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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Italienische Kunst

Durch die letzten Meister des 16. Jahrh. waren die Grenzen und Gesetze der Skulptur schon mehr und mehr, oft über das Gebührliche erweitert worden. Die ital. Bildhauer des 17. Jahrh. überschritten vollends das Maß des rein Plastischen. Bei der in der Zeit liegenden Vorliebe für starke Wirkungen strebten sie einen malerischen Stil an, der fortan sowohl die kirchliche wie die Profanskulptur beherrschte. Derselbe äußert sich in stark manirierter Auffassung, übertriebenen Stellungen, geziertem Ausdruck, schlaffen, aufgedunsenen Formen, bauschigen und knitterigen Gewändern, reichem Zierat, hat aber als Gegengewicht einen hoch gespannten Schwung in der Erfindung, eine prächtige Wirkung des Umrisses und ungewöhnliche Fertigkeit in der Behandlung. Die Hauptvertreter dieses Stils waren Alessandro Algardi (s. d.) und Lorenzo Bernini (s. d.). Von beiden finden sich in Rom berühmte Werke, unter welchen für Algardi das Marmorrelief der Umkehr Attilas in der Peterskirche, für Bernini die Gruppe der heil. Teresa in Sta. Maria della Vittoria am bezeichnendsten sind. Stefano Madernos heil. Cäcilia in der Kirche dieser Heiligen zu Rom und Duquesnoys heil. Andreas in St. Peter ebendaselbst können als Beispiele der bessern Kunstleistungen jener Zeit gelten, während die einst vielbewunderten Marmorstatuen in der kleinen Kirche Sta. Maria della Pietà de' Sangri zu Neapel von Sammartino, Conradini und Queirolo ihren Hauptwert in der technischen Virtuosität suchen und den Ausgang der Berninischen Richtung um die Mitte des 18. Jahrh. zeigen. Um dieselbe Zeit lag in Rom wie in Florenz die Bildnerei gänzlich danieder. Dann begann eine Reaktion infolge der Einwirkung größern Verständnisses der Antike. Antonio Canova (s. Taf. V, Fig. 7) ist der erste, der in seinen Werken einen strengern Ton des Klassicismus anschlug. Die neuere ital. Skulptur hat zwei Hauptschulen, die Canovasche, die sich von Rom aus über die ganze Halbinsel verbreitete, und die Thorwaldsensche. Zu ersterer gehören, mit größerer oder geringerer Eigentümlichkeit, Baruzzi von Imola, Finelli aus Carrara, die Römer Tadolini und Finelli, zu letzterer vor allen der Carrarese Pietro Tenerani (gest. 1869), der Begründer einer zahlreichen Schule. Unabhängiger, obgleich nicht frei von Canovaschem Einfluß, ist der Toscaner Lorenzo Bartolini (gest. 1850), der das ernsteste Naturstudium mit dem der Antike vereinigte. Der Mailänder Pompeo Marchesi (gest. 1858), ein Schüler Canovas, der viele kolossale Porträt- und Dekorationsstatuen geliefert hat, machte sich durch seine figurenreiche Gruppe der Pietà in San Carlo in Mailand am bekanntesten. Zu den talentvollsten Bildhauern neuester Zeit sind zu zählen die Lombarden Tantardini (gest. 1879), Vela (gest. 1891), der Hauptvertreter der romantischen Richtung in der nordital. Kunst, Tabacchi (geb. 1831), der in anmutigen, koketten weiblichen Gestalten arbeitet, Monteverde (geb. 1837), ausgezeichnet durch die realistische Wahrheit seiner Werke, Marochetti (gest. 1868), dessen Hauptwerke die Reiterstatuen Emanuel Philiberts in Turin, Richard Löwenherz' in London und Wellingtons in Glasgow sind, Francesco Barzaghi (gest. 1892), der Sienese Dupré (gest. 1882), berühmt durch seine Pietà und das Cavourdenkmal in Turin (s. Taf. V, Fig. 6), die Florentiner P. Fedi (gest. 1892), der Schöpfer der prächtigen dramat. Gruppe: Raub der Polyxena (s. Taf. V, Fig. 8), Zocchi (geb. 1835) und Salvatore Albano (geb. 1841). In der Porträtbildnerei waren mit Erfolg thätig: Balzico (geb. 1825), Zannoni (geb. 1836), Odoardo Fantacchiotti (s. Taf. V, Fig. 9), Ettore Ferrari (geb. 1849), Ercole Rosa (gest. 1893), welch letzterer das großartige Viktor Emanuel-Denkmal für Mailand unvollendet hinterlassen hat. Der immer stärker eindringende Naturalismus, welchem röm. Bildhauer nur teilweise Widerstand leisteten, brachte in die monumentale Skulptur neue Anregungen, die namentlich bei den zahlreichen großartigen Grabbildwerken, später auch bei den in außerordentlicher Zahl errichteten Denkmälern kräftig hervortraten. Nicht ohne Einfluß blieb hierauf die Genreplastik, welche namentlich in Unteritalien (Marsili, Barbella) in Bronze und Terracotta tüchtige Werke voller Leben hervorbrachte. Zur Zeit gehören die ital. Bildhauer zu den fortgeschrittensten Anhängern des Realismus (Verismus).

Vgl. außer den obengenannten Werken insbesondere: Cicognara, Storia della scultura in Italia (3 Bde., Vened. 1813-18); Lübke, Geschichte der Plastik (3. Aufl., Lpz. 1880); Grunow, Plastische Ornamente der ital. Renaissance (Berl. 1883); Bode, Ital. Bildhauer der Renaissance (ebd. 1887); Friedr. Bruckmann, Denkmäler der Renaissanceskulptur Toscanas (Text von Bode, Münch. 1892 fg.).

III. Malerei. Die ital. Malerei beginnt, wie die Bildnerei, zu Ende des vorigen Jahrtausends sich aus der altchristlichen zu entwickeln. Noch herrscht eine Starrheit, Leblosigkeit und Härte der Gestalten und des Ausdrucks vor, welche um so auffälliger erscheint, als der früher übliche Prunk und der Putz der Gewandung beibehalten wird. Im 11. Jahrh. ließ der Abt von Montecassino zur Wiederbelebung des vergessenen Kunstzweigs der Mosaikmalerei Künstler aus Byzanz kommen, welche außerdem auch in Venedig, Salerno, Palermo (Cappella Palatina) und Monreale eine reiche Wirksamkeit entfalteten. Von Montecassino ging dann wieder ein belebender Einfluß namentlich auf Rom aus, und seitdem kam die Mosaikmalerei abermals in Aufnahme. Die Mosaiken im Baptisterium zu Florenz aus dem 13. Jahrh. von einem Klosterbruder Jacopo und später von Andrea Tafi sind das glänzendste Beispiel dieser Nachblüte der Mosaikmalerei. Den weitern Anfang der Besserung und den zunächst nur leisen Versuch des selbständigen Schaffens trifft man gegen Ende des 13. Jahrh. bei Cimabue (s. d.) und dem Sienesen Duccio (s. d.) di Buoninsegna an. Sie beginnen die einzelnen Gestalten und die Köpfe zu beleben, auch durch hellere Farben ihre Gemälde anmutiger zu schaffen; in der Komposition halten sie noch an dem überlieferten mittelalterlichen Stil fest.

Cimabues angeblicher Schüler, Giotto di Bondone (s. d. und Taf. VI, Fig. 1), ging entschieden von dieser Darstellungsweise ab und wurde der Begründer der ital. Malerei. Er erweiterte den vorgeschriebenen Kreis der Kunstaufgaben durch viele neue Beziehungen und bediente sich anstatt der herkömmlichen, von der Kirche geheiligten Formen einer eigenen, schon realistischern Ausdrucksweise. Dabei vereinigt sich in seiner Kunst eine reichliche Anwendung der Allegorie mit den Anfängen histor. Darstellung und der Benutzung des Porträts. Zugleich änderte er die Technik: durch die Mischung der Farben mit Eigelb und Pergamentleim (die sog. Tempera-Malerei) bekamen seine Tafelbilder ein