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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Socialdemokratie
welche Exekutivgewalt besitzen und mindestens zur
Hälfte aus den Kreisen der Arbeiter und Arbeite-
rinnen entnommen werden.
Die socialdemokratischen Gewerkschaften
hielten ihren zweiten Kongreß ab vom 4. bis 8. Mai
1896 in Berlin. In der Frage der Arbeitslosen-
unterstützung und des Arbeitsnachweises wurde be-
schlossen, da§ in diesem Unterstützungszweige ein be-
deutender, ja notwendiger Förderer der gewerkschaft-
lichen Organisation zu erkennen sei und daher die
Pflege desselben den Gewerkschaften dringend zu
empfehlen sei; der Arbeitsnachweis müsse unbedingt
den Gewerkschaften gehören, und die Arbeiter seien
vor jedem Erperiment auf einer andern Grundlage
als der alleinigen Leitung von Arbeitsnachweisen
durch die Organisationen der Arbeiter zu warnen.
Die übrigen Beschlüsse des Kongresses bezogen sick
auf eine lebhaftere Agitation unter den Arbeiterinnen
und die energische Bekämpfung des Schwitzfystems
in allen Branchen. Die Kongresse sollen fernerhin
alle drei Jahre stattfinden. Auf dem Kongreß waren
anwefend: 136 Delegierte für 56 Organisationen mit
rund 300000 Mitgliedern.
Während der Ostertage 1896 fand in Berlin d(?r
erste Kongreß socialdemokratischer deut-
scher Handlungsgehilfen statt, zu dem etwa
30 Vertreter deutscher Handlungsgehilfen aus 18
deutschen Städten, und zwar ausschließlich aus Groß-
städten erschienen waren. Es wurden unter anderm
Beschlüsse gefaßt für Ausdehnung der Versicherungs-
aesetzgebung auf alle Handlungsgehilfen, für be-
sondern Schutz für die minderjährigen Gehilfen, für
Handelsinspektoren und Ausdehnung der Gewerbe-
gerichte auf das Handelsgewerbe.
Auflösung der socialdemokratischen
Parteiorganisation in Deutschland. Nach-
dem 25. Nov. 1895 bei der Redaktion des "Vorwärts"
und in der Privatwohnung mehrerer Mitglieder der
socialdemokratischen Partei in Berlin polizeiliche
Haussuchung nach Korrespondenzen und Vereins-
akten gehalten war, wurden durch Verfügung des
Polizeipräsidenten 29. Nov. 1895 für vorläufig ge-
schlosien erklärt: der Parteivorstand der socialdemo-
kratischen Partei Deutschlands und die sechs Berliner
socialdemokratischen Wahlvereine, außerdem die Agi-
tations-, Preß-und Lokalkommission und der "Verein
öffentlicher Vertrauensmänner" der Berliner Mit-
glieder der Partei. Als Grund wurde die Bestim-
mung des Vereinsgesetzes angegeben, wonach polit.
Vereine nicht Frauenspersonen, Schüler und Lehr-
linge als Mitglieder aufnehmen und nicht mit an-
dern Vereinen gleicher Art zu gemeinsamen! Zweck
in Verbindung treten dürfen. Die Mitglieder des
Parteivorstandes machten daraufhin bekannt, daß
sie ihre Thätigkeit vorläufig einstellten, und daß die
Leitung der Partei auf die socialdemokratische Reichs-
tagsfraktion überginge. Durch gerichtliche Entschei-
dung wurden die Hauptbeteiligten zu geringen Geld-
strafen verurteilt, durch das Reichsgericht als Revi-
sionsmstanz aber die Angelegenheit in die Vor-
instanz zurückgewiesen.
Der Parteitag für 1896 fand vom 11. bis
16. Okt. in Gotha statt. Verhandelt wurde über den
Arbeiterschutz, die Frauenagitation und zahlreiche
innere Parteiangelegenheiten, dagegen wurde die
Frage des Proportionalwahlrechts von der Tages-
ordnung abgesetzt. In Bezug auf die Parteiorgani-
sation wurde beschlossen, von einer Änderung ab-
zusehen, bis das Reichsgericht über die gegen das
Urteil auf Auflösung der Organisation eingelegte
Revision entschieden haben wird. Bis dahin bleibt
es bei den getroffenen provisorischen Maßnahmen,
die Einsetzung eines geschäftsführenden Ausschusses
mit dem Sitze in Hamburg und die Leitung von
polit. Angelegenheiten der Partei durch die Reichs-
tagsfraktion. - In Bezug auf Arbeiterschutz wurde
die Agitation für den gesetzlichen Achtuhrladenschluß
und für den Achtstundentag empfohlen. In der
Frage der Frauenagitation wurde strenge Sonderung
der proletarischen und bürgerlichen Frauenbewegung
als maßgebendes Ziel für die socialistische Agi-
tation beschlossen. Der nächste Parteitag soll 1897
in Hamburg abgehalten werden.
Über den internationalen Socialisten-
kongreß s. Internationale Arbeiterkongresse.
Österreich. Der fünfte Parteitag der öster-
reichischen S. fand in der Woche nach Ostern 1896
in Prag statt. Der Parteibericht weist auf eine An-
zahl von Fortschritten hin, die in den letzten zwei
Jahren gemacht wurden, namentlich auf das Be-
stehen des großen socialdemokratischen Tageblattes
"Arbeiterzeitung", und betont auf polit.Gebieteins-
besondere die intensive Agitation für das allgemeine
direkte Wahlrecht, die auch fernerhin zur Hauptauf-
gabe zu machen beschlossen wurde. Die Einzel-
berichte ergaben zwar durchaus eine Ausdehnung
der Organisation, aber das natürliche Resultat, daß
relativ stärkere Organisationen nur in den indu-
striellen Centren bestehen, während in den vielen
landwirtschaftlichen Kronländern die Zahl der wirk-
lich organisierten Arbeiter, verglichen mit dem Aus-
lande, gering ist; nach dem Parteibcricht ist die Zahl
auf 80-100000 zu schätzen; die Ursachen werden
in der relativen Jugend der socialistischen Bewegung
in Österreich, wie in dem Mangel an polit. Rechten
und namentlich in dem niedrigen Lohnniveau und
der geringen Schulbildung der Mehrzahl der österr.
Arbeiter gesucht.
Frankreich. In Romilly - sur - Seine fand
9. und 10. Sept.^1895 der 13. Jahreskongreß
der französischen S. (paiti ouvrißi') statt; anwesend
waren 150 Delegierte, die 572 Organisationen in
250 Städten vertraten. Zur auswärtigen Politik
wurde der Volksfrieden im Verein mit der deutschen
S. proklamiert und beschlossen, in der Deputierten-
kammer den Antrag auf Herbeiführung eines inter-
nationalen Vertrags zu stellen, durch den die aktive
Dienstzeit in den europ. Heeren allmählich herab-
gesetzt werden soll. Endlich faßte man Resolutionen
für die Wahl männlicher und weiblicher Gewerbe-
inspektoren durch die Arbeiter, für Verstaatlichung
der Apotheken, für Waisenfürsorge durch die Ge-
meinde, für Ausdehnung des Wahlrechts auf die
wegen Arbeitsunfähigkeit öffentlich Unterstützten.
Der 14. Kongreß der französischen S. tagte vom
21. bis 23. Juli 1896 in Litte; anwesend waren 315
Delegierte, die 800 Parteigruppen, Gewerkschaften
und Gewerkfchaftsverbünd'e aus 313 Städten ver-
traten. Außerdem hatten 110 Gemeinderäte Zu-
stimmungserklärungen geschickt. Nach dem Jahres-
bericht des Abgeordneten Guesde hat die S. haupt-
sächlich bei den Gemeinderatswahlen Fortschritte
gemacht <über 300000 Stimmen gegen 157000 im
1.1892) und hat 200 Gemeinderäte neu gewonnen.
Wie im Vorjahre wurde beschlossen, daß bei den
Wahlen, an denen mehrere socialistische Gruppen
sich beteiligen, im zweiten Wahlgange jede Gruppe
ihre Stimmen dem Kandidaten geben soll, der im