Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Atalik Ghazi; Ataman; Ataraxie; Atargatis; Atavismus; Ataxie; Atbara; Atchafalaya; Atchison; Ate; Atechnie; Atelektasis; Ateles; Atelie; Atelier; Ateliers nationaux

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Atalik Ghazi - Ateliers nationaux.

rühmt durch ihre Schönheit und Schnelligkeit. Als sie von ihrem Vater aufgefordert wurde, zu heiraten, bestimmte sie, daß jeder ihrer Freier einen Wettlauf mit ihr machen und, im Fall sie siege, den Tod von ihr erleiden solle. Nachdem viele umgekommen, siegte Hippomenes mit Hilfe goldener Äpfel, die, ein Geschenk der Aphrodite, von ihm auf die Bahn geworfen und von A. aufgehoben wurden, so daß sie darüber zurückblieb. Da aber Hippomenes vergaß, der Göttin zu danken, so reizte ihn diese zu so heftiger Liebe, daß er die Geliebte im nahen Heiligtum der Kybele umarmte. Erzürnt, verwandelte die Göttin beide in jenes Löwenpaar, welches ihren Wagen zog.

Atalik Ghazi ("Verteidiger des Glaubens"), Titel, den Jakub Beg (s. d.) annahm, als er sich an Stelle von Busuruk Chan zum Chan von Dschiti-Schahar (Ostturkistan) ausrufen ließ.

Ataman, s. Hetman.

Ataraxie (griech.), unerschütterliche Seelenruhe, bei den alten Skeptikern der Zweck ihres skeptischen Philosophierens, weil man beim Zweifeln durch keine einander widerstreitenden Meinungen beunruhigt werde.

Atargatis, Göttin, s. Derketo.

Atavismus (v. lat. atavus, "Urvater"), Rückschlag zur Ahnenähnlichkeit, das Auftreten der Erblichkeit gewisser Eigentümlichkeiten der Körperbildung, auch gewisser Krankheitsanlagen, geistiger Eigenschaften etc. von mehr oder weniger entfernten Ahnen. Man beobachtet diese Erscheinung besonders bei gekreuzten Rassen, indem ein oder das andre Individuum der folgenden Generationen auf den besondern Typus eines der Stammeltern zurückschlägt. Der A. spielt deshalb unter den Beweismitteln der Darwinschen Theorie eine gewisse Rolle, sofern das plötzliche Auftreten gewisser körperlicher Eigentümlichkeiten mitunter Andeutungen über die Abstammung von Pflanzen und Tieren gibt. So schlagen die meisten Obstsorten, wenn sie aus Samen statt aus Stecklingen gezogen werden, auf die wilde Stammart zurück; bei Haustieren der verschiedensten Rassen treten gelegentlich Kennzeichen einer wilden Art auf, z. B. bei Tauben die Kennzeichen der Felsentaube (Columba livia), die deshalb als die Stammform unsrer zahllosen Taubenrassen angesehen wird. In der Regel handelt es sich nur um einen Rückschlag in Bezug auf einzelne Merkmale, wenn z. B. Pferde gefärbte Querringel an den Beinen zeigen, die auf eine dem Zebra ähnliche Stammform deuten, oder wenn sie statt eines einfachen Hufs mehrere freie Zehen aufweisen, was an eine frühere Ahnenstufe erinnert. Man erklärte sich diese Erscheinung früher durch ein besonderes Gesetz der latenten Vererbung, nunmehr aber einfacher dadurch, daß nach dem sogen. biogenetischen Grundgesetz (s. Entwickelungsgeschichte) jedes Lebewesen in seiner individuellen Entwickelung durch die Zustände seiner Ahnen gewissermaßen hindurchgehen muß und deshalb durch eine teilweise Hemmung der Weiterbildung in ältern Bildungszuständen verharren kann. In diesem Sinn hat man auch gewisse Mißbildungen, wie Mikrokephalie (s. d.), als A. (Rückschlag auf die affenähnlichen Ahnen des Menschen) gedeutet; doch können solche offenbar krankhafte und unharmonische Bildungen nicht für sich als Beweismittel der Abstammung gelten. Eine ähnliche, aber noch sehr der Aufklärung bedürftige Erscheinung wird von vielen Tierzüchtern behauptet, daß nämlich die erste Befruchtung eines Muttertiers eine gewisse Nachwirkung auf alle folgenden Geburten äußere, so daß ein Muttertier, welches zum erstenmal von einem Tier aus unedler Rasse befruchtet wurde, dadurch zur Erzielung einer ganz reinen Rasse überhaupt unfähig werden soll.

Ataxie (griech., "Ordnungsmangel"), eine gewisse Form der Lähmung mit Gliederzittern, namentlich der untern Extremitäten, welche von einer eigentümlichen Erkrankung des Rückenmarks abhängig ist.

Atbara (der Astaboras der Alten), Nebenfluß des Nils, der einzige, den dieser Strom nach der Vereinigung des Blauen und Weißen Nils noch aufnimmt, entspringt in Abessinien ganz nahe dem Nordrand des Tanasees, heißt zuerst Gandowa, dann Goang und schließlich A. Er hat im wesentlichen eine Richtung von SO. nach NW., ist nur zur Regenzeit, vom Juli an, ein bedeutender Strom, liegt aber mehrere Monate im Jahr bis auf wenige Pfützen trocken, in denen sich dann Krokodile, Flußpferde, Fische und Schildkröten zusammendrängen. Er mündet südlich von Berber in den Nil. Seine Zuflüsse kommen sämtlich von den abessinischen Hochlanden; die bedeutendsten sind: der Salam, der Setit oder Takazzé und der Mareb (Gasch, Hallenga). Die Hydrographie des A. ist erst in der neuesten Zeit, namentlich durch Baker und Munzinger, aufgeklärt worden. Vgl. Baker, Die Nilzuflüsse in Abessinien (deutsch, Braunschw. 1868).

Atchafalaya (indian., "verlornes Wasser"), s. Mississippi.

Atchison (spr. atschis'n), Stadt im nordamerikan. Staat Kansas, am Westufer des Missouri, früher Ausgangspunkt eines bedeutenden Karawanenhandels mit den Prärien, jetzt Knotenpunkt von neun Eisenbahnlinien, mit Kornmühlen, Maschinenwerkstätten, Packhäusern für Schweinefleisch etc. und (1880) 15,105 Einw.

Ate ("Unheil"), in der griech. Mythologie die personifizierte Lust am Schaden, ein Geschöpf der poetischen Vorstellung beim lebensfrohen Homer wie beim spekulativen Hesiod, des Zeus oder der Eris Tochter, wandelt bethörend über den Häuptern der Götter und Menschen. Selbst Zeus unterlag ihrer Allgewalt, indem er, von ihr verleitet, den übereilten Schwur leistete, durch welchen Herakles (s. d.) dem Eurystheus unterthan ward. Der erzürnte Vater stürzte deshalb die Verführerin aus dem Olymp; seitdem waltet sie Unheil stiftend über den Menschen. Aber die Litä ("Abbitten") wandeln langsam hinter ihr her und suchen wieder gut zu machen, was A. geschadet. Nach Ausdehnung dieser sittlich-religiösen Personifikation auf die Verblendung, die sündige That, die aus ihr entspringende Verschuldung und die unnachsichtlich erfolgende Strafe (im Gewissen) erscheint mit Hervortreten des letztern Begriffs bei den Tragikern A. nicht mehr als Anstifterin, sondern als Rächerin des Unrechts und berührt sich sonach mit Nemesis. Vgl. Lehrs, Populäre Aufsätze aus dem Altertum (2. Aufl., Leipz. 1875); Berch, Bedeutung der A. bei Äschylos (1876).

Atechnie (griech.), Unerfahrenheit, Ungeschicklichkeit in einer Kunst; atechnisch, pfuscherhaft.

Atelektasis (griech.), s. Lungenatelektasis.

Ateles, Klammeraffe.

Atelie (griech.), Unvollkommenheit; Steuerfreiheit.

Atelier (franz., spr. ateljeh), Werkstätte, nach deutschem Sprachgebrauch besonders diejenige eines Künstlers. Die Beleuchtung desselben wird von N. oder S. gewählt; jene gibt ein gleichmäßigeres, diese ein lebhafteres, wärmeres Licht, das durch Papier- oder Gazerahmen gemildert werden kann.

Ateliers nationaux, die 1789 in Paris und danach in andern französischen Städten errichteten Werkstätten, in denen jeder, der wollte, gegen die Ver-^[folgende Seite]