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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Napoleon III.
Frs. festgesetzt und die Verfassung den neuen monar-
chischen Formen angepaßt. In einer Botschaft vom
22. Jan. 1853 verkündigte N., dessen Bewerbungen
um Prinzessinnen aus alten fürstl. Häusern erfolg-
los waren, den großen Staatskörperschaften feine
bevorstehende Vermählung mit der fpan. Gräfin
Eugenie (s. d.) von Montijo. Die kirchliche Trauung
fand 30. Jan. 1853 statt. Aus diefer Ehe entsprang
ein einziger Sohn, Napoleon EugöneLouis Jean
Iofeph (f. den folgenden Artikel).
Das neue Kaisertum wurde von den europ. Mäch-
ten anerkannt, von den drei Ostmächten nur zögernd;
der russ. Kaiser Nikolaus versagte sogar N. die unter
Souveränen übliche Anrede "NonZikur moii lrers".
Bald bot sich eine Gelegenheit, dafür Vergeltung zu
üben. Als Kaiser Nikolaus 1853 die Zeit zum Um-
sturz des Osmanischen Reichs gekommen glaubte, trat
N. gegen ihn auf, verbündete sich mit England, später
auch mit Sardinien, und sandte Flotte und Heer erst
nach der Türkei, dann nach der Krim. (S. Orientkrieg.)
Infolge diefer Bundesgenossenschaft trat das franz.
Kaiserpaar mit den alten Höfen in persönlichen Ver-
kehr. Im April 1855 reisten N. und die Kaiserin Euge-
nie nach London und wurden auf das glänzendste
empfangen;indemsclbenJahrekamendieMonarchen
von Portugal, England und Sardinien nach Paris.
Zwei Attentate gegen N. durch Pianori (28. April
1855) und Vellamare (8. Sept.) mißlangen. In dem
Neuenburger Konflikt (s. Neuenburg) zwischen Preu-
ßen und der Schweiz trat N. als Vermittler auf. In-
dessen erregte feine Haltung Italien gegenüber bei den
dortigen Radikalen immer größern Haß. Nachdem
schon kurz vorher ein Attentat vereitelt worden war,
wurden 14. Jan. 1858 gegen den kaiserl. Wagen drei
Bomben geschleudert; doch blieb das Kaiserpaar un-
verletzt.
Orsini, Pieri, Rudio und Gomez. Die beiden ersten
wurden (13. März) hingerichtet, die andern deportiert.
Seit dem Orientkriege hatte N. seine Blicke vor-
zugsweise auf Italien gerichtet und sich entfchlossen,
Österreich aus seiner vorherrschenden Stellung auf
der Halbinsel zu verdrängen. Zu diesem Zwecke
hatte er einen festen Bundesgenossen an Sardi-
nien gewonnen. Beim Neujahrsempfang in den
Tuilerien (1859) fprach N. dem österr. Gesandten
von Hübner sein Bedauern aus, daß die beider-
seitigen Beziehungen nicht mehr so gut seien wie
früher. Eine offiziöse Broschüre "N. III 6t I'ltalie"
sowie die Thronrede vom 7. Febr. konstatierten
den bevorstehenden Bruch. Nachdem Österreich Sar-
dinien angegriffen hatte, erließ N. 3. Mai fein
Kriegsmanifest, worin er den Entschluß aussprach,
"Italien sich selbst wiederzugeben". Am 10. Mai
verließ er Paris, landete am 12. in Genua, bielt
aber nach den Siegen bei Magenta und bei Sol-
ferino mitten im Siegesläufe inne. (S. Italieni-
scher Krieg von 1859.) Die Haltung Deutschlands
erschien bedenklich, die kühne Annexionspolitik Ca-
vours nicht vereinbar mit dem Interesse Frankreichs.
So wurde 8. Juli ein Waffenstillstand abgeschlossen
und 11. Juli zu Villafranca di Verona (s. d.) die
Friedenspräliminarien unterzeichnet. Darin erhielt
er die Lombardei abgetreten, die er dem König von
Sardinien übergab. Unmittelbar darauf verließ N.
den Kriegsschauplatz und war 17. Juli wieder in
St. Cloud. Die Dinge in Italien verliefen aber
nicht ganz nach Wunsch. Ganz Mittelitalien sowie
Neapel und Sicilien sielen den Einheitsbestrebungen
zum Opfer, und nur mit Mühe rettete N. dem Papst
Vrockhaus' Konvcrsations-Lexikon. 14. Nufl.. XII.
einen verkleinerten Kirchenstaat. Für Frankreich er-
warb er als Lohn für seine Hilfe das Herzogtum
Savoyen und die Grafschaft Nizza. Gegenüber dem
nationalen Unwillen der Italiener gegen die Fort-
dauer der franz. Besatzung in Rom verstand sich N.
am Schlüsse des 1.1866 zur Räumung des Kirchen-
staates. Als aber Okt. 1867 Garibaldi (s. d.) einen
Zug gegen Rom unternabm, schickte N. aufs neue
Truppen zum Schutz des Papstes nach Italien.
Ein vollständiges Fiasko erlebte die Politik N.s
bei der abenteuerlichen Expedition nach Mexiko (s. d.),
wozu er sich namentlich durch die phantastische Idee,
sein vermeintliches Protektorat über die lat. Rasse
auch nach Amerika auszudehnen und der german.
Union einen roman. Nachbarstaat gegenüberzustellen,
verleiten ließ. Sobald 1865 der Bürgerkrieg in den
Vereinigten Staaten beendigt war, sah sich N. ge-
zwungen, entweder entgegen den Verpflichtungen,
die er im Vertrage zu Miramare mit dem Erzherzog
Maximilian eingegangen war, diesen im Stich zu
lassen und seine Truppen aus Mexiko zurückzuziehen,
oder mit der Union in Krieg zu geraten. Auf das
Drängen der Unionsregierung zog N. 1867 seine
Truppen aus Mexiko zurück und überließ Maximilian
der Rache der mexik. Republikaner.
Entsckeidend für die Herrschaft des Kaisers wurde
dessen Stellung zu dem aufstrebenden Preußen.
Schon 1851 hatte er dem Könige Friedrich Wil-
helm IV. eine Allianz antragen lassen mit dem aus-
gesprochenen Zwecke, daß die Österreicher aus Italien
hinausgetrieben und Deutschland nach den Wünschen
Preußens in nationalem Sinn konstituiert werden
sollte. Ahnliche Eröffnungen machte er im Febr.
1859 dem Prinz-Regenten. Beidemal zurückgewiesen,
bat er letztern um eine persönliche Zusammenkunft,
die 15. bis 17. Juni 1860 in Baden-Baden statt-
fand, aber ebenfalls nicht zu dem von N. gewünschten
Ziele führte. N.s freundliche Haltung in dem Deutsch-
Dänischen Kriege hatte ihren Grund hauptsächlich
darin, daß er dadurch Preußen für feine Eroberungs-
pläne günstig zu stimmen hoffte. Schon vor den:
Ausbruch des Deutschen Krieges von 1866 trug er
Bismarck ein förmliches Defensiv- und Offensivbünd-
nis gegen Österreich an. Für Italien follte der
Friedenspreis Venetien, für Preußen ein Gebiets-
zuwachs mit einer Bevölkerung von 7 bis 8 Mill. E.
und die Durchführung der Bundesreform, für Frank-
reich das Gebiet zwischen Mosel und Rhein sein.
Gleichzeitig unterhandelte N. mit Österreich, ver-
anlaßte es, dem ital. Kabinett 5. Mai die Abtretung
Venetiens anzubieten, und schloß 12. Juni einen
Vertrag mit Österreich, wonach dieses Venetien an
Frankreich (Italien) abtreten und hierfür eine Ent-
schädigung. (Schlesien) erhalten solle. Da Bismarck
aus seine Anträge nicht einging, so rechnete N. nur
noch auf Preußens Niederlage. Der Sieg von König-
grätz durchkreuzte diefe Pläne. Österreich trat Vene-
tien an Frankreich ab und rief die Vermittelung N.s
an, die sich Preußen gefallen ließ. Als aber N. Kom-
pensationen auf dem linken Rheinufer verlangte und
5.Aug. Bismarck einenVertragsentwurfzustellenließ,
wonach Frankreich die Grenzen von 1814, Nhein-
bayern und Rheinhessen nebst der Festung Mainz,
Auflösung des zwischen dem Deutschen Bunde und
Luxemburg bestehendenVerhältnissesund Aufhebung
des preuß. Garnisonrechts in der Festung Luxemburg
forderte, wurde dieser Antrag zurückgewiesen, worauf
N. feine Blicke von der Rheingrenze nach Belgien und
Luxemburg wandte. Aug. 1866 ließ er Bismarck einen
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