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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Alexandria

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Alexandria.

Reiterstatue Mehemed Alis in Erzguß, drängt die Stadt der Einheimischen immer mehr in den Schatten. Hier hat sich ein völlig europäisches Leben entwickelt mit Gasbeleuchtung, glänzenden Läden, Kaffeehäusern, Theatern, Hotels; hier haben die Klubs und Vereine ("Deutscher Verein") ihren Sitz, hier liegen die europäischen Spitäler (deutsches Diakonissenhaus). Jeder europäische Handelsstaat hat in A. eine kleine Kolonie unter einem Konsul; alle Religionen genießen Schutz und Freiheit, und alle christlichen Hauptsekten besitzen hier Kirchen. Die Juden haben mehrere Synagogen und die Mohammedaner über 30 Moscheen. Einige reiche europäische Kaufleute haben sich in der Nähe von A. prächtige Landhäuser gebaut und Parke angelegt, und die Oberbeamten des Chedive fangen an, diesem Beispiel zu folgen. Der fremden Bevölkerung steht eine mindestens dreimal so starke einheimische, zumeist aus türkischen und arabischen Elementen gemischte gegenüber, die in armseligen, aus Lehm zusammengekneteten Hütten wohnt, und zu der sich noch Vertreter der verschiedensten afrikanischen Völkerschaften gesellen. Die Gesamtzahl der Einwohner wird zu (1883) 208,755 angegeben. Davon kommen auf die europäische Bevölkerung, welche, Handelsgewinn suchend, sich in A. niedergelassen hat, nahezu 60,000, vorherrschend Italiener, Griechen und Franzosen (nur etwa 1000 Deutsche). Der Flor der neuen Stadt gründet sich hauptsächlich auf den überseeischen Export- und Importhandel, welcher hier für ganz Ägypten seinen Sitz hat. Die Hauptgegenstände des Exporthandels sind gegenwärtig: Baumwolle und Baumwollsamen, Hülsenfrüchte, Ölsamen, Hanf, Indigo, Zucker, Gummi, Opium, Wolle, verschiedene Droguen etc.; Hauptgegenstände des Importhandels: europäische Seidenwaren, wollene und baumwollene Stoffe, Leder- und allerlei Kurzwaren und Luxusgegenstände etc. Die Verkehrsmittel Alexandrias sind so entwickelt wie nur die irgend eines andern Hafens am Mittelmeer; Dampferlinien führen nach Southampton, Marseille, Genua, Brindisi, Triest und Konstantinopel. Jährlich besuchen über 2000 Schiffe A. Zwei Telegraphenkabelführen nach Europa. Eine Eisenbahn führt in östlicher Richtung nach der nahen Sommerfrische Ramle und nach Rosette, eine zweite nach Kairo und Suez, eine dritte nach El Meks, Mittelpunkt der Arbeiten für die von einem englischen Hause ausgeführten großartigen Hafenanlagen. Das außerordentlich schnelle Emporkommen Alexandrias unter der jetzigen Regierung ist übrigens großenteils auf Kosten andrer Plätze bewerkstelligt worden, besonders Rosettes, das in gleichem Verhältnis sank und verarmte. Der Lebensnerv des heutigen A. ist der Mahmudiehkanal, welcher die Verbindung mit dem Innern unterhält und zugleich den Zweck hat, die Stadt mit Trinkwasser zu versorgen. Dieses großartige Werk despotischer Willenskraft, 1819 von Mehemed Ali angelegt und zu Ehren des Sultans Mahmud benannt, läuft vom alten Hafen zum Nilarm von Rosette in einer Länge von 83,5 km, 30 m breit und 6 m tief. Mit diesem Kanal, an dem anfangs 100,000, später sogar 310,000 Menschen arbeiteten (20,000 sollen durch Krankheiten und Hunger hingerafft worden sein), steht ein kleinerer von etwa 2728 m Länge, 20 m Breite und 6 m Tiefe in Verbindung, um beim Anschwellen des Nils das eintretende überflüssige Wasser abzuführen. An Stelle der Zisternen, von denen es noch über 1000 geben soll, ist seit 1860 eine aus dem Kanal Moharrem Bei (einem Zweig des Mahmudiehkanals) gespeiste Wasserleitung getreten, deren Wasser in der trocknen Jahreszeit jedoch kaum brauchbar ist. Das Klima Alexandrias ist im ganzen gesund, und selbst im Sommer ist die Hitze, durch den Seewind gekühlt, nicht drückend; selten steigt das Thermometer auf 26° C. Der vorherrschende Wind ist der Nordwind; im Winter regnet es fast täglich. A. ist der Sitz eines Gouverneurs, eines koptischen Patriarchen, seit 1876 eines internationalen Appellhofs, der Marine- und Handelsanstalten sowie der Marine- und Militärschulen und der fremden Konsuln. Alle Europäer genießen vollkommene Gewerbe- und Steuerfreiheit und Schutz von den ägyptischen Behörden. Die Garnison besteht aus 2-3000 Mann Kerntruppen. Die Eröffnung des Suezkanals und damit des Konkurrenzhafens Port Said hat keineswegs, wie man befürchtete, nachteilig auf die Blüte der Stadt gewirkt, die im Gegenteil sich noch mehr gehoben hat und den seit dem amerikanischen Bürgerkrieg so bedeutend gewordenen ägyptischen Baumwollhandel monopolisiert. Vgl. Franceschi, Volkswirtschaftliche Studien über A. und das untere Nilthal (Wien 1874).

Geschichte. Was der große Makedonier mit der Gründung Alexandrias gewollt, führten die ihm nachfolgenden Beherrscher Ägyptens teilweise aus. Die Ptolemäer wählten A. zur Hauptstadt ihres neuen Reichs, und unter ihrer Regierung hob es sich zu einer der blühendsten Städte des Altertums empor, groß durch Handel wie keine, als Sitz der Wissenschaften berühmter als alle, aber auch als Sitz einer durch überschwenglichen Reichtum genährten grenzenlosen Sittenlosigkeit und Üppigkeit berüchtigt. Als Cäsar 48 v. Chr. nach Pompejus' Ermordung in A. erschien, entstand eine Empörung des Volks, gegen welche sich die Römer unter heftigen Kämpfen neun Monate lang im Besitz des Brucheion behaupteten (Alexandrinischer Krieg); ein Brand verzehrte damals den größten Teil der berühmten alexandrinischen Bibliothek. Mit Kleopatra endigte 30 v. Chr. die Reihe der Ptolemäer, aber die Blüte Alexandrias verlor beim Wechsel der Herrschaft nicht; es stand auch im Römerreich nur Rom selbst an Größe nach und war das Emporium, wo sich der gesamte Welthandel konzentrierte, der große Markt, wo die Produkte Arabiens, Indiens, Afrikas und das Korn Ägyptens für das Gold und Silber und die Erze der Westwelt vertauscht wurden. Die wissenschaftliche Bedeutung Alexandrias machte es auch zu einem Hauptsitz des Christentums; die heftigsten Kämpfe zwischen diesem und dem Heidentum und zwischen den christlichen Parteien schädigten die Blüte der Stadt. In diesen Kämpfen ging 389 n. Chr. mit dem Serapeion auch der Rest der Bibliothek zu Grunde. Vernichtet wurde aber A. als Hauptstadt Ägyptens und herrschender Handelsplatz durch die Araber, welche unter Führung Amrus die Stadt nach 14monatlicher tapferer Verteidigung durch griechische Truppen im Dezember 641 eroberten. Die Festungswerke wurden geschleift; der größte Teil der Stadt blieb zwar verschont, erhob sich aber nicht wieder zu der frühern Größe. Als das Kalifat selbst in Verfall geriet, erklärte sich der Statthalter Achmed 868 für unabhängig und gründete die Dynastie der Tuluniden, welche aber nach kurzer Dauer (908) Mahadi, dem Fatimiden, Platz machen mußte. Da beide Dynastien Kairo zur Residenz wählten, kam A. mehr und mehr herab. Im J. 1171 wurde die fatimidische Herrschaft von Saladin gestürzt, dessen Nachfolger ihrerseits 1250 durch die Mamelucken verdrängt wurden. Unter solchem Herrenwechsel kam A. durch Belagerung und Plünderung wiederholt in große Bedrängnis. Genuesen und Venezianer, die es zum Hauptstapelplatz des