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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Niederländische Sprache und Litteratur

meinsamer litterar. Zwecke in den Kammern der Rederijker (vom frz. Rhétoricien), d. h. Dichter. Diese Kammern, die zu Anfang des 15. Jahrh. unter franz. Einfluß entstanden, waren poet. Vereine, die sich an bestimmten Zeiten und Orten zu poet. Übungen und Vorträgen, besonders aber zur Ausarbeitung und Aufführung von Schauspielen versammelten. Der dichterische Gehalt ihrer Erzeugnisse ist durchgehends gering; doch wurden sie von Bedeutung für die Litteratur, weil sie durch ihre Schauspiele unmittelbar auf das Volk wirkten.

Eine dieser Kammern zu Amsterdam, genannt «In liefde bloeiende» (in Liebe blühend), hat sich um die Hebung der Schriftsprache besonders verdient gemacht. Ihre Mitglieder Coornhert und die Kaufleute Roemer Visscher und Hendrik Laurenszoon Spiegel gaben zuerst den Bemühungen dieser Kammer einen festen Halt, teils durch Abfassung grammatischer Schriften, teils durch ihre Versuche, prosaische und poet. Musterwerke zu liefern. Sie wurden übertroffen durch Hooft, Vondel und Huyghens, welche die vaterländische Litteratur zum höchsten Gipfel erhoben. Joost van den Vondel (1587‒1679) leistete das Höchste, was die niederländ. Litteratur überhaupt aufzuweisen hat, Vorzügliches im Drama und in der Satire sowie in allen übrigen Gattungen, mit Ausnahme des Epos. Im Gegensatz zu diesen drei Meistern wollte Jak. Cats (1577‒1660) zu Dordrecht nur für das große Publikum schreiben und erreichte durch eine fließende Darstellung seinen Zweck so vollkommen, daß «Het boek van Vader Cats» länger als ein Jahrhundert im Bürgerstande als zweites Hausbuch nächst der Bibel galt. In Allegorie und heiterer Erzählung leistete er Vortreffliches.

Unter den zahlreichen Nacheiferern dieser Männer erwarben sich besonderes Lob: Roemer Visschers fein gebildete Töchter Maria Tesselschade und Anna, beide gewandt in kleinen Gedichten und Übersetzungen; Jak. Westerbaan (gest. 1670) durch eine lehrhafte Beschreibung seines Landhauses Ockenburg; der Philolog Dan. Heinsius (gest. 1655), der auf Opitz so bedeutenden Einfluß übte, durch lyrische, elegische und sinnbildliche Gedichte; Joh. van Heemskerk (gest. 1656) durch «Minnedichten» nach Ovid und ein Lehrgedicht «Batavische Arcadia», und der gefühlvolle Jerem. de Dekker (gest. 1666) durch lyrische und epigrammatische Gedichte. Die meiste Selbständigkeit zeigt Dirk Camphuysen (gest. 1627) in seinen geistlichen Liedern; geringe dagegen ein anderer geistlicher Liederdichter, Joannes Vollenhove (gest. 1708). Das Drama hatte schon Bredero (1585‒1618) mit Beifall behandelt, und zwar das Lustspiel in der niedrigen, aber malerischen Sprache des Markts. Höheres erstrebte Sam. Coster, der ein Liedhabertheater gründete, welches dann mit der Kammer In liefde bloeiende verschmolz und zur Erbauung des ersten massiven Schauspielhauses zu Amsterdam führte, das 3. Jan. 1638 mit Vondels «Gijsbrecht van Amstel» eingeweiht wurde. Auch andere Dichter versuchten sich auf dem Gebiete des Dramas, wie Gerard Brandt (gest. 1685), der auch im Epigramm und der histor. Prosa sich auszeichnete; Joach. Oudaan (gest. 1692), ein freisinniger Mann, der seine polit. Ansichten mutig aussprach und trotz einer harten Schreibart als Lyriker Lob verdient; ferner Reinier Anslo (gest. 1669), der die Pariser Bluthochzeit dramatisierte und eine berühmte Beschreibung der Pest zu Neapel entwarf; endlich Joannes Antonides van der Goes (gest. 1684), berühmt wegen seines beschreibenden Gedichts «De Ystroom», worin er Amsterdam verherrlichte. ^[Spaltenwechsel]

Die ersten großen Dichter am Anfange des 17. Jahrh. hatte die Begeisterung für die Freiheitskriege beseelt. Als aber diese erlosch und behaglicher Genuß des Errungenen an ihre Stelle trat, sank auch alsbald die Litteratur. Das Verderben erreichte den Gipfel, seit nach Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) mit den zahlreichen hugenottischen Flüchtlingen franz. Einfluß mächtig hereinbrach. Hauptverfechter der franz. Poetik und namentlich der drei Einheiten im Drama ward der unbedeutende Dichter Andries Pels zu Amsterdam. Die von ihm begründete Kunstgenootschap, ein poet. Verein, übte lange Zeit eine nachteilige Einwirkung auf die Poesie aus. Die Bemühungen mehrerer vaterländisch gesinnter Männer, wie des feinfühlenden Minnedichters Jan Luyhen (gest. 1712), des Naturdichters Hubert Corneliszoon Poot (gest. 1733) und des Lyrikers Jan van Broekhuizen (gest. 1707), vermochten nicht dagegen aufzukommen. Nur wenige Namen heben sich aus der Menge bloßer Versmacher hervor, wie Lukas Rotgans (gest. 1710) mit einem histor. Gedicht auf Wilhelm Ⅲ.; Arnold Hoogvliet (gest. 1763) mit einem biblischen Epos «Abraham de Aartsvader»; Sybrand Feitama (gest. 1758), der an seine glatte, aber steife Übersetzung der «Henriade» 20 Jahre, und 30 an die des «Telemach» vergeudete. Gehaltvolleres bot Nik. Simonszoon van Winter (gest. 1795) in seiner Beschreibung des Amstelstroms und mehrern Dramen, wie auch seine Gattin Lucretia Wilhelmine, geborene von Merken (gest. 1798), in Dramen, Epen und einem wackern Lehrgedicht: «Het Nut der Tegenspoeden»; desgleichen auch die Gebrüder Willem und Onno Zwier van Haren, jener durch ein romantisches Epos «Friso», dieser durch eine lyrische Geschichtserzählung «De Geuzen»; ferner Lukas Trip (gest. 1783) durch Gedichte geistlichen Inhalts. Selbständiges Streben zeigte der Lustspieldichter Piet Langendijk (gest. 1756); burleske Gedichte im niedrigsten Stile lieferte W. van Focquenbroch (gest. 1695).

Endlich um 1770 machte sich ein entschiedener Schritt zur Besserung bemerkbar durch die Beschäftigung mit der eben mächtig aufsteigenden deutschen und durch die Bekanntschaft mit der engl. Litteratur. Am frühesten und vollsten kam dieser Umschwung der Lyrik zu gute. Unmittelbar unter deutschem Einflüsse dichteten Hieronymus van Alphen, Jakob Bellamy und Rhijnvis Feith, während Pieter Nieuwland (1764‒94) mehr nach den Römern und Griechen sich bildete. Willem Bilderdijk, ausgestattet mit vorzüglicher Begabung und großer Sprachgewandtheit, glänzte in allen poet. Gattungen, vermochte jedoch keiner einen neuen schöpferischen Geist einzuhauchen. Wärmer ist der Lyriker J. F. Helmers, der besonders durch sein beschreibendes Gedicht «De Hollandsche Natie» großen Beifall fand. Durch Gedankentiefe zeichnete sich im lyrischen und Lehrgedicht der Kantianer Joh. Kinker vorteilhaft aus. Der gemütliche Hendrik Tollens (1780‒1856) war als Lyriker lange der erklärte Liebling seines Volks. Ferner fanden beifällige Aufnahme die Lyriker Cornelis Loots (1765‒1834), Adriaan Loosjes (1761‒1818), der sich auch im Drama und Roman versuchte, Ad. Simons (1770‒1834), Hazo Albert Spandaw, der originelle und humoristische A. C. W. Staring van den Wildenborch (gest. 1840),