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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Algerien

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Algerien (Verwaltung, Rechtspflege, Unterricht etc.; Produkte).

Europäern ebensowenig verschmelzen wie der Araber. Kleinere Stämme in A. sind: die Biskrih, Araber aus der Oase Biskra, ein thätiges Völkchen, das die Packträger und Hausknechte des Landes liefert; die Mzabiten, Leute vom Stamm der Beni Mzab, aus den Oasen an den Grenzen der Sahara. Sie sind gleich den Kabylen berberischen Ursprungs und treiben Handel mit Datteln, dem Hauptprodukt ihres Landes. Sie gehören keiner der vier sunnitischen Sekten des Islam an, sondern verwerfen gleich den Wahabiten Arabiens die Sunna (Tradition) und mißbilligen die Heiligen- (Marabut-) Verehrung; sie sind also die Protestanten des Islam. Ihre Religion nennt man Chamsiah (d. h. die fünfte). Die Türken, welche bei der Eroberung Algeriens durch Frankreich der herrschende Volksstamm waren, wurden durch die französische Regierung zur Auswanderung gezwungen. Die wenigen Neger stammen aus dem Innern von Afrika und leben meist als Tagelöhner und Dienstboten in den Städten. Seit 1848 hat die Sklaverei aufgehört, und alle unfreien Neger sind seitdem freie Leute. Ein Vermittelungsglied zwischen der eingebornen und europäischen Bevölkerung bilden die Juden, die aber jetzt mehr und mehr französisches Wesen annehmen, auch sich nicht mehr auf den Handel beschränken, sondern als Schreiber und Beamte sowie auch als Handwerker thätig sind. Unter den Deis lebten sie unterdrückt und mißhandelt; Frankreich brachte ihnen die Emanzipation. Seitdem sind sie reiche Leute geworden und vermehren sich stark.

[Verwaltung.] An der Spitze der Regierung steht ein Generalgouverneur, der, zu Algier residierend, Zivil- und Militärgewalt in seiner Person vereinigt und unter dem französischen Kriegsministerium steht. Die drei Departements zerfallen jede in ein Territoire militaire und ein Territoire civil und werden, was letzteres betrifft, wieder in Arrondissements eingeteilt, während das Territoire militaire in Divisionen und Subdivisionen zerfällt. Der Umfang und die Bevölkerung des thatsächlich unter französischer Verwaltung stehenden Gebiets wurden Ende 1881 angegeben:

Bewohner 28. Dez. 1881

Departements QKilom. Territoire civil Territoire militaire Total

Algier 105167 1072762 178910 1251672

Oran 86103 674830 92492 767322

Konstantine 127064 1075355 216063 1291418

Zusammen: 318334 2822947 487465 3310412

Die arabische Bevölkerung bildet noch Duars und Ferkas (Gemeinden), Uls (Stämme) und Arraliks (Kombinationen von mehreren Stämmen). Mittelglieder zwischen den Häuptlingen der Eingebornen (Scheichs) und der Oberbehörde sind die sogen. Bureaux arabes, deren Aufgabe es ist, einerseits die religiösen und bürgerlichen Interessen der Araber, anderseits die der Kolonisten in ihren Beziehungen zu den Eingebornen wahrzunehmen. Die Streitkräfte, welche die französische Regierung in der Kolonie unterhält, bestehen teils aus französischen Mannschaften, teils aus fremden Volontären, teils aus eingebornen Truppen in der Stärke von ca. 51,000 Mann, darunter 9000 Mann Eingeborne (Turkos und Spahis). Außerdem ist in der Kolonie eine Miliz errichtet worden, die in Friedenszeiten zur Aufrechthaltung der Ruhe und Ordnung in den Städten dient. Die Justizverwaltung zerfällt zuvörderst, jedoch nur für einzelne Fälle, in zwei Abteilungen, deren eine alle die Europäer betreffenden Angelegenheiten, die andre die unter den Eingebornen vorkommenden Rechtshändel entscheidet. Im allgemeinen aber sind alle Bewohner, ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens, den französischen Gerichten unterstellt. Nur gewisse nach dem Koran straffällige Vergehen, welche in dem französischen Gesetzbuch nicht vorgesehen sind, kommen vor die Kadis, sowie einzelne den Zivilstand der Juden betreffende Angelegenheiten der Entscheidung der Rabbinergerichte anheimfallen. Die für die europäische Bevölkerung bestehenden Gerichte sind ganz auf ähnliche Weise wie im Mutterland zusammengesetzt. Handelsgerichte bestehen in Algier und Oran. Da der mohammedanische Kultus aufs engste mit dem bürgerlichen Leben verflochten ist, so fand sich die französische Regierung veranlaßt, die religiösen Institutionen dieses Kultus nicht nur zu respektieren, sondern auch als Regierungsmittel zu benutzen. Eine der ersten Maßregeln der französischen Regierung war darum die, daß sie sämtliche Moscheengüter der eroberten Territorien für Staatsgut erklärte, dagegen die Verpflichtung übernahm, alle Kosten des Kultus zu bestreiten. Dieses System ist bis jetzt beibehalten worden. Die geistlichen Angelegenheiten der Moslems leiten zwei Muftis. An der Spitze der katholischen Kirche steht der Erzbischof von Algier, welchem vier Generalvikare beigegeben sind; auch besitzt sie in Algier ein großes und ein kleines Priesterseminar. Die Angelegenheiten der protestantischen Kirche leitet das Konsistorium in Algier.

Mit der Stärkung der französischen Macht durch Zunahme des europäischen Elements entwickelten sich auch Rechtspflege und Sicherheit mehr und mehr. Der französische Richter wird von den Eingebornen wegen seiner Rechtlichkeit und Intelligenz geehrt, und die französische Gerichtsbarkeit findet mehr und mehr Eingang bei den Mohammedanern. Die Friedensrichter mehren sich in dem Maß, als die Kadis abnehmen; die letztern sind 1874-76 von 204 auf 144 zusammengeschmolzen. Für den öffentlichen Unterricht ist auf den untern Stufen gut gesorgt, dagegen läßt der Mittel- und namentlich der höhere Unterricht viel zu wünschen übrig. 1876 wurden auch die Medressen (mohammedanische Gymnasien) reorganisiert und den einheimischen Lehrern noch französische Dozenten für Geschichte, Geographie, Arithmetik und die Anfänge des Rechts beigegeben. An Hochschulen gibt es eine medizinisch-pharmazeutische Vorschule zu Algier und drei Lehranstalten für das Arabische (Algier, Oran, Konstantine). Im J. 1881 zählte man 728 Elementarschulen (24 arabisch-französische) mit 79,201 Kindern, wovon 2861 mohammedanische (nur 260 Mädchen). Die geistlichen Schulen nehmen immer mehr ab, von jenen 728 waren nur 154 geistliche mit 10,808 Schülern.

[Produkte.] Was die Bodenkultur betrifft, so hat der Landbau nach europäischen Prinzipien in A. noch mit den Hindernissen zu kämpfen, denen er stets in Ländern begegnet, wo sich noch alles ziemlich im Naturzustand befindet und die Bewässerung viele Schwierigkeiten verursacht. In der Sahara hat man durch die Anlage artesischer Brunnen vielfach günstige Resultate erzielt und wüste Strecken in Kulturland verwandelt. Solcher Brunnen gab es 1879: arabische 434, französische 68; die erstern gaben 64,000, die letztern 113,000 Lit. pro Minute. So wuchs die Zahl der Oasenbewohner in neun Jahren