Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

694

Gehör

Physiologie des G. (in Hermanns großem "Handbuch der Physiologie", Bd. 3, Tl. 2, ebd. 1880).

Daß die meisten Tiere hören, d. h. die Schallwellen der Luft bez. des Wassers oder auch die Erschütterung des Bodens oder Gegenstandes, auf dem sie sich befinden, lehrt der Augenschein, aber nicht bei allen haben sich Organe auffinden lassen.

Bei allen Wirbeltieren (abgesehen vom Amphioxus) sind Gehörorgane leicht nachweisbar. Sie befinden sich immer paarig am Kopf, liegen ihm seitlich an oder sind in der Regel durch Entwicklung besonderer knöcherner Umhüllungen in ihm mit aufgenommen. Bei den Säugetieren zeigt das Ohr in der Regel, wie beim Menschen, drei Abschnitte als äußeres, mittleres und inneres Ohr. Das äußere Ohr ist ein von spangen- oder muschelförmigen Knorpelstücken gestützter, oft durch Haarsäume vergrößerter, durch besondere Muskeln beweglicher, schallauffangender Apparat, welcher bei Wüsten- und Steppenformen (Hasen, Pferden, Füchsen, Erdferkel) in der Regel am besten entwickelt ist, bei erd- und wasserbewohnenden Formen (Maulwurf, Seehunden, Waltieren, Monotremen) rudimentär wird oder ganz verschwindet. Im mittlern Ohr ist der Steigbügel nicht immer durchbohrt, z. B. bei Monotremen, die auch statt Hammer und Amboß nur einen Knochen besitzen. Bei einer Anzahl Insektenfresser und Nager steckt quer durch die Schlinge des Steigbügels ein feines Knochenstäbchen, bei andern geht eine Arterie hindurch, deren Vorhandensein man früher mit dem Winterschlaf in Zusammenhang brachte. Das innere Ohr zeigt eine im Felsenbein eingeschlossene, 1 1/2-5, in der Regel 2 1/2 Umgänge machende Schnecke, die nur bei Monotremen rudimentär ist, sowie stets 3 halbzirkelförmige Kanäle.

Auch die Vögel haben dieselben drei Abschnitte an ihren Ohren, aber der äußere ist meist nur durch besonders dünne, haarartige Federn dargestellt, nur gewisse Raubvögel (Falken, ganz besonders aber Schleiereulen) zeigen eine am Rande mit Federn besetzte Hautfalte, die aber vor, nicht hinter der Ohröffnung liegt. Das mittlere Ohr hat eine verhältnismäßig größer als bei Säugern entwickelte Paukenhöhle, die nicht nur durch eine, sich mit ihrem Gegenüber vereinigende und gemeinsam in die Rachenhöhle mündende Eustachische Trompete mit dieser, sondern durch eine Reihe anderer Öffnungen mit luftführenden Zellen gewisser Schädelknochen im Zusammenhange steht. Am Labyrinth sind die halbzirkelförmigen Kanäle sehr groß, die Schnecke ist nicht gewunden, sondern stellt eine gebogene am geschlossenen Ende zur sog. Lagena erweiterte Tüte dar.

Ähnlich ist die Schnecke auch bei den Reptilien beschaffen. Das ovale Fenster ist hier immer von einem Knöchelchen geschlossen (operculum), von dem ein einzelnes Knochenstäbchen, die Columella, an das Trommelfell tritt, entweder direkt oder an ein kleines in ihm befestigtes Knöchelchen. Den Schlangen und manchen schlangenartigen Echsen fehlt Paukenhöhle, Eustachische Trompete und Trommelfell, letzteres auch den Chamäleons. Bei Krokodilen findet sich eine Hautfalte als Spur eines äußern Ohrs.

Den Amphibien fehlt eine Schnecke, nur bei einigen ungeschwänzten Lurchen findet sich eine kleine, allenfalls als Rudiment einer solchen anzusprechende Ausbuchtung. Das ovale Fenster wird von einer Knorpelplatte geschlossen, die da, wo eine Paukenhöhle und Eustachische Trompete (wie bei den Blindwühlern, geschwänzten Lurchen und der Knoblauchskröte) fehlt, nach außen verlängert ist und sich an einen Schädelknochen (Quadratbein, s. Schädel) anlegt. Wo eine Paukenhöhle vorhanden ist, findet sich auch eine Columella, die von der Knorpelplatte an das Trommelfell tritt. Ein äußeres Ohr fehlt vollkommen und die Oberhaut verdünnt sich auf dem Trommelfell, mit dessen Oberfläche sie nach innen direkt verwachsen ist.

Die Fische haben eigentlich nur ein inneres Ohr, Paukenhöhle, Eustachische Trompete und Gehörknöchelchen fehlen als solche vollkommen und die ihnen zum Teil entsprechenden Teile sind ganz anders entwickelt und haben ganz andere physiol. Bedeutung (s. Schädel). Die Rundmäuler haben einen Vorhof und (der Inger, s. d.) einen oder (die Neunaugen) zwei halbzirkelförmige Kanäle, alle andern Fische deren drei. Der Schnecke entspricht ein einfacher Gehörsack, dessen Höhlung nur ganz ausnahmsweise mit der des Vorhofs in Zusammenhang steht. Im letztern befinden sich mehrere kleinere Gehörsteinchen (Otolithen) oder bloß einer (der Lapillus), im Gehörsack deren zwei, ein größerer vorderer (die Sagitta) und kleinerer hinterer (der Asteriscus), die bei den einzelnen Fischarten meist von ganz bestimmter Gestalt sind und denen man bei gewissen Fischen besondere Heilkräfte zuschrieb.

Unter den wirbellosen Tieren lassen sich Gehörorgane namentlich bei wasserbewohnenden Formen nachweisen. Bei Weichtieren sind sie weit verbreitet in Gestalt häutiger Säckchen, deren Innenwand mit nervösen Elementen ausgekleidet ist (Otocysten) und die im Binnenraum ein oder mehrere frei schwebende Konkremente (Otolithen) enthalten. Ganz ähnlich gebaute Organe finden sich bei Würmern und in einzelnen Fällen bei Stachelhäutern.

Auch bei verschiedenen Gliederfüßern sind Gehörorgane nachgewiesen worden. Bei höhern Krebsen findet sich im Basalglied der innern Fühler ein Hohlraum, der bei manchen Formen mit der Außenwelt kommuniziert, bei andern nicht, und eine mit feinen Härchen besetzte Leiste enthält, in welche Nervenfasern eindringen,die mit ihren Spitzen in einer, unregelmäßige Sandkörner und andere Fremdkörper enthaltenden gelatinösen Masse endigen. Bei Insekten finden sich an verschiedenen Körperstellen einzelne oder gruppenweise zusammenstehende mikroskopische Stäbchen, die eine nervöse Endanschwellung enthalten und Hörorgane sein sollen (chordotonale Organe). Bei den Schnarrheuschrecken (Acridiidae) liegen an der Seite des ersten Hinterleibringes und bei den Grillen oder Grabheuschrecken (Gryllidae) sowie bei den Laubheuschrecken (Locustidae) in den Schienen der Vorderbeine eigentümliche Organe (tympanale Organe) in Gestalt von Bläschen, die nach außen durch eine zarte Haut geschlossen sind und an die ein aus dem ersten Brustganglion entspringender Nerv tritt, der sich in denselben in besondere Endzellen (Nervenstifte) auflöst.

Litteratur. Weber, De aure et auditu hominis et animalium (Lpz. 1820); Buchanan, Physiologigal illustrations of the organ of hearing (Lond. 1828); Hagenbach, Die Paukenhöhle der Säugetiere (Lpz. 1835); Breschet, Recherches anatomiques et physiologiques sur l'organe de l'ouie des poissons (Par. 1838); Hyrtl, Vergleichend-anatom. Untersuchungen über das innere Gehörorgan (Prag 1845); Meyer, Études histologiques sur le labyrinthe membraneux chez les reptiles et les oiseaux