerfällig, durchaus nicht leicht-
beflügelt und stark rhythmifch; sie sind ein interessan-
ter Versuch, das Gleichgewicht der roman. Silben
im Deutschen nachzuahmen, wo in Wort und Satz
die stärksten Verschiedenheiten zwischen betonten
und unbetonten Silben bestehen. - Vgl. Wilmanns,
Untersuchuugen znr mittelhochdeutschen Metrik
(Bonn 1888). ^ Talsland.
Dal, schwed. Grenzlandschaft gcgen Norwegen,
Dal^(Dalj), Wladimir Iwanowitsch, s. Dahl.
Dalai-Lama, s. Lama.
Dalai-nor (d. h. der heilige See), der Ku - lun -
^ ee der Chinesen, See in der nordöstl. Mongolei, im
Lande der Chalcha-Mongolen, in der Nähe der russ.
Grenze, ist etwa 60 km lang, 40 1<m breit und hat
360 km Umfang. Die Ufer find uneben, das Wasser
flach, salzig und mit Schilf bestanden. Von SW.
ergießt sich der Kerulen in den See; mit dem Argun
tritt er nur im Frühling bei Hochwasscr in Ver-
bindung. - D. heißt auch der Baikal (s. d.).
Dalaminza, ein Gau der Mark Meißen (i. d.).
Dalarna (Dalarne), schwed. Name der Land-
schaft Dalekarlien (s. d.) in Schweden.
Dalayrac oder d' Alayrac (spr.daläräck), Nico-
las, sranz. Komponist, geb. 13. Juni 1753 zu Muret
(Languedoc), widmete sich der Musik erst, nachdem
er bereits Advokat und Ossizier gewesen war.
Nach dem ersten großen Erfolg mit den beiden
komischen Opern "1^6 petit Loupei'" und "I^e ckevli-
Ii6i- ^ 1a. IN0Ü6" wandte er sich ganz der dramat.
Komposition zu und schrieb bis zum Tode l27. Nov.
1809) 56 Opern, mit denen er länger als zwei Jahr-
zehnte die franz. Bühne vollständig beherrschte, sogar
MehulundCherubini zurückdrängte. Auch in Deutsck-
land wurden seine Opern häufig gegeben: "Zwei
Worte" und "Die beiden Savoyarden" crbielten sich
bis gegen 1840. D.s Opern sind untereinander
und in sich ungleich, oft trivial, in der Regel in der
Erfindung besser als in der Ausführung. Aber alle
zeigen ein hervorragendes dramat. Muslttalem und
poet. Entwurf; einzelne wie "Itkoul ä6 Oequi" und
"I.eiieinHii" (die bedeutendste Arbeit T.s) dürfen als