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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Englische Verfassung
und nach Rechten weiter haben sollen, so wie es
die Ooinin0N8 dargelegt haben, doch wünscht der
König bei dem Erlaß von Gesetzen oder bei Geldbe-
willigungen oder Snbsidien, oder bei allen Ange-
legenheiten, die das allgemeine Wohl des Reichs
betreffen, ihren (d. i. der ^oinmon8) Rat und Zustim-
mung zu baben. (Über die jetzige Gerichtsbarkeit des
HouLQ oll^oräZ, s.i^oi'äs, II0U86 ok.) Als Ratsver-
sammlung des Königs kommt das Na^nuin (^on-
oilinm, nachdem einmal das ?iiv^ (^ouncii (s. Id)
sich definitiv gestaltet hatte, nicht mehr zusammen.
d. Engerer Staatsrat (1'iiv^ Oonneil). Es
ist anzunehmen, daß unter den Mitgliedern der
großen Ouria N6Zi8 unter den normann. Königen
die Hauptbeamten sich häusiger als die Gesamt-
körperschaft versammelten, um den König in wich-
tigen Angelegenheiten zu beraten. Ein regelmäßig
zusammengesetzter engerer Rat erscheint jedoch erst
seit Heinrich III. (unter der Bezeichnung continuei
con3oi1) lAiniiilN'6 ooncilium, LLOlLtuui oonciliuin
u. s. w.) und hat unter Eduard I. bereits einen
bestimmten Wirtungskreis. Zu ihm gehörte die
Beratung des Königs in Bezug auf Bittschriften,
die die Milderung der strengen Rechtsprechung der
Gerichtshöfe bezweckten. Diese Bittschriften wurden
zunächst dem Kanzler (s. Ic) zur Begutachtung zu-
gewiesen, und aus dieser Praris bildete sich im
Laufe der Zeit die sog. Villigkeitsgerichtsbarkeit
dieses Beamten aus. Ferner hatte dieser engere
Rat auch Anteil an der Gesetzgebung. Unter
Eduard III. sind die Reichsstände unzufrieden dar-
über, daß der Rat auch Besteuerung anordnet (1359).
Verschiedene Male verlangen auch die Neichsstände
das Recht, bei der Besetzung des Rats mitzuwirken
und unter den Königen aus dem Hause Lancaster
beschäftigen sie sich öfter mit der Ausarbeitung von
Regulativen für diefe Behörde. Auch über die Ein-
griffe des Rats in das Gebiet der Rechtsprechung
hat.das Parlament ein wachsames Auge. Während
so die Macht des Rats dem Parlament gegenüber
in Schranken gehalten wird, wächst sie andererseits
dem Könige gegenüber. Während der Minderjährig-
keit der Könige Heinrich III., Richard II. und Hein-
rich VI. und während der Abwesenheit Heinrichs V.
werden die tönigl. Befugnisse von dieser Behörde
ausgeübt. Aber auch unter gewöhnlichen Verhält-
nissen konnte die königl. Machtvollkommenheit wäh-
rend dieser Zeit nur unter Mitwirkung des Rats
ausgeübt werden. Unter Heinrich VI. kommt die
Bezeichnung ?iiv^ Oouneil zuerst zur Anwendung.
Unter den Tudors wächst wieder die persönliche
Macht des Königs, namentlich unter Heinrich VIII.,
und unter diesen Königen, ebenso wie unter den
Stuarts, ist der ?riv^ (^ounoil ein williges Werk-
zeug für die übergriffe der Krone. Durch den be-
rüchtigten Oourt 0k 8tÄi' Odamdki- (s. Sternkammer)
werden die gerichtlichen Befugnisse des Rats auch
in Strafsachen von neuem zur Anwendung gebracht
und erweitert, doch hört diese Gerichtsbarkeit 1641
endgültig auf. Nach der Wiedereinsetzung der
Stuarts (1600) bildet sich allmählich die Praxis aus,
daß nur einzelne unter den ?riv^ ^ouneilwi^ den
König beraten, und hieraus entsteht das System der
beutigen Kabinettsregicrung (s. (^dinet). Einzelne
Abteilungen des Rats bestehen weiter oder bilden
sich für besondere Zwecke. Auch werden die Funk-
tionen des Könifts nock jetzt formell stets "in
Ooulici/", In Wirklichkeit aber nur in Gegenwart
weniger I'riv^ ^0uiiciI1or8 ausgeübt. Äls Ge-
samtkörperschaft tritt diefe Behörde nicht mehr zu-
sammen (s. auch I'liv^ (^ouiicii).
c. Die Staatsämter und Gerichtshöfe:
". die Staatsämter. Der Hauptstaatsbeamtc
unter den normann. Königen war der Oberrichter
(.Iu8ticiai-), der während der Abwesenheit des Königs
als Regent fungierte und auch während seiner An-
wesenheit das Haupt der Finanzverwaltung und der
Rechtspflege war. Das Amt nahm nach dem Falle
des mächtigen Hubert de Burgh (1232) an Würde ab
und wurde noch vor Ende des 13. Jahrh, beseitigt.
Als Haupt der Justizverwaltung bethätigt sich in der
Folge der Kanzler (^liancsilor). Ein solcher Beamter
besteht schon seit Eduard dem Vekenner und fungierte
zuerst nur als Hauptschreiber des Königs, wurde aber
allmählich sein vertrauter Ratgeber, namentlich in
Bezug auf Bittschriften gegen allzu harte Vefchlüsse
der gewöhnlichen Gerichtshöfe. Meiftenö dem geist-
lichen Stande angehörend (nachdem das Amt an
Ansehen stieg, regelmäßig ein angesehener Prälai)
suchte er Treu und Glauben im Gegensatz zu der
Strenge des Rechts zur Geltung zu bringen. Aus
dieser Funktion entwickelte sich eine regelmäßige Ge-
richtsbarkeit (s. Id), die den Namen der Billigkeits-
gerichtsbarkeit erhielt. In der Regel war und ist noch
heute der Kanzler Vewahrer des großen Siegels, das
unter allen wichtigen Staatsurkunden abgedruckt
werden muß, und ist im ganzen Verlauf der engl.
Geschichte einer der wichtigsten Staatsbeamten ge-
blieben (s. auch I^orä ^iiHncLlioi-). Ferner sind von
hervorragender Bedeutung die Beamten der Finanz-
verwaltung. Eine Abteilung der Ouria. Ii6zi8 (im
engern Sinne) war das Schatzamt Mxc1i6yu6i', s. d.),
dem der ^rO^nrer vorstand, der nach Beseitigung
des Amtes des "Iu3tioiar ebenso wie der (^kmcsilor
ein Hauptbeamter des Königreichs wurde. Sein
Titel ist später I^orä Hi^ii 1r6a8ur6r, und die Macht
dieses Beamten war eine so überwiegende, daß man
häusig das Amt nicht besetzte und es durch eine aus
mehrern Mitgliedern bestehende Kommission ver-
walten ließ. Seit Wilhelm III. ist dies regelmäßiger
Gebrauch geworden, und das Amt des I^orä IiiZIi
^l6a8ui'6i' wird jetzt durch die <Ü0inini88i0ii6i'8
ok Her N^'63tx'3 1r6H8ur^ verwaltet (im gewöhn-
lichen Sprachgebrauch I^orä3 ol tiis 'Ii-e^ur^ ge-
nannt), unter denen der höchstgestellte, ^ii'8t I^orä
ok td6 ^roH8ur^, meistens die Funktion eines Pre-
mierministers ausübt und die Regierungspartei
im Ü0U36 ok (^0INM0N8 leitet, weshalb er auch
als Leiter des Hauses bezeichnet wird. Der zweite
I^orä ok tiis ^r6H3nr^ ist der ^liLmckiior ok tlie
Uxc1i6(iu6i', der jetzt die eigentlichen Funktionen
eines Finanzministers ausübt. Der Präsident des
Oouncii hatte nie eine hervorragende Stellung als
Staatsbeamter. Der Titel findet sich bereits zur
Zeit Eduards III. Das Amt wird jetzt gewöhnlich
einem bohen Adligen verliehen, defsen Anwesenheit
im Kabinett erwünscht ist, der aber sür die regel-
mäßige Thätigkeit als Haupt eines Zweigs der
Staatsthätigkcit keine besondere Neigung oder
Fähigkeit hat. Das heute höchst wichtige Amt eines
Staatssekretärs war srüher von untergeordneter
Bedeutung. Der Sekretär des Königs hatte, nach-
dem der OliancLilor allmählich wichtigere Befugnisse
übernommen hatte (s. oben), die Korrespondenz des
Königs zu führen und war mit dem sinnet (dem
Privatsiegel, im Gegensatz zu dem großen Staats-
siegel, (Fi-e^t 86^1, und dem Siegel, mit dem die
später mit dem Staatssicgel zu versehenden Urkun-