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Roland de la Platière – Rolandslied
wissen wir nur durch eine kurze Angabe in Eginhards «Vita Caroli», daß nämlich unter den Edeln, welche 778 im Thale Ronceval in den Pyrenäen bei einem Angriff der Basken auf die Nachhut Kaiser Karls den Tod fanden, auch ein Hroudlandus, Britannici limitis praefectus gewesen sei. Die lokale Sage und Dichtung der Bretagne erhob diesen R. zum Mittelpunkt eines allmählich in ganz Frankreich und weit über Frankreichs Grenzen verbreiteten Sagenkomplexes, der in R.s tragischem Ende gipfelt. Der starke, tapfere, fromme Held, ein Neffe Karls, der Sohn seiner Schwester Bertha und Milons von Anglant, wird auf seines Stiefvaters, des verräterischen Ganelon von Mainz falschen Rat von Karl als Hüter Spaniens zurückgelassen, durch die ungeheure Übermacht des heidn. Saracenen- oder Mohrenkönigs Marsilie bei Roncevals (Roncevaux) angegriffen und geht nach langem Kampfe mit Olivier und andern Franken zu Grunde; sein Schwert Durendal oder Durendart sucht er vor dem Tode vergebens zu zerbrechen, damit es nicht in der Heiden Hände falle; der Hilferuf seines Hornes Olifant, das zu blasen er überstolz trotz des treuen Oliviers Rat verschmäht hat, dringt aus dem Munde des sterbenden Helden allzuspät zu Karls Ohren.
Roland de la Platière (spr. -láng, -tĭähr), Jean Marie, franz. Politiker, geb. 18. Febr. 1734 zu Thizy bei Villefranche, war beim Ausbruch der Revolution Generalinspektor der Manufakturen und Fabriken in Lyon. Diese Stadt schickte ihn im Febr. 1791 zur Vertretung der gewerblichen Interessen in die Konstituierende Versammlung. Hier trat er in Verbindung mit den republikanisch gesinnten Abgeordneten, siedelte im Dezember ganz nach Paris über und erhielt in dem Girondistenministerium vom März 1792 das Portefeuille des Innern. Als der König die Unterzeichnung des Dekrets verweigerte, wonach die Föderierten in der Nähe von Paris ein Lager bilden sollten, schrieb er dem König 10. Juni einen sehr freimütigen Brief, der seine Entlassung nach sich zog. Nach dem Umsturze des Throns (10. Aug.) wurde er sogleich wieder in sein Ministerium eingesetzt. Als Anhänger der Gironde stellte er sich jedoch dem Radikalismus der Jakobiner entgegen und wurde von der Bergpartei im Konvent aufs heftigste angefeindet. Bei dem Sturze der Girondisten ward 31. Mai 1793 auch seine Verhaftung dekretiert. R. fand Gelegenheit zu entkommen, stürzte sich aber auf die Nachricht von der Hinrichtung seiner Frau 15. Nov. 1793 unweit Rouen in sein eigenes Schwert. Unter seinen Schriften industriellen und polit. Inhalts ist das «Dictionnaire des manufactures et des arts qui en dépendent» (3 Bde., Par. 1785‒90) zu erwähnen, das er für Panckouckes «Encyclopédie méthodique» schrieb.
Roland de la Platière (spr. -láng, -tĭähr), Manon Jeanne, Gattin des vorigen, geb. 17. März 1754 zu Paris, Tochter des Kupferstechers Phlipon, eine Frau von Geist und Energie, verheiratete sich 1780 mit R. Durch das Studium des röm. und griech. Altertums für republikanische Ideen gewonnen, fühlte sie sich von der Revolution mächtig ergriffen. Sie kam mit ihrem Gatten 1791 nach Paris und gewann bald großen Einfluß im Kreise der Girondisten. Besonders trat sie zu Buzot (s. d.) in nähere Beziehungen. Als R. die Stelle des Ministers erhalten hatte, stand sie ihm mit unermüdlichem Eifer in den Geschäften bei. Nach der Flucht ihres Gemahls führte sie im Interesse der Konterrevolution mit den geflüchteten Girondisten einen Briefwechsel, weshalb man sie einkerkerte. Sie verschmähte die ihr gebotenen Mittel zur Flucht, schrieb im Gefängnisse ihre Memoiren und benahm sich vor ihren brutalen Richtern mit Unerschrockenheit. Mutig legte sie 8. Nov. 1793 ihr Haupt unter die Guillotine. In ihren «Mémoires» (2 Bde., Par. 1820; neue Ausg., ebd. 1864) sind auch ihre übrigen Schriften enthalten. Ihre «Lettres, en partie inédites» gab Dauban (2 Bde., Par. 1867) heraus, der auch die «Étude sur Madame R.» (ebd. 1864) veröffentlichte. – Vgl. außerdem: M. Blind, Madame R. (Lond. 1886). ^[Spaltenwechsel]
Rolandsbresche, Gebirgsscharte in den Pyrenäen, s. Brèche de Roland.
Rolandseck, Weiler im Kreis Ahrweiler des preuß. Reg.-Bez. Koblenz, zu Oberwinter gehörig, am linken Ufer des Rheins, an der Linie Köln-Bingerbrück der Preuß. Staatsbahnen, besteht fast nur aus Villen und hat (1890) etwa 130 E., Post, Telegraph und Basaltbrüche. Auf einem nahen Berge (153 m) ein 1848 gebauter got. Aussichtsturm und, als einziger Überrest der Burg R., ein Fensterbogen mit Aussicht auf das Siebengebirge. Unterhalb im Rhein die Insel Nonnenwerth (s. d.), und links am Rhein das Dorf Rolandswerth mit Weinbau und 460 E.
Rolandslied. Die Sage vom Paladin Roland (s. d.) wurde bei den Franzosen der Gegenstand volksmäßiger Lieder; vor dem Beginn der Schlacht bei Hastings (1066) sang Tailleser vor Wilhelms normann. Heer ein Lied von Roland. Solche Lieder waren die Grundlage der Erzählung in der um 1130 verfaßten sog. Chronik Turpins (s. d.), des gleichzeitigen «Carmen de proditione Guenonis», und aus denselben Liedern faßte um 1060 und 1090 ein Sänger das zusammenhängende franz. Volks- und Nationalepos, die «Chanson de Roland» oder «de Roncevaux» zusammen, die am besten von Th. Müller (2. Aufl., Gött. 1878) und von Clédat (2. Aufl., Par. 1887) herausgegeben, von W. Hertz (Stuttg. 1861) verdeutscht wurde. Das alte, in assonierenden Tiraden abgefaßte Gedicht wurde im 12. und 13. Jahrh. mehrfach umgearbeitet und erweitert; die verschiedenen Redaktionen dieser Bearbeitung hat Förster (Heilbr. 1883) herausgegeben. – Vgl. E. Seelmann, Bibliographie des R. (Heilbr. 1888).
Nach dem alten franz. Epos dichtete bereits 1131‒33 der Pfaffe Konrad (s. d.), im Dienste Heinrichs des Stolzen, sein deutsches Gedicht, das «Ruolandes liet»; es wurde mindestens zweimal, zunächst von einem niederrhein. Dichter Ende des 12. Jahrh. (Bartsch, «Über Karlmeinet», Nürnb. 1861), und dann in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. von einem österr. Dichter, dem Stricker (hg. von Bartsch, Quedlinb. 1857), umgearbeitet, wahrscheinlich mit Benutzung jüngerer franz. Gedichte. Auf franz. Quelle beruht auch das nur in Bruchstücken erhaltene engl. Gedicht des 15. Jahrh. (hg. von Herrtage, Lond. 1880, für die Early English Text Society); ferner die isländ. «Karlamagnus-Saga» (hg. von Unger); endlich die altniederländ. Bruchstücke des 13. Jahrh. (hg. von Bormans). Die ital. Bearbeitung des Sostegno di Zanobi, eines Florentiners im 14. Jahrh., «La Spagna», beruht nicht unmittelbar auf franz. Quellen, sondern auf in Italien verfaßten Gedichten in einer Mischsprache. Die span. Romanzen von Roland gründen sich nicht, wie man früher annahm, auf selbständiges Fortleben der Sage in Spanien, sondern sind auch auf franz. Traditionen zurückzu- ^[folgende Seite]