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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bad

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Bad (Mineralbäder, medizinische Bäder; Geschichte des Badewesens).

Was die Wirkung der so zahlreichen und so verschiedenartig zusammengesetzten sogen. Mineralbäder anbetrifft, so beruht sie lediglich auf Erfahrung. Eine Erklärung ist trotz der sorgfältigsten chemischen Analysen nicht zu geben (die sogen. indifferenten Thermen bestehen aus schlichtem Wasser und besitzen doch eine mächtige, überraschende Heilkraft), eine wissenschaftliche Bäderlehre existiert noch nicht. Die Solbäder üben einen energischen Reiz auf die Haut aus, befördern die Blutzirkulation in derselben sowie die Hautausdünstung und wirken dadurch auf den gesamten Ernährungsvorgang kräftig zurück, indem sie die Eßlust und die Assimilation steigern. Krankhafte Ausschwitzungen, Drüsenschwellungen, Verhärtungen der Organe, chronische Hautausschläge und Geschwüre werden dadurch zur Heilung gebracht. Namentlich bei allen skrofulösen Affektionen werden die Solbäder mit augenfälligem Erfolg angewendet (s. auch unten bei medizinische Bäder). Ähnlich verhält es sich mit den kohlensäurereichen Bädern, welche auf die Haut und das Nervensystem lebhaft erregend wirken, weshalb sie bei den verschiedensten Schwäche- und Erschöpfungszuständen angewendet werden. An mehreren Badeorten mit an Kohlensäure reichen Quellen hat man besondere Kohlensäuregasbäder eingerichtet. Sie werden meist örtlich angewendet und bestehen darin, daß der kranke Teil von einer Gasatmosphäre umgeben wird. Ihre Wirkung ist eine sehr intensive. Sie kommen namentlich bei Lähmungs- und Schwächezuständen zur Anwendung. Auch den sogen. Schwefelbädern schreibt man gewöhnlich eine von ihrem Gehalt an Schwefelwasserstoffgas und andern Schwefelverbindungen abhängige Wirkung zu, indessen lehrt eine vorurteilslose Analyse der Thatsachen, daß sie nicht anders wirken als einfache warme Wasserbäder; denn die geringe Menge von Schwefelwasserstoffgas, welche die Haut im B. aufnimmt, ruft keine irgend erheblichen Veränderungen im Organismus hervor. Zu den Mineralbädern rechnet man ferner die sogen. Moor- oder Schlammbäder. Man unterscheidet: Schwefelmineralschlamm-, Kohlenmineralschlamm-, Eisenmineralschlamm-, Kochsalzmineralschlamm- und erdige Mineralschlammbäder. Der Schlamm wird in Wannen gebracht und daselbst erwärmt, worauf sich die Kranken in denselben einsenken wie in die Wasserbäder, oder man bestreicht mit dem Schlamm leidende Teile, läßt ihn darauf trocknen und wäscht ihn nach einiger Zeit ab. Für die Beförderung der Resorption alter Gelenkentzündungen, eiteriger und andrer Exsudate leisten sie vorzügliche Dienste, ebenso bei Lähmungen, alten und schweren Fällen von Rheumatismus, ohne daß das Zustandekommen der Wirkung durch die chemischen oder mechanischen Eigenschaften des Moorbreies im mindesten erklärbar wären. Von den medizinischen Bädern werden am häufigsten benutzt: alkalische Bäder (150-500 g Pottasche oder 250-1000 g Soda auf das Vollbad von 200-400 Lit.), Chlorkalkbäder (250-500 g Chlorkalk auf das Vollbad), Eisenbäder (30-60 g Eisenvitriol und 120 g gereinigte Pottasche oder 30 g Eisenvitriol, 60 g Kochsalz und 90 g doppeltkohlensaures Natron auf das Vollbad), Jodbäder (in Holzwannen, 10-15 g Jod in Seesalzlösung oder Mutterlauge gelöst auf ein Vollbad, während des Gebrauchs bedeckt, um das Einatmen der Joddämpfe zu vermeiden), Mineralsäurebäder (in Holzwannen, je 30-60 g Salz- und Salpetersäure auf das Vollbad), moussierende Bäder (Kohlensäurebäder, 0,5 kg doppeltkohlensaures Natron und nach dessen vollständiger Lösung beim Besteigen des Bades 0,5 kg Salzsäure auf das Vollbad unter Umrühren hinzugefügt), Schwefelbäder (in Holzwannen, 50-150 g Schwefelkalium auf das Vollbad, eventuell unter Zusatz von etwas Schwefel- oder Salzsäure), Solbäder (6-9 kg Koch- oder Seesalz oder 2-5 kg Koch- oder Seesalz und 2 kg Mutterlaugensalz auf das Vollbad), Sublimatbäder (in Holzwannen, 2,5-10 g Quecksilberchlorid in 50-200 g Wasser gelöst auf das Vollbad), aromatische Bäder (Aufguß aus 0,25-1 kg Pfefferminze, Kamille, Kalmuswurzel oder 150-500 g aromatischen Kräutern auf das Vollbad), Baldrianbäder (Aufguß von 250-500 g Baldrianwurzel auf das Vollbad), Fichtennadelbäder (Aufguß von 1,5-5 kg Fichten- oder Kiefernadeln oder 150-500 g Fichtennadelextrakt auf das Vollbad), Kleienbäder (Abkochung von 1-3 kg Weizenkleie im Beutel mit 4-8 L. Wasser auf das Vollbad), Malzbäder (Abkochung von 1-3 kg Gerstenmalz in 4-6 L. Wasser auf das Vollbad), Senfbäder (2 g Senföl in 25 g Spiritus gelöst auf das Vollbad), Tanninbäder (10-50 g Tannin in 200 g Wasser gelöst auf das Vollbad), Ameisenbäder (1-2 kg zerquetschte Ameisen in leinenem Beutel gebrüht auf das Vollbad). Die Tier- oder animalischen Bäder, bei denen die kranken Teile in die abgezogenen Häute eben erst geschlachteter Tiere eingehüllt werden, wirken nicht anders als warme Bähungen und sind veraltet.

Eine sehr mächtige, erregende und bei rheumatischen Leiden günstige Wirkung besitzen die warmen oder heißen Dampfbäder. Die Badenden sitzen dabei in einem Raum, in welchen heiße Dämpfe einströmen, ein Bademeister peitscht mittels Birkenruten die Haut (russisches B.), worauf dann lauwarme Übergießungen folgen und der Badende in den auf 45-50° R. erhitzten Schwitzraum geführt wird. Hier bricht in der trocknen Hitze der Schweiß aus allen Poren (römisch-irisches B.), nach 10-20 Minuten folgen lauwarme bis kalte Douchen und endlich 30-60 Minuten langes Liegen in wollener Decke. Ebenfalls schweißtreibend wirkt das warme Sandbad. Der Körper oder einzelne Glieder werden mit künstlich oder von der Sonne erwärmtem feinen, trocknen Sand eingehüllt, dessen Temperatur zwischen 30 und 40° R. beträgt. - Über die Einrichtung der verschiedenen Badeanstalten s. unten.

Geschichte des Badewesens.

Der Gebrauch der Bäder verliert sich in die sagenhaften Perioden der ältesten Völkergeschichte. Weise Gesetzgeber erhoben das Baden zu einer religiösen Handlung und verliehen demselben dadurch eine höhere Geltung und Empfehlung; so kamen Bäder bei den Indern, Ägyptern, Persern, Assyrern und Israeliten in Gebrauch, und aus diesem Grund oder als diätetisches Mittel wird noch jetzt das Baden bei der Mehrzahl der Völker des Orients kultiviert. Bei den Hebräern war es eine der ersten Religionspflichten und in gewissen Fällen, nach erfolgter (levitischer) Verunreinigung, selbst gesetzlich vorgeschrieben (3. Mos. 14, 18 f.; 15, 5). Die natürlichsten und ältesten Bäder, von welchen die Griechen Gebrauch machten, waren Fluß- und Seebäder. Das kalte Baden war eine Hauptregel der Pythagoreer. Man badete im Winter und Sommer in Flüssen und tauchte in letztere selbst die neugebornen Kinder. Doch waren auch warme Bäder bei den Griechen schon frühzeitig im Gebrauch. Überhaupt betrachteten die Griechen seit den ältesten Zeiten das Baden als eine heilige Sache. So waren schon die Inkubationen in den Tempeln mit dem Gebrauch