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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Atlas

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Atlas.

North Atlantic Ocean. Memoir etc. (14. Ausg.) und "South Atlantic Ocean. Sailing directory" (9. Ausg., das. 1883).

Atlas, in der griech. Mythologie Sohn des Titanen Iapetos und der Klymene, Bruder des Menötios, Prometheus und Epimetheus. Er heißt bei Homer "der Unheilsinnende, der des ganzen Meers Tiefen kennt und die großen Säulen unter Aufsicht hat, welche Erde und Himmel auseinander halten". Bei Hesiod hält er, von Zeus gezwungen (nach späterer Sage zur Strafe für seine Beteiligung am Titanenkampf), stehend den breiten Himmel auf dem Haupt und den unermüdlichen Händen, am westlichen Ende der Erde, wo Tag und Nacht sich begegnen, in der Nähe der Hesperiden. Von der Okeanide Pleione ist er Vater der Plejaden und von Äthra der Hyaden; bei Homer heißt auch die Nymphe Kalypso seine Tochter, und die Spätern lassen von ihm und der Hesperis die Hesperiden stammen. Zu ihm flüchtet Amphitrite vor Poseidon. Mit der erweiterten Kenntnis des Westens versetzten die Griechen, anknüpfend an einheimische Sagen von einem himmeltragenden Berg, den Sitz des A. an das gleichnamige Gebirge in Afrika; spätere Vorstellung machte ihn zum herdenreichen König und Besitzer der Hesperidengärten und ließ ihn wegen seiner Ungastlichkeit von Perseus durch den Anblick des Medusenhaupts zum Gebirge versteinern. Auch Herakles kam zum A. und nahm ihm, wie eins der Metopenreliefs vom Zeustempel in Olympia zeigt, einen Augenblick die Himmelslast ab. Auf Bildwerken erscheint er den Himmel oder, als die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde aufkam, diese Kugel tragend. Unter den plastischen Darstellungen dieser Art ist der Farnesische A. der bekannteste.

A. (Mehrzahl: Atlanten) ist auch die allgemein gebräuchlich gewordene Benennung einer Sammlung von Himmels-, Land- oder Seekarten, von Städtegrundrissen, Kupferstichen, anatomischen, chirurgischen, pathologischen, technischen Abbildungen etc. Dieselbe wurde zuerst von Mercator im 16. Jahrh. für seine Landkartensammlung gebraucht, auf deren Titel A. als Träger der Himmelskugel abgebildet war (s. Landkarten). - In der Baukunst heißen Atlanten herkulische Männergestalten, welche an Gebäuden anstatt der Säulen oder Pilaster zum Tragen der Vorsprünge, Gesimse etc. oder des Gebälks angebracht sind (vgl. Karyatiden). Bei den Griechen zieht der kräftigere und ernstere dorische Stil diese Atlanten oder Telamonen ("Träger") den weiblichen Karyatiden vor, welche der ionische Stil liebt. Anwendung fanden sie wohl zuerst in den Hypäthraltempeln (s. d.). Auch die römische Baukunst, die Renaissance und Barockzeit und die moderne Architektur wenden die Atlanten in Gestalt von ganzen und halben Figuren, z. B. als Träger von Balkonen, in oft veränderter, ja verunstalteter Form an. - In der Anatomie heißt A. der erste Halswirbel, s. Wirbel und Tafel "Skelett II".

Atlas, das Gebirgssystem des nordwestlichen Afrika (s. Karte "Algerien etc."), bildete die schon von Homer und Herodot erwähnte westlichste Grenze der den Alten bekannten Erde. Bei der mächtigen, schroffen Erhebung seiner schneebedeckten Gipfel über verhältnismäßig schmaler Basis erschien der A. den Schiffern des westlichen Ozeans als massige, hohe Säule, welche die Feste des Himmels trug. Die Sagen von Perseus und Herakles knüpfen schon an ihn an; aber bis in die Römerzeit reichen die Erzählungen, die Fabelhaftes mit Wahrem vermischen. Den arabischen Geographen schien der gebirgige Nordwestvorsprung Afrikas als eine von den Fluten des Mittelländischen Meers und des Atlantischen Ozeans im N., von den Ebenen der Wüste im S. umschlossene und von der übrigen Welt abgeschiedene Insel, die sich dem andalusischen Gebirgsland Al Garb gegenüber erhebt, als der äußerste Westen (Magreb el Aksa); anderseits aber haben die arabischen Geographen den Begriff des Atlasgebirges unnatürlich nach O. hinaus erweitert. Nach heutigem Begriff reicht das Atlassystem vom Kap Nun in Marokko bis zum Kap Bon in Tunis. Die durch das ganze Atlassystem auf eine Länge von fast 2200 km herrschende Richtung ist die aus SW. nach NO., welche im weitern Verlauf in die aus WSW. nach ONO. übergeht. Was die geologische Beschaffenheit angeht, so tritt das kristallinische Gebirge nur am Nord- und Südrand und vereinzelt inselförmig im Innern auf. Die wesentlichsten Bildungsglieder des A. sind die silurische und devonische Formation, Jura, Kreide, Nummulitengebirge und die jüngere Tertiärformation. Der A. ist reich an Mineralprodukten, die indessen noch wenig ausgebeutet werden; man gewinnt Eisen, Blei, Kupfer, Steinsalz und Marmor. Die höchsten Gipfel des A., namentlich in Marokko, sind im Winter mit Schnee bedeckt; doch reicht keiner bis an die Grenze des ewigen Schnees heran. Eigentliche Gletscherbildung fehlt, Hooker hat aber 1871 alte Moränen und Zeichen der Eiszeit im marokkanischen A. nachgewiesen. Die Bezeichnung "hoher, großer, kleiner A." ist eine von den Franzosen in Umlauf gebrachte, der keinerlei thatsächliche Verhältnisse entsprechen. Die Bewohner des A. nennen das Gebirge Idrar-n-Deren. Die Hauptkette des A. hebt in Marokko an und bildet einen über 50 km langen, ununterbrochenen Rücken von 3650 m Höhe, aus dem 4-5 isolierte Piks noch 150-240 m über das Kammniveau emporragen, so daß man den Kulminationspunkt des A. auf höchstens 3900 m veranschlagen kann. Das Gebirge erhebt sich rasch über die reichbewässerten und angebauten Vorstufen von Fes, Mekines und Marokko, so daß man nirgends mehr als drei Tagereisen braucht, um vom nördlichen Gebirgsfuß durch felsige Schluchtenthäler zu den Pässen hinauf und über steile Meeresklippen jenseits hinab zu den Steppen der Sahara zu gelangen. Ja, von Marokko nach Tarudant im S. beträgt die ganze Breite des Gebirges nur 30 km, und man braucht bloß 3¼ Stunden zum Ersteigen des Passes von etwa 1100-1500 m Höhe über dem Gebirgsfuß. Der bedeutendste Gebirgsstock des A. ist der Dschebel Aischin, der die dreifache Wasserscheide zwischen Mittelmeer, Atlantischem Ozean und Saharagebiet bildet. Östlich davon geht der A. in ein bis 170 km breites Hochplateau über, dessen Nordgrenze nicht scharf markiert ist, dessen Südgrenze aber der Dschebel Amur und Dschebel Aurês bezeichnen. Alle Pässe (als solche sind besonders zu nennen: der Paß Bidauan, Tisint el Rint) sollen den Charakter von leicht zu verteidigenden Steilklüften tragen; doch sind sie zum Teil länger, da gegen NO. das Gebirge durch Auftreten paralleler Ketten und Plateaubildungen breiter wird. Diese Plateaubildungen gehen allmählich in eine vollständige Hochebene über, deren Ränder fast ununterbrochen mit Randgebirgen oder einzelnen Bergen besetzt sind, während das Innere sich kesselförmig senkt und die Bildung beträchtlicher Hochlandseen, wie der Sebcha Tigri und des Schott el Gharbi, befördert. Hier schließt sich nun nach O. zu der algerische A. an, der weit besser als der marokkanische bekannt ist. In Algerien steigt das Gebirge hinter Blida steil in die Höhe, einen pittoresken Anblick gewährend. Seiner Form nach an den Harz erinnernd, unterscheidet es sich von diesem durch