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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Deutsche Litteratur

unglaublicher Stoffreichtum, ihre Innigkeit, ihre starke Gedankenarbeit, ihr scharfer Blick für die Bilder des Lebens, ihr derber Witz, leider auch ihr schmutziges Behagen und ihre grenzenlose, alle Wirkung vernichtende Formlosigkeit.

V. Periode (vom Beginn des 17. Jahrh. etwa bis zu Klopstocks "Messias" 1748). In ihr folgt auf das reiche und üppig kraftvolle Jahrhundert Luthers unzweifelhaft die unfruchtbarste und unselbständigste Zeit, die die deutsche Litteratur je gehabt hat. Aber diese Zeit fing doch an, dem Gefühlsleben des Individuums die Zunge zu lösen, und sie lehrte vor allem eine sorgfältige, wenn auch vorerst nur nachahmende Pflege der Form. So wird sie die notwendige Vorschule unserer klassischen Dichtung.

So große Fortschritte die wissenschaftliche deutsche Prosa in der verstandesharten Periode der Reformation gemacht und so bemerkenswerte Leistungen sie aufzuweisen hatte (z.B. Dürers technische Kunstschriften, Aventins, Francks, Tschudis Geschichtswerke u. a.), so dauerte es doch noch bis über den Dreißigjährigen Krieg hinaus, bevor die lat. Bücher, die Deutschland druckte, von den deutschen an Zahl erreicht wurden: Kepler und noch Leibniz schrieben lateinisch. Neben der von jeher sehr beträchtlichen Übersetzungslitteratur ist es bis ins 17. Jahrh. herein die prot.-theol. Schriftstellerei, die unter den wissenschaftlichen Arbeiten in dem Interesse des Publikums den Löwenanteil genießt. Aber sie war mehr und mehr in dogmatischen Zänkereien verknöchert, die weder den Gefühls- noch den moralischen Bedürfnissen der Frommen genügen konnten. Da wurden das praktische Christentum des kernigen Schwaben Andreä (gest. 1654), die friedfertig und gemütlich erbauenden Schriften des herzenswarmen Joh. Arnd (gest. 1621) und sogar die seltsam vergrübelte Gottesweisheit des mystischen Görlitzer Schusters Jak. Böhme (gest. 1624) eine Herzenswohlthat für viele unbefriedigte Seelen, die zumal in den Schrecken des Krieges geistlicher Stärkung bedurften; die Bücher dieser Männer bereiteten dem Pietismus Speners, dem Liede Gerhardts die Wege.

Durch ihr individuelleres Gemütsleben vorwärts weisend, sind Arnd und Andreä als Dichter doch noch ganz Kinder des 16. Jahrh. mit seinen durch meistersingerische Silbenzählung versteiften Knittelversen und seiner ungebildeten, derben Sprache. Das Verdienst, Vers und Rede geregelt zu haben, gebührt dem Schlesier Martin Opitz (1597-1639), obgleich schon der elegante lat. Poet Melissus, als er Marots Psalmen im Versmaß der Originale deutsch übertrug (1572), ebenso ein um Zincgref gescharter Heidelberger Dichterkreis und vor allem der vielgereiste, an engl. und franz. Poesie gebildete Schwabe Georg Rodolf Weckherlin, ein höfischer Weltmann von entschiedener lyrischer Begabung, in ähnlicher Richtung gestrebt hatten. Denn Opitz zuerst hatte den glücklichen Instinkt, die Grundzüge der Renaissancedichtung in einem, Scaliger und Ronsard nachgeahmten, poet. Lehrbuch, dem "Buch von der deutschen Poeterei" (1624) zusammenzufassen, und er verstand es zugleich, ohne jedes wirklich produktive Talent korrekte Muster der neuen Dichtart zu schaffen. Diese strebt mit Bewußtsein und Erfolg danach, das Interesse des Adels dadurch zu gewinnen, daß sie sich nach den elegantern antiken und neulat., franz. und holländ. Mustern verfeinert. Sie gilt als lehrbar: daher die Überfülle von Poetiken, die die Periode hervorbringt, unter ihnen Harsdörffers berüchtigter "Poetischer Trichter". Ihre Sprache strebt nach dialektloser Sauberkeit und Zierlichkeit. In ihren Versen wechselt Hebung und Senkung regelmäßig ab: der Alexandriner ist, trotz seiner Eintönigkeit, ihr Lieblingsvers; doch versucht sie sich auch gern in andern antiken und modernen Metren. Man hat diese Poesie mit Recht gelehrt-höfisch genannt. Der Theolog und namentlich der Jurist steigt, in diesen bewegten Zeiten den Fürsten unentbehrlich, oft in die Kreise des Adels auf; die Gelehrten bilden mit dem Adel eine Zeit lang das Publikum der vornehmen Litteratur; Edelleute und Studierte finden sich in den nach dem Muster ital. Akademien eingerichteten Sprachgesellschaften zusammen, deren bedeutendste die 1617 gegründete, unter Herzog Leopold von Anhalt-Dessau blühende Fruchtbringende Gesellschaft war. Ein schöner Patriotismus beseelte diese Gesellschaften, der sich nicht sowohl in ihrem gelegentlich ausartenden Purismus (Zesens Deutschgesinnte Genossenschaft) äußerte, als in ihren ehrlichen Bemühungen um die Richtigkeit der deutschen Sprache, aus denen tüchtige grammatische und lexikalische Arbeiten erwuchsen (Gueintz "Deutscher Sprachlehre Entwurf", Schottels "Arbeit von der teutschen Haubtsprache" u. a.), und in einem Kampf für die alte deutsche Zucht, der in diesem Jahrhundert der Fremdländerei und Landsknechtmoral sehr am Platze war: trafen sich doch während des großen Krieges aller Herren Unterthanen auf deutschem Boden; eigneten sich doch deutsche Fürstensöhne und Edelleute an den Höfen von Paris, Versailles und Madrid kritiklos die Sitten des Auslandes an. So hat Deutschland damals die litterar. Moden aller Völker mitgemacht, den Marinismus und Euphuismus so gut wie den Naturalismus. Aber es hatte doch auch, als diese Krankheit erst überstanden war, von allen gelernt.

Am deutlichsten prägt sich der Wandel des Geschmacks aus in der Lyrik. Während das Epos trotz den Bemühungen des Tasso-Übersetzers D. von dem Werder völlig darniederliegt, ist sie in jeder Hinsicht die Hauptgattung des Zeitalters. In ihr überwuchert mehr und mehr die Gelegenheitsdichtung der Hochzeits-, Leichen-, Gratulationscarmina, die, aus den Bemühungen um die Gunst adliger Mäcenaten erwachsen, bald zur handwerksmäßigen Reimerei und würdelosen Schmeichelei herabsank: doch darf man nicht vergessen, daß ein Mann wie Dach nur Gelegenheitsreime schrieb, daß "Anke von Tharaw" nichts anderes als ein Hochzeitscarmen war. Opitz' Lyrik zeigt einen steifen, würdigen Odenstil, durch den ein gesundes didaktisches Element wohlthuend durchbricht; seine engern Genossen (erste Schlesische Schule: Tscherning, Nüßler u. a.) werden weitaus überragt durch den frischern Voigtländer Paul Fleming (1609-1640), der wirkliche innere Erlebnisse natürlich und mit wahrem poet. Empfinden besang, durch den Königsberger Dichterkreis (Dach, Albert, Roberthin), dessen volkstümlichen Reimen die gleichzeitige Pflege der Musik zu gute kam, endlich durch die in den Greueln des Krieges verdüsterte Muse des bedeutendsten, aber auch schwerblütigsten Dichters der Epoche, Andr. Gryphius. Von Opitz' franz.-holländ. Renaissancedichtung führen die spielerigen Künsteleien und süßlichen Tändeleien der Kirnberger Pegnitzschäfer (Harsdörffer, Klai, Birken) dann herüber zu dem ungezügelten ital.-span. Manierismus, der in der "galanten" Dichtung der zweiten Schlesischen Schule (Hofmannswaldau, gest.