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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Epos
schließliche Sammlung solcher Lieder und ihre Um-
gestaltung zu einem einheitlichen und Poet. Ganzen
(was nur durch Hinzudichtung von Übergängen und
Bindegliedern, durch Aus- und Angleichung wider-
strebender Teile, durch Wandlung des Gesanges in
einfache Recitation geschehen kann) entsteht dann das
Volksepos. Die berühmtesten Volksepen der gesam-
ten Weltlitteratur sind die "Ilias" und die "Odyssee",
letztere an Poet. Wert ihre ältere Schwester über-
ragend. (S. Homer.) Als analog entstanden sind
anzusehen die ind. Epen "NaKadiiarNtii" und "Na-
ma^Hna,", das pers. "8c1i3.1i'^aN6li" des Firdusi,
die franz. "OtiaiiLoii äs K0I3.ua", das sinn. Epos
"Kalewala"; die german. Epen "Beowulf", "Nibe-
lungenlied", "Gudrun" verdanken ihren Zusammen-
schluß aus Liedern Zum Epos jedenfalls direkt oder
mittelbar Einflüssen fremder Kunstpoesie. In der
nordischen "Edda" und dem span. "Cid", auch in
den serö. Gesängen vom Helden Marko u. a. liegen
die Volkslieder noch im lockern Zustande, unver-
mittelt und durch keine ordnende, fügende Künstler-
hand verschmolzen vor.
Das eigentliche Epos findet sich nur in der arischen
Völkerfamilie; das Schi-king der Chinesen, das
ägypt. Heldenbuch vom großen Ramses, die zwölf
zusammenhängenden Abenteuer der Simsonsage
(ursprünglicher Sonnenmythus?), das Siegeslied
der Deborah und ähnliche Erzeugnisse der hebr.
Litteratur entsprechen nur höchst unvollkommen den
Kunstgesetzen der Gattung.
Die epische Volksdichtung ist eine aus dem gan-
zen Volt entspringende und dem ganzen Volk an-
gehörige, durch den lebendigen Gesang mitteilbare
Darstellung einzelner Mythen und Sagen (Märchen
und Tiersagen). Die einzelnen Lieder, welche das
Epos nach und nach bilden (indem sie um einen her-
vorragenden Punkt, der zum Mittelpunkt wird, sich
gruppieren), pflanzen sich, wie sie aus dem Munde
des Volks hervorgingen, so im Munde desselben
Volks durch Generationen und Jahrhunderte fort,
sie kommen bei allen Anlässen der gesteigerten Le-
bensthätigkeit und Empfindung (Mahl, Gelage,
Tanz, Krieg, Fest u. s. w.) zum Vortrag und er-
leiden im Laufe der Zeit durch die halb bewußte,
halb unbewußte Mitwirkung der Zuhörer allerlei
Veränderungen durch Zu- und Umdichten, aber auch
durch Weglassung und Kürzung. Es ist ein Läute-
rungsprozeß, der sich nach und nach vollzieht, bis
die ganze Volksseele (Empfinden und Denken, Wün-
schen und Wollen, Glauben und Hoffen) ihr Bild in
diesen Liedern sich abspiegeln steht. Es kann je nach
der Stimmung ein ernstes oder heiteres oder ein
aus beiden Stimmungen gemischtes Bild sein, es
kann auch wechseln, je nach den Idealen, welche das
sittliche Leben des Menschen beherrschen (vgl. auf
der einen Seite "Ilias" und "Nibelungen", auf der
andern "Odyssee" und "Gudrun"; dort Heldenmut
und Heldenkraft, hier Klugheit und Ausdauer, dort
das tobende Schlachtgewühl, hier das rauschende
Meer). Da aber das Altertum jedes seiner Ideale
in irgend einer Gottheit verkörpert sieht, so ist kein
Epos denkbar, in welchem nicht der göttlichen Ein-
und Mitwirkung ein breiter Raum gegönnt wäre.
Die Einheit des Epos muß aus dem Kern
herauswachsen, um welchen sich nach und nach die
Lieder angesammelt haben, in ihr muh sich das
Ideal verkörpern; dies kann aber nur in einer kon-
kreten Gestalt, dem Helden, in die Erscheinung
treten. Da aber in den ursprünglichen verschiedenen
Liedern dieser nicht durchweg der Mittelpunkt war,
und bei derVerschlnelzung nicht alle Teile, die sich nicht
unmittelbar auf ihn bezogen, wegfallen durften, ohne
daß das Ganze an Schönheit, Fülle und Mannig-
faltigkeit fchwere Einbuße erlitten hätte, so traten
diese Teile als Episoden in den Rahmen des Epos
hinein. Daher die behagliche Breite des Epos, seine
Ausbiegungen nach links und rechts, nach vorwärts
und zurück, seine Nebenfiguren, die in den ursprüng-
lichen Liedern wohl die Rolle der Hauptfiguren ge-
spielt hatten. Die Komposition des Epos ist darum
lockerer, nicht so knapp und geschlossen wie beim
Drama, dessen auf ein Ziel gerichtete Handlung kein
Verweilen bei Episoden (s. d.) duldet. Diese (für das
Epos charakteristischen) Episoden gehören zwar vor-
zugsweise, aber nicht ausnahmslos, einem und
demselben Sagenkreise an; schon in der "Ilias" fin-
den sich deutliche Fäden aus andern Kre'lM in den
troischen Sagenstofs hineingewoben, und mit der
Ausgestaltung des Epos durch die sog. Cyklischen
Dichter (s. d.) vermehren sich diese Ausnahmen, das
Epos selber wird cyklisch, d. h. es hat die Tendenz,
den Stoff (nicht zum Vorteil der Kunst) aus ver-
schiedenen lokalen Sagenkreisen zusammenzuhäufen,
ohne ihn zur Einheit zu verfchmelzen.
Hiermit beginnt das Gebiet des Kunstepos.
Der Haupt- und Grundunterschied, der es in Gegen-
satz zu der Volksdichtung stellt, ist der, daß es
die Schöpfung eines einzelnen Dichters ist. Ein
zweiter, zwar nicht notwendig, aber gewöhnlich vor-
handener, ist der Bruch mit dem Glauben an My-
thus und Sage, der dritte, der die Art des Vor-
trags betrifft (ob recitierend oder mit Gesang oder
gar nicht für Vortrag berechnet), ist nebensächlich und
durch keine feste Norm bestimmbar. Virgil hat die
"Sage", auf welcher seine "Äneide" beruht, zum
großen Teil selber erfunden, von einem naiven
Glauben an feine Götterwesen kann also keine Rede
sein; noch weniger bei Ovid in seinen phantastischen
"Metamorphosen" (in denen sonst alle nur denk-
baren Arten des Epos vertreten sind), und später bei
den Romantikern, einem Camoes (in den"Lusia-
den"), Ariost (im "Nasenden Roland"), Tasso ("Be-
freites Ierufalem") u. a. Das Götter- und Fabel-
wesen wird hier zum üppigen, reizenden Spiel, an
welchem Gemüt und Glaube keinen Anteil rnehr
haben, um so größern die Phantasie. In diese Ka-
tegorie gehören auch die Ritterepen des Chre^tien de
Troyes und in Deutschland die der Pfaffen Konrad
und Lamprecht, Hartmanns von Aue, Gottfrieds
von Straßburg und Wolframs von Eschenbach.
Immerhin lebte zu ihrer Zeit noch in manchen
Kreisen ein Nachhall heidnischer (vornehmlich ger-
man.) Mythologie, der Glaube an Nixen, Elfen
u. s. w., fort, während dann Wieland im "Oberon"
die Märchen- und Zauberwelt seiner Elfen u. s. w.
mitten in eine kühle glaubensleere Gegenwart
hineinstellte und nur durch Anregung der Phantasie
oder gar durch auflösende Ironie genießbar machte.
Man sah sich also, wenn man überhaupt noch ein
ernstes Epos schaffen wollte, genötigt, den Nnter-
und Hintergrund der Sage zu verlassen oder ihn
wenigstens in den (christl.) Legenden zu suchen' dies
thun im religiösen Epos Milton im "Verlorenen
Paradies" und Klopstock im "Messias", der zu dem
großen Thema zurückkehrt, das einst der altsächs.
"Heliand" und Otfrids "Evangelienharmonie" ge-
staltet hatte. Das christl. Dogma, nicht bloß die
Legende, kennt aber das Wunder, und auf diesem