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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Indische Religionen

wir von dem chines. Pilger Hiouen-tschang, daß unter dem Feigenbaume bei Buddhagajā, wo Buddha die Erleuchtung kam, sich alljährlich Fürsten und Behörden am Todestage des Buddha versammelten, den Baum mit wohlriechendem Wasser und Milch besprengten, Lampen anzündeten und Blumen streuten, wobei Musik erschallte. Neben dem Baume stand eine Statue Buddhas, ringsherum Klöster, Topen und sonstige Monumente. Damals war der Kultus schon ein ganz äußerlicher und üppiger geworden, was begreiflich ist, da ja damals bereits die Schule des Mahājāna dem Buddhismus Götter gegeben hatte. Von körperlichen Reliquien des Buddha sind Haare, Nägel und Knochen, vor allem aber der Augenzahn verehrt worden, dessen wunderbare Geschichte in einem um 310 in Elu abgefaßten, um 1200 ins Pāli übersetzten besondern Werke geschildert worden ist. Bilder und Statuen des Buddha aus Holz, Stein, Gold, Messing waren sehr zahlreich; zu ihnen traten später die der Dhjānibōdhisattvā und des Buddha der Zukunft Mettejja, im nördl. Buddhismus auch die der Dhjānibuddhā. Berühmt sind die buddhistischen Felsentempel. Abdrücke von Fußstapfen Buddhas werden an verschiedenen Stellen gezeigt. Am berühmtesten ist der Abdruck auf dem Adams-Pik in Ceylon, den schon der chines. Pilger Fa-hian im 5. Jahrh. erwähnt. Zu ihm pilgern nicht bloß die Buddhisten, sondern auch die Çivaïten, die ihn für eine Fußspur Çivas halten, und die Mohammedaner, die glauben, daß Adam ihn hinterlassen habe. Außerdem waren Reliquien Überreste von Kleidern Buddhas, sein Betteltopf, den Fa-hian noch in Pischavar sah, u. s. w. Die Zahl der Feiertage wurde erheblich vermehrt. Entsprechend unsern Sonntagen wurden monatlich vier Feiertage eingesetzt. Die beiden Upōsathatage wurden Feste auch für die Laien. Arbeit und Handel ruhen, die Schulen und Gerichtshöfe sind geschlossen, Jagd und Fischfang verboten. Die Laien kleiden sich festlich, begeben sich zu einem Mönch oder einer Nonne und erklären während dieses Tages die fünf, besonders fromme die acht Gebote (s. Buddha, Bd. 3) zu befolgen, die sie hersagen. Dann hören sie die Predigt und verbringen den Tag in stiller Beschaulichkeit, recht fromme unter Fasten. Feiertage waren ferner das Neujahrsfest, der Todestag des Buddha, das Frühlingsfest und der Tag, an dem Māra, der buddhistische Teufel, von Buddha überwunden worden ist. Fa-hian schildert uns die Bilderprozession, die alljährlich in Patna am achten Tage des zweiten Monats stattfand und ein großes Volksfest war. Auf Ceylon ist heute das größte aller Feste, das Aehalakelija, d. h. Āschāḍhafest, das am Vollmonde des Monats Āschāḍha (Juni, Juli) gefeiert wird, dem Tage, an dem Buddha zuerst gepredigt haben soll und an dem die viermonatige Regenzeit beginnt. Die Zahl und Zeit der Feste ist je nach den Ländern sehr verschieden. Im Lamaismus werden alle regelmäßigen, vorher erwähnten Feste streng beachtet. Außerdem sind aber in jedem Monate mehrere Tage bestimmten Gottheiten und Heiligen gewidmet, und in jedem Monat wird ein großes Fest gefeiert meist mit Volksbelustigungen, Tänzen, Maskeraden, Schauspielen u. dgl. Die Zahl der Tempel ist dort eine sehr große, in Gestalt wechselnd von der einfachen Kapelle bis zu dem riesigen, drei Stock hohen Dom von Lhassa in Tibet.

Entsprechend ist der Kultus ein prunkvoller geworden, die Anzahl der Priester enorm gestiegen. Die Priester zerfallen in vier Grade, die sich äußerlich durch den Hut oder die Mütze unterscheiden, deren Farbe das Merkmal der beiden Sekten der "Rotmützen" und "Gelbmützen" ist. Um den Hals oder Arm oder am Gürtel hängt der Rosenkranz, der aus 108 Kugeln von gleicher Größe besteht, deren Material nach der Wohlhabenheit des Besitzers wechselt, aber bestimmt ist nach Sekte und Gottheit. Zwei Schnuren mit je 10 kleinen Metallringen, gewöhnlich an der 8. und 21. Kugel je einer Seite des Rosenkranzes befestigt, dienen als Zähler der Gebete. Ein Gebetcyklus umfaßt 108×10×10 = 10800 Gebete oder Formeln. Laien beten einen Cyklus täglich 5-20mal, auch weniger, Priester im Beginn ihrer Laufbahn bis zu 5000mal. Außer dem Rosenkranz trägt der Priester noch eine Gebetmaschine, eine Glocke, ein Gebetscepter, eine Trommel aus dem Schädeldache eines Menschen und eine kleinere Trommel, Amulette und kleine Bücher. Die Glocke gebraucht er beim Gottesdienst. Er begleitet damit die Gesänge und Gebete und füllt die Pausen aus. Das Gebetscepter (Vadschra) ist ein in der Form unsern Mörserkeulen nicht unähnliches, 5-6 Zoll langes Instrument mit zwei Knöpfen, die hohl und durchbrochen sind und in eine Spitze auslaufen. Der Geistliche gebraucht es ebenfalls beim Gottesdienst. Dieser besteht aus Anrufungen der Gottheiten, Singen von Hymnen, Hersagen von mystischen Sprüchen und Formeln, Darbringung von Opfern, wie Reis, Wasser, Blumen, Weihrauch, Kuchen, Lampen u. dgl., und schließt mit einem Segensspruch. Er wird meist in tibetanischer Sprache abgehalten, auch in der Mongolei und China, außer in dem Haupttempel zu Peking. Der Gebrauch des Tibetanischen entspricht dem des Latein in der kath. Kirche. Die Musik ist sehr geräuschvoll und wird viel verwendet. Trommeln, Trompeten, Hörner und Cymbeln bilden das Orchester, und die Kapellmeister verstehen es vortrefflich, vom ohrenbetäubenden Lärm plötzlich zum völligen Schweigen überzugehen, was in den hohen Tempelräumen einen überwältigenden Eindruck macht. Beim Gottesdienst werden Kerzen angezündet, Weihrauch gebrannt und Weihwasser gesprengt. Die Priester haben wie die Nonnen die Tonsur; sie begleiten, wie erwähnt, ihre Gebete mit Glocken und dem Schwingen des Scepters, tragen Chorröcke und Mitra, so daß der Gottesdienst des Lamaismus genau dem katholischen gleicht, von dem manche ihn herleiten wollen, da schon im 7. Jahrh. christl. Missionen in China und an der Grenze von Tibet bestanden. Der umgekehrte Weg der Entlehnung ist aber ebenso wahrscheinlich. Vom alten Buddhismus ist das öffentliche Sündenbekenntnis beibehalten worden. Es geschieht zweimal im Monat, ist aber keine Ohrenbeichte, sondern Hersagung fester Formeln im Chor. In Tibet wie in Ceylon und Hinterindien ist der Buddhismus ebenso nur die Decke, unter der sich der Animismus verbirgt, wie in Indien der Brahmanismus. Überall glaubt das Volk an unzählige böse Geister, deren Bilder in Tibet sogar in den Tempeln selbst angebracht werden. Der Lama ist zugleich der Beschwörer und Zauberer, und in Tibet wie in Ceylon und den buddhistischen Ländern Hinterindiens ist Dämonenverehrung die eigentliche Religion des Volks, über Lehre und Geschichte des Buddhismus s. Buddha, Bd. 3; über den Buddhismus in den außerindischen Ländern s. Buddhismus; für den Lamaismus ist jetzt das Haupt-^[folgende Seite]