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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Humboldt (Wilh. von)
schaftlicher Ausbeute zurückkehrte. 1801 nahm er
die Stelle eines preuh. Ministerresidenten in Rom
an. Hier verweilte er, seit 1806 als bevollmächtigter
Minister, bis 1808, seine Zeit Mischen eigenen
wissenschaftlichen und künstlerischen Studien und
der liberalsten Förderung junger Gelehrter und
Künstler teilend. Auf des Freiherrn vom Stein
Empfehlung wurde er 1809 als Geh. Staatsrat in
das Ministerium des Innern berufen und mit Lei-
tung der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten
beauftragt. Die geistige Wiedergeburt Preußens
ist wesentlich mit H.s Namen verbunden, insbeson-
dere ist die Berliner Universität seine Schöpfung.
Doch verließ er auch diese Stellung schon im Aug.
1810, um mit dem Range eines Geh. Staatsmini-
sters als außerordentlicher Gesandter und bevoll-
mächtigter Minister nach Wien zu gehen. 1813 war
er während des Waffenstillstandes auf dein Frie-
denskongreß inPraq, 1814 auf dem Kongreß zu
Chatillon und bei Abschluß des ersten Parifcr Frie-
dens, den er mit Hardenberg unterzeichnete, 1814
-15 auf dem Wiener Kongreß als zweiter Be-
vollmächtigter Preußens. Seine damaligen polit.
Denkschriften zeichnen sich durch überaus feine Dia-
lektik aus. (Vgl. Schmidt, Geschichte der deutschen
Verfassungsfrage während der Befreiungskriege
und des Wiener Kongresses, Stuttg. 1890.) Über
die Ziele der österr. Politik täuschte er sich lange
Zeit gänzlich. Mit dem Kriegsminister von Voyen
hatte er damals ein Duell. Er nahm auch an den
Verhandlungen über den zweiten Pariser Frieden
teil und war 1816-17 als Mitglied der Aerritorial-
kommission in Frankfurt a. M. bei Ordnung der
deutschen Gebietsfragen und bei Gründung des
Bundestags thätig. Bald nachher wurde er Mit-
glich des Staatsrates, verfeindete sich aber durch
seine Haltung in der Steuerreformfrage mit Harden-
berg, der es durchsetzte, daß H. als Gesandter nach
London geschickt wurde; dann wurde er wieder 1818
bei dem Kongreß von Aachen zugezogen, ging noch
einmal nach Frankfurt zur Erledlgung der Territo-
rialvcrhandlungen und wurde 11. Jan. 1819 zum
Minister des Innern mit dem Ressort der ständischen
und Kommunalangelegenheiten ernannt. Er er-
strebte nun eine Verfassung, die mit der Selbstver-
waltung der Provinzen und Kreise ein aus un-
mittelbaren Wahlen hervorgehendes Reichsparla-
ment, gegliedert nach Ständen, verbände. Sein
übles Verhältnis zu Hardenberg und sein Auf-
treten gegen die Karlsbader Beschlüsse führten aber
noch in demselben Jahre zu H.s Nüatritt (gleich-
zeitig mit Boyen und Beyme). Erst seit 1830 ward
er wieder zu den Sitzungen des Staatsrates berufen,
nachdem er das Jahr vorher an die Spitze einer
Kommission zur Leitung des Baues und der Ein-
richtung des königl. Museums gestellt worden war.
Seit 1819 lebte er mit geringen Unterbrechungen
zu Tegel, das er durch treffliche Anlagen, mehr noch
durch eine auserlefene Sammlung von Meister-
werken der Bildhauerkunst verschönerte. Er starb
8. April 1835 in Tegel.
H.s früheste litterar. Arbeiten wurden von ihm
selbst gesammelt in den "Ästhetischen Versuchen"
(Bd. 1, Vraunschw. 1799), die u. a. den über Schil-
lers "Spaziergang", über Goethes "Hermann
und Dorothea" (dieser auch befonders in 4. Aufl.,
ebd. 1882, mit einem Vorwort von Hettner er-
schienen), über "Reineke Fuchs" u. s. w. enthalten.
Seine "Gesammelten Werke" (7 Bde., Verl. 1841
- 52) umfassen auch einen Teil seiner zahlreichen
Gedichte. Unter denselben ragt besonders die Ele-
gie "Rom" (Berl. 1806) hervor; seine Sonette sind
durch Vollendung der Form und Gedankentiefe aus-
gezeichnet. Von Bedeutung für Erforschung der
griech. Sprache und Metrik ist die Übersetzung des
Aschyleischen "Agamemnon" (Lpz. 1816; 2. Aufl.
1857). Mit Vorliebe widmete sich H. auch der ver-
gleichenden Sprachforschung. Als Früchte seines
Studiums der baskischen Sprache sind zunächst die
"Berichtigungen und Zusätze zu Adelungs Mithri-
dates über die cantabrische oder baskifche Sprache"
(Berl. 1817) und die mustergültige "Prüfung der
Untersuchungen über die Urbewohner Hispaniens
vermittelst der baskischen Sprache" (ebd. 1821) zu
nennen. In die Zeit des Aufblühens der altind.
Studien in Deutschland fallen u. a. die größern,
in der Berliner Akademie gelefenen Abhandlungen:
"Über die unter dem Namen Vhagavad-Ghita be-
kannte Episode des Mahabharata" (Berl. 1826),
"Über den Dualis" (ebd. 1828) und "Über die Ver-
wandtschaft der Ortsadverfarien mit dem Pronomen
in einigen Sprachen" (ebd. 1830). H.s Hauptwerk
aber auf diesem Gebiete: "über die Kawisprache
auf der Infel Java" (3 Bde., ebd. 1830-40),
wurde erst nach seinem Tode von Eduard Busch-
mann der Öffentlichkeit übergeben. Namentlich ist
die Einleitung zu diesem Werke, die auch u. d. T.
"Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprach-
baues und ihren Einfluß auf die geistige Entwick-
lung des Menschengeschlechts" (ebd. 1835; neu hg.
von Pott, 3. Aufl., ebd. 1880) befonders erschien,
in der Geschichte der Sprachwissenschaft epoche-
machend geworden. Sein "VocHdnIaire inöäit äo
1a 1auFii6 tHiti6nn6" wurde ebenfalls durch Busch-
mann in dessen "^pei^u äe 1a I3.QAU6 ä68 1168 Nar-
HU1868 6t ä6 13.1HI1FU6 taiti6ini6" (Berl. 1843) ver-
öffentlicht. Noch fpäter erschien das schon vor 1800
ausgearbeitete, aber damals nur in Bruchstücken
veröffentlichte, außerordentlich gedankenreiche Werk:
"Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirk-
samkeit des Staates zu bestimmen" (Bresl. 1851).
Herausgeber war E. Cauer. Die übertriebene Wohl-
fahrtspolitik des Staates im Sinne des aufgeklär-
ten Despotismus, war der Grundgedanke, zerstört
die Kräfte, welche eine freie Entwicklung der In-
dividualitäten hervorbringt. Schiller hatte sich ver-
gebens bemüht, einen Verleger dafür zu finden.
Sein Urteil über das Wert fowie interessante Mit-
teilungen über die Geschichte desselben sindet man
bei Goedeke, "Geschäftsbriefe Schillers" (Lpz.
1875). Seine die Sprachwissenschaft betreffende
handschriftliche Sammlung und die ausländische
Litteratur feiner Bibliothek vermachte H. der kömgl.
Bibliothek zu Berlin. Steinthal gab H.s "Sprach-
philos. Werke" mit Erklärungen (Berl. 1884) heraus.
Daß H. neben dem großen Gelehrten und Staats-
mann auch der zarteste und fürsorglichste Freund,
der edelste Mensch gewesen, zeigt sich in "Wilhelm
von H.s Briefen an eine Freundin" (2 Bde., Lpz.
1847; in einem Bande, 12. Aufl., 1891), die einen
Reichtum der feinsten Beobachtungen und Urteile
und der zartesten Gefühle aussprechen; diese Briefe
sind an Charlotte Diede (s. d.) gerichtet. Goethes
Briefwechsel mit den Gebrüdern von H. 1795-1832
veröffentlichte Vratranek (Lpz. 1876); H.s Briefe
an Christian Gottsried Körner gab Ionas u. d. T.
"Ansichten über Ästhetik und Litteratur" (Berl. 1879),
H.s Briefe an F. H. Iacobi (Halle 1892) A. Leitz-