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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Abendmahlsgericht; Abendpunkt; Abendröte; Abendroth; Abendschulen; Abendstern; Abendweite; Abendwind

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Abendmahlsgericht - Abendwind.

Abendmahlsgericht (Abendmahlsprobe, Judicium S. Coenae, S. Eucharistiae), eine Art des Gottesurteils (Ordal), die schon im 9. Jahrh. vorkommt. Sie fand vorzugsweise bei Klerikern Anwendung und war nach Gratians Dekretalien vorgeschrieben, wenn in einem Kloster ein Diebstahl begangen war. Sämtliche Klostergeistliche mußten nämlich alsdann in einer feierlichen Messe die geweihte Hostie unter der Beteurung genießen, daß sie an ihnen zum Zeichen werden solle.

Abendpunkt (Westpunkt), der Punkt, in welchem der Äquator des Himmels auf der Westseite den Horizont schneidet und in welchem zur Zeit der Nachtgleichen die Sonne untergeht.

Abendröte (Abendrot), das bekannte Phänomen, welches nach dem Untergang der Sonne einzutreten pflegt und in einem über den Abendhimmel verbreiteten, verschieden nüancierten roten Schein besteht. Es tritt ganz besonders prachtvoll auf, wenn bei tiefblauem Himmel einige Wolken im W. stehen. Gehören diese zu den geschichteten Federwolken, so erscheinen sie meistens vor Sonnenuntergang als hellgraue Streifen mit hellen Rändern, welche später goldgelb und darauf feuerrot werden, während die Wolken im Innern dunkelblau oder, wenn sie die rote Erleuchtung der Rückseite durchscheinen lassen, purpurrot aussehen. Je nach der tiefern oder höhern Lage dieser Wolken gewahrt man verschiedene Färbung; einige erscheinen bereits dunkel feuerrot, während andre, scheinbar danebenstehende noch gelb sind. Bei weißlichem, mattblauem Himmel besteht die A. in einem oft glänzenden, aber mehr oder weniger weißlichen Gelb oder Graurot. Wenn nur ein matter gelber Glanz am Abendhimmel sichtbar ist, wird oberhalb desselben eine weißliche Färbung beobachtet, die oft in ein mattes Grün übergeht. Die frühern Physiker suchten die Entstehung der A. einfach durch die Annahme zu erklären, daß die Luft von den Strahlen, in welche das weiße Sonnenlicht beim Durchgang durch ein dichteres Medium sich teilt, vorzugsweise die blauen reflektiere, dagegen die gelben und roten vollständiger durchlasse. Forbes gab zuerst eine bessere Erklärung der Erscheinung, indem er sie mit dem atmosphärischen Wasserdampf in Verbindung brachte, und endlich hat Clausius im 76. Band von Poggendorffs "Annalen" die Entstehung der A. sowie der blauen Färbung des Himmels aus der Annahme erklärt, daß der atmosphärische Wasserdampf die Form von kleinen, kugelförmigen Nebelbläschen und nicht von massiven Wasserkugeln besitzt. Die äußere Hülle dieser Wasserbläschen wirkt so wie ein dünnes Blättchen, welches sowohl im reflektierten als auch im durchgehenden Licht Farben zeigt. Je dünner die Wasserschicht der Nebelbläschen, desto reiner ist das Blau des Himmels. Bei zunehmender Feuchtigkeit wird nicht nur die Dicke der Wasserschicht zunehmen, sondern es werden sich auch immer von neuem Nebelbläschen bilden, so daß dann alle Zwischenstufen von einer bestimmten Grenze der Dicke an bis zu den feinsten Bläschen herab gleichzeitig in der Luft schweben und die verschiedenen Farben hervorbringen, die sich zu einer weißlichen Färbung vereinigen und das reine Blau des Himmels trüben. Wie in dem von den Nebelbläschen reflektierten Lichte die blaue Farbe vorherrscht, wird im durchgehenden Lichte die dafür komplementäre Farbe, also Orange, vorherrschen, und wenn die Sonne in der Nähe des Horizonts steht, also die Strahlen auf ihrem Weg sehr viele Nebelbläschen zu durchdringen haben, wird die Orangefarbe ein bedeutendes ↔ Übergewicht erhalten und die Erscheinung der A. hervorrufen. Ganz dasselbe Phänomen beobachtet man bekanntlich auch als Morgenröte, und wenn sich die Sonne nach und nach über den Horizont hebt, wird die rötliche Färbung immer schwächer, bis sie schließlich in die weiße Farbe übergeht. Wenn bei schönem blauen Himmel sich die A. als ein sanftes Purpurn zeigt und wenige Federwolken am Horizont rot gefärbt erscheinen, pflegt schönes Wetter zu folgen; eine weißlichgelbe oder sehr rote trübe A. bei größtenteils bedecktem Himmel wird ebenso wie ein starkes Morgenrot bei bedecktem Himmel als Vorbote von Regen angesehen. In den letzten Monaten von 1883 und in den ersten Monaten von 1884 wurden ungewöhnlich lebhafte Morgen- und Abendröten beobachtet, welche man mit vulkanischen Ausbrüchen, besonders mit denen in der Sundastraße 27. Aug. 1883, in Verbindung gebracht hat.

Abendroth, Amandus Augustus, Bürgermeister von Hamburg, geb. 16. Okt. 1767 daselbst, ließ sich in seiner Vaterstadt als Advokat nieder, wurde 1800 zum Senator ernannt, verwaltete während der französischen Invasion eine Zeitlang das Amt Ritzebüttel, wurde dann Maire von Hamburg und erschien als solcher 1812 im Gesetzgebenden Körper zu Paris zwei Tage zuvor, ehe Napoleon seinen Zug nach Rußland antrat. In den Tagen der Befreiung war er wieder in Hamburg, gab hier nach der Wiederherstellung der alten Verfassung zu manchen Reformen Anlaß, verwaltete dann wieder das Amt Ritzebüttel, schrieb darüber ein zweibändiges Werk, wurde 1825 Polizeiherr, 1831 Bürgermeister von Hamburg und starb 17. Dez. 1842. - Sein ältester Sohn, August, geb. 1798, gest. 1869, machte sich als Mitglied des Ausschusses für den Neubau Hamburgs nach dem Brande durch großartige Sielbauten und Einrichtung von Wasserleitungen sowie andre gemeinnützige Unternehmungen verdient.

Abendschulen, Schulen, worin junge Leute, welche durch Arbeit abgehalten sind, die Schulen am Tag zu besuchen, in den Abendstunden Nachhilfe zur Fortbildung erhalten. Als alleinige unterrichtliche Versorgung solcher Kinder, welche den Tag über in Fabriken arbeiten, ist die Abendschule durch die veränderte Reichsgewerbeordnung vom 17. Juli 1878 (§ 135, Absatz 2) ausgeschlossen. Dagegen tritt die Fortbildungsschule (s. d.) vorwiegend als Abendschule auf. Nur in einzelnen Ländern (z. B. Baden: Gesetz vom 18. Febr. 1874) ist die Benutzung der Abendstunden auch für diesen Zweck nicht gestattet.

Abendstern (Hesperos), der Planet. Venus, wenn er nach Sonnenuntergang am Abendhimmel glänzt, während er Morgenstern heißt, wenn er vor Sonnenaufgang am östlichen Himmel erscheint. Nach Diogenes von Laërte hat erst Pythagoras um 500 v. Chr. die Identität beider erkannt.

Abendweite, der Bogen des Horizonts zwischen dem Untergangspunkt eines Sterns und dem Westpunkt; ebenso Morgenweite die Entfernung des Aufgangspunkts eines Sterns vom Ostpunkt. Morgen- und A. sind am kleinsten, nämlich gleich der Deklination des Sterns, für einen Beobachter am Äquator; für die Sonne betragen sie also dort höchstens 23½° und dies zur Zeit der Sonnenwenden.

Abendwind (Westwind), der aus Abend kommende Wind, bringt in Deutschland die meisten Regen und fast stets bewölkten Himmel. Hierdurch wird im Sommer die Wirkung der Sonnenstrahlen verringert, die Hitze also gemäßigt, im Winter aber die Ausstrahlung der Erde vermindert und damit die Kälte

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 31.