Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

393
Grönland
gleich ein beträchtlicher Teil G.s außerball' des
Polarkreises liegt, ist das heutige Klima durcbaus
arktisch, überdies auf der Ostküste, die fast ganz von
Eisbergen gesperrt, weit streuger als auf der West-
küste. Die Cxtreme der Winterkälte und Sommer-
wärme gibt man auf letzterer im allgemeinen zu
- 40 und >15" c'. au; im Iunern beobachtete
Nansen in der Nacht Temperaturen von -50° <!!.,
während er eines Tages gleichzeitig ->30" (^. in
der Sonne und -li° im Schatten maß. Das
Klima im Westen ist im wesentlichen ein Küsten-
tlima, sehr abbängig von den Winden und dem
Treibeis der Davisstraße und Baffinbai. Eine
Folge der großen Temperaturunterschiede in ver-
schiedenen Luftschichten sind die Luftspiegelungen;
häufig sind auch Nordlichter, Ringe um Sonne und
Mond, Nebensonnen u. s. w. Der Hauptabfluh des
atmosphärischen Niederschlags im Innern geschieht
durch Quellen, die unter dem Nande des Eises an
den Stellen hervorkommen, wo dasselbe ans Meer
reicht, ^onst sind dauernde Quellen fast unbekannt.
Pflanzen- und Tierwelt vermitteln zwischen
Island-Skandinavien und Labrador-Canada. An
einigen geborgenen Stellen in Südgrönland, beson-
ders längs der Ränder der Fjorde, giebt es Wiesen
und Wcidengebüsche, im südlichsten Teile sogar
Virkenbestände, sonst nur die niedern Gesträuche
der Zwergbirke (Newia nana^.) und Polarweiden,
immergrüner Heidegewächse auf trockucm Boden,
Moos- und Flechtenpolster mit Steinbrech, Draba,
Ranunkeln u. s. w. in einer Gesamtzahl von 386
Blutenpflanzen und Formen. Diese bevölkern aber
nur den Küstensaum; das gletscherersüllte Innere
ist, abgesehen von einigen Oasen, völlig pflanzen-
leer. Der Pflanzenrcichtum an arktischen Arten ist
an der Westküste größer als im Osten und erreicht
in der Breite des Polarlreises seine größte Zahl;
merkwürdig hoch steigen viele Pflanzen an den
Küstcnbcrgen zwischen den dunkeln Blätterkrusten
der Flechten hinauf. In den dän. Kolonien der
Westküste ist noch spärlicher Gartenbau möglich,
wo Kresse, Kohl, Rettich, Sellerie und ähnliches
gedeibt; die Nanschbeere liefert Kompott. - Die
Landfauna besteht aus sechs Säugetieren: nämlich
aus drei uordamerik. Arten, davon ein Lemming
Mvoän8 wi'^uatuä 7s^/7??.), ein Hase (I^6pu8 Fl.^
cia1i8 ^i-^?.) und der Moschusochse, und drei ark-
tisw circmnpolaren, dem Renntier, Eisfuchs und
Eisbär. Landvögel finden sich 14, darunter 9 circum-
polare, 3 amerikanische und 2 europäische. Hierzu
gehören Seeadler, Falken (darunter der edle Jagd-
falke), Pieper, Schnecammern, Schnecfinkcn, Kolk-
rabe, Schneehühner u. s. w. Weit zahlreicher sind
Schwimm- und ^telzvögel (49 Arten). Insekten-
arten sind 62 vorhanden, nämlich 11 Käfer,
9 Schmetterlinge, 2 Hummeln, 19 Fliegen, ? Spring-
schwänze, 9 parasitische Pelzfresser und Federläuse,
2 eigentliche Läuse und 2 Netzflügler. Spinnen
finden sich auch in wenigen Arten, desgleichen Süß-
wasser- und Landmollusken (?upN, Iix^liiia, 3uo
ciiisa, Vitrine, I^imnaouä). Zahlreich sind die See-
säugetiere und Wasservögel, am zahlreichsten aber
die Fische, welche mit dein Renntier, den Robben
und Eidergänsen den Bewohnern hauptsächlich die
Mittel der Existenz und die Ausfuhrprodukte lie-
sern, als : Fischbein, Thran, Robben-,Fuchs-,Vären-
und Renntierfelle, Eiderdunen,Narwalzälme u.s.w.
Bevölkerung. Die Grönländer, von den ersten
norweg. Besuchern Skrälingar, d. h. Schwäch-
linge, genannt, sind ein Stamm der Familie der
Eskimo (s. d.), mit der sie alle Eigentümlichkeiten
teilen. Ihre Ansiedelungen finden sich an der West-
küste bis Prudhoeland'am Smithsund (78" 20^
nördl. Br.), Reste fast bis zu 82", an der Ostlüste
bis 75/ nördl. Br. Wie jene sind sie ein Iägeroolk,
das es nicht einmal bis zur Zähmung des Renn-
tiers gebracht hat und größtenteils noch heidnisch
ist. Nur in der Nähe der dän. Niederlassungen
und soweit sich der Einfluß der Missionare erstreckt,
sind sie Christen. Ihre Zahl beläuft sich auf etwa
10000 Seelen. Ihre Wohnungen bestehen im Win-
ter in engen, steinernen, mit Erde bedeckten Hütten,
im Sommer aus Zelten. Ihre Neigung für Tabak
und Kaffee ist maßlos. Die Jagd auf See ift ihre
Hauptbeschäftigung; weniger lieben sie die Fischerei.
Es berrscht teilweiser Kommunismus.
Die 13 dän. Kolonien werden durch den Nord-
Strömsfjord unter 67° 20^ nördl. Br. in die zwei
Inspektorate von Süd- und Nordgrönland mit zu-
sammen (1890) 10516 E., darunter etwa 300 Euro-
päer, geteilt. Jede Kolonie steht unter einem Superin-
tendenten mit Agenten oder Governoren und Hand-
wertern und wird nach ihrem Hauptort benannt.
Außerdem giebt es eine Menge kleiner Handelsplätze
oder Außenstellen zur Erleichterung des Warenaus-
tausches mit den Grönländern. Das südl. Inspek-
torat umfaßt folgende fünf Kolonien: Iuliauehaab,
vom Kap Farewell 280 kin nordwärts, mit dem
gleichnamigen Orte, und den herrnhutischen Mis-
sionsstationen Frederiksdal und Lichtenau, Fre-
derikshaab, Godthaab am Vaalssjord mit Fisker-
naes, der Vrüdergemeine Lichtenfels und dem
Missionsplatze Neu-Herrnhut, Sukkertoppen und
Holstenborg. Das nördl. Inspcktorat zerfällt in
die sieben Kolonialdistrikte: Egedesmindc mit dän.
Missionsstätte, Christianshaab, Iakobshavn, God-
havn auf der Insel Disko, Ritenbcnk, Umanak
oder Omenak, reich an Steinkohlen, Graphit und
Iagdprodukten, mit dän. Mission; Upernivik mit
dän. Mission auf der Infel Upernivik, sowie
Itivdliarsuk, dem nördlichsten bewohnten Punkte.
Die jährlichen Einnahmen betragen gegen 660 000,
die Ausgaben 736 000 Kronen. Dse Ausfuhr:
Thran, Eidcrdunen, Stocksische, Walfisch- und Rob-
benspeck, Hai- und Dorschleber, Seehundsfellc,Wal-
fischbartcn und etwas Pelzwerk hatte 1891 einen
Wert von 334800 Kronen; die Einfuhr: Schiffs-
brot, Butter, Speck, Erbsen u. s. w. von 453 600
Kronen. Nach Rink hat der Handel von 1790 bis
1875 einen Reingewinn von 160 000 Pfd. St. er-
geben. Besonders wertvoll ist der Kryolith. Der
Handel, vorzugsweise Tauschhandel, wird seit 1774
von einer königl. Direktion zu Kopenhagen betrieben
und liefert durchfchnittlich im Jahre einen Über-
schuß von 30 000 Reichsbankthalern. Anfang Ok-
tober verlassen die letzten Schisse G., und dann ist
jedcr Verkehr bis nächsten Iunivöllig ausgeschlossen.
Entdeckungsgeschichte. Nachdem das Land wahr-
scheinlich in den ersten Decennien des 10. Jahrh,
(nach früherer Annahme 877) von Gunnbjörn, dem
Sohne des Ulfs kräka, einem auf der Fahrt nach
Islaud weit nach Westen verschlagenen Seemann,
gesehen worden war und Snaebjörn galti (zwischen
970 und) um 980 die Schären Gunnbjörns wieder
aufgefunden und auf ihnen überwintert hatte,
wurde es 983 von einem auf Island wegen Tot-
schlags geächteten, ausgewanderten Norweger, Erik
dem Roten, wirklich entdeckt. Derselbe landete an