Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Afghanistan

146

Afghanistan (Geschichte).

Vertrag von 1857 durfte der diplomatische Vertreter Englands in A. nur indischer Abkunft sein); vermehrte Geldzuschüsse und Absendung britischer Offiziere zur Organisation der afghanischen Armee wurden dagegen versprochen. Schir Ali ging darauf nicht ein; nur mit Mühe wurde er bewogen, 1877 einen Gesandten nach Peschawar zu senden, mit welchem aber (da er ohne Vollmachten) die Verhandlungen bald abgebrochen wurden. Gleichzeitig (Februar 1877) besetzten die Engländer Quetta. Schir Ali warf sich nun ganz in die Arme Rußlands und empfing 23. Juli 1878 eine Gesandtschaft desselben unter General Stoljetow. Die englischerseits unter Sir Neville Chamberlain nach Kabul entsendete Gesandtschaft wurde dagegen schon an der Grenze Afghanistans im Chaiberpaß beim Fort Alimusjid in beleidigendster Weise zurückgewiesen. England verlangte Genugthuung. Schir Ali verweigerte sie im Hinblick auf Rußland. Nach Ablauf des Ultimatums überschritten die Engländer 21. Nov. die Grenze: eine Kolonne unter General Browne im Chaiberpaß, eine zweite unter Roberts im Kurampaß und eine dritte unter Biddulph von Quetta aus. Browne besetzte 20. Dez. Dschelalabad, Roberts eroberte 2. Dez. den Paiwerpaß und schlug 7. Jan. 1879 die Afghanen im Choftthal, General Stewart von der linken Flügelkolonne rückte 8. Jan. in Kandahar ein. Schir Ali war schon Mitte Dezember 1878 im Gefolge der russischen Gesandtschaft nach Turan geflüchtet und starb 21. Febr. 1879 in Mazarascherif, nachdem er seinem nunmehr in Freiheit gesetzten Sohn Jakub Chan (Adullah Chan war gestorben) die Regierung übertragen hatte. Dieser wurde im Land anerkannt. Jakub Chan war zum Friedensschluß geneigt, seine Unterthanen noch nicht. Um einen Druck auf letztere auszuüben, rückten die englischen Truppen 1. April von Dschelalabad auf Kabul. Nach einem siegreichen Gefecht bei Nimla Bagh drang die Kolonne bis Gandamak vor. Jakub Chan, zu Verhandlungen bereit, traf 8. Mai hier ein, und am 19. wurde der Vertrag abgeschlossen. Art. 3 regelte die Oberaufsicht Britisch-Indiens über A.: "In allen äußern Angelegenheiten wird der Emir durch die britische Regierung beraten und gegen jeden auswärtigen Angriff geschützt"; Art. 5 lautete: "Für Kabul wird ein britischer Resident ernannt mit der nötigen Eskorte und Vollmachten. Die Kuram-, Pischin- und Sibithäler treten unter indische Verwaltung. Den britischen Behörden steht die Kontrolle der nach dem Kabulthal führenden Pässe sowie über die Grenzstämme zu. 2,400,000 Mk. erhält der Emir als Jahresgehalt, sofern der Vertrag eingehalten wird."

Am 24. Juli 1879 zog Major Cavagnari mit einer Eskorte von 89 Kombattanten als britischer Gesandter in Kabul ein; aber schon 3. Sept. erfolgte ein Massenangriff auf das Gesandtschaftsgebäude und die Ermordung des Gesandten und seiner Begleitung. Zur zwangsweisen Durchführung des Vertrags und Wiederherstellung der britischen Ehre erfolgte sofort ein erneuter Einmarsch englischer Truppen unter dem General Roberts. Der zweite afghanische Krieg 1879 begann. Kabul, 12. Okt. besetzt, mußte 10. Dez. wieder geräumt werden, ward aber 27. Dez. aufs neue genommen; ebenso wurde Kandahar besetzt, der Hilmend von Girischk aus überwacht und Ghasni genommen. Jakub Chan, der Mitschuld an der Ermordung Cavagnaris überwiesen, ward 13. Dez. 1879 in die Gefangenschaft nach Indien abgeführt.

Von englischen Truppen standen damals General Roberts mit 10,000 Mann in und um Kabul, Bright mit 12,000 Mann zwischen Kabul und Peschawar, Stewart mit 9045 Mann in Kandahar, im Kuramthal 9150 Mann. Trotz dieser Truppen fanden aber überall Aufstände statt, und die Anhänger Jakubs riefen in Ghasni den einzigen fünfjährigen Sohn desselben, Musa, zu seinem Nachfolger aus, Mohammed Dschan wurde sein Vormund und Regent. Letzterer eröffnete den Glaubenskrieg, ward aber 19. April 1880 vor Ghasni geschlagen und durch die Einnahme dieser Stadt der Ghilzaistamm niedergeworfen. Waffenruhe herrschte nunmehr im Kabulthal wie in Kandahar. In einer im April vom Oberkommandierenden nach Maidan berufenen Versammlung der einflußreichsten Einwohner ward denselben bekannt gemacht, daß England nicht die Absicht habe, A. dauernd besetzt zu halten, vielmehr einen vom Volk gewählten Emir anerkennen und dann seine Truppen zurückziehen würde. Schon früher war A. englischerseits bekannt gegeben, daß die Provinz Kandahar abgetrennt und zu einem selbständigen Reiche gemacht werden solle. Im April wurde es zur Thatsache: der bisherige Gouverneur von Kandahar, Schir Ali, ward zum Wali oder Fürsten des neuen Reichs ernannt; eine englisch-indische Brigade hielt Kandahar besetzt. Die Afghanen, sehr mißgestimmt, verlangten Wiederherstellung eines ungeteilten A., besonders Mohammed Dschan in Ghasni mit seinem Anhang wie auch die nördlich des Kabulthals seßhaften Stämme.

In diese Zeit fällt das Auftreten Abd ur Rahmâns, Sohn von Afzul, Enkel von Dost Mohammed. Nach der Niederlage Azims, seines Onkels, bei Ghasni im Dezember 1868, floh Abd ur Rahmân zuerst nach Persien und dann nach Rußland, wo er als russischer Staatspensionär mit 2500 Rub. Apanage in Samarkand lebte. Mitte Februar 1880 tauchte derselbe mit einer turkmenischen Streitmacht in der afghanischen Provinz Badachschan auf und wurde hier zum Herrscher von A. ausgerufen. Anfang April erkannten ihn auch die Bergstämme am Südabhang des Hindukuschgebirges an. Auch die Anhänger Jakub Chans liehen ihm Unterstützung. Infolgedessen entsandte die englische Regierung eine Gesandtschaft, um Abd ur Rahmân auch ihre Anerkennung als Emir von A. unter gewissen Bedingungen anzubieten. Nach langen Verhandlungen kam es schließlich 22. Juli in einer Versammlung afghanischer Häuptlinge in Kabul zu der Proklamierung Abd ur Rahmâns zum Emir von A. Abgesehen von dem englischerseits eingesetzten Wali Schir Ali von Kandahar, existierte aber auch noch eine Nebenregierung in Herat. Hier war 1879 Ejub Chan, Sohn des Emirs Schir Ali und Bruder des in Indien gefangen gehaltenen Jakub Chan, als Gouverneur eingesetzt. Um nicht selbst infolge der in seinem eignen Heer ausgebrochenen Kämpfe zu Grunde zu gehen, sah er sich genötigt, nach außen thätig zu werden. Die Proklamierung eines neuen Emirs von A. gab ihm Anlaß dazu, indem er eigne Rechte auf den Thron geltend machte. Ende Juni 1880 war er mit seiner Streitmacht von Herat über Farah nach dem Hilmend aufgebrochen. Gegenmaßregeln wurden von Kandahar aus getroffen. Hier stand General Primrose mit ca. 4000 Mann englischer Truppen, auf den rückwärtigen Verbindungslinien befehligte General Phayre. Der Wali Schir Ali hatte eine eigne Streitmacht organisiert. Letzterer rückte Ejub Chan entgegen; General Burrows wurde von Prim-^[folgende Seite]