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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Baustil

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Baustil.

Baustil, die in den Bauwerken gewisser Zeitperioden und deren Nachbildungen zu Tage tretende Einheit in der räumlichen Anordnung, in der Art des Baugefüges und in der Ausbildung der Bauformen und Ornamente im großen und kleinen, also die den Meistern einer solchen Zeitperiode und ihren Nachahmern gemeinsame Ausdrucksweise. Da die zur Gottesverehrung bestimmten, also dem erhabensten Zweck gewidmeten Bauwerke dem Künstler das dankbarste Feld zur Entwickelung der Bauformen darboten, so knüpfte sich die Entstehung der historischen Baustile an die bauliche Herstellung der Tempel und Gotteshäuser und an die Zeitperioden, in welchen dieselbe durch die Religion und den religiösen Kultus in umfangreicher Weise geboten war. Unter den zahlreichen so entstandenen Bauweisen treten in fortschreitender Zeitfolge die ägyptische, die griechische, die etruskische, die römische, die altchristliche, die byzantinische, die arabische, die romanische und gotische Bauweise sowie die Früh- und Spätrenaissance in den kulturgeschichtlichen Vordergrund, worunter wieder der griechische oder klassische, der romanische und gotische Stil die selbständigsten, am meisten durchgebildeten sind und die Bauformen der Gegenwart teils in reiner, teils in kombinierter Anwendung beherrschen. Während die Grundformen der Baustile in architektonischer Beziehung sich aus einem dem jeweiligen Bedürfnis entsprechenden Raumplan der Bauwerke und dem Konstruktionsprinzip ihrer Decken und Stützen entwickelten, erscheinen die zu ihrer Charakteristik wesentlichen Detailformen als die Ergebnisse eines mehr oder minder fein entwickelten Gefühls für die Unterscheidung und Verknüpfung ihrer einzelnen Glieder sowie der Auswahl und Verarbeitung der zu ihrer künstlerischen Vollendung dienenden, der Natur entlehnten symbolischen Mittel, welche zusammengenommen die Hauptmerkmale der genannten Baustile ausmachen. So zeigen der ägyptische und griechische Stil meist rechteckige oder aus Rechtecken zusammengesetzte Planformen und wagerechte, aus Steinbalken bestehende Decken auf steinernen Säulen. Besondere Kopf- und Fußplatte, ausgebauchter, am Fuß eingezogener Schaft und kessel- oder kelchförmiges, meist mit Lotosblättern und Lotosblüten verziertes Kapitäl kennzeichnen die ägyptische Säule (s. Tafel "Baukunst III"), während die griechische Säule (s. Tafel IV und "Säulenordnungen") in drei Grundformen auftritt, welche die Hauptmerkmale der dorischen, ionischen und korinthischen Ordnung bilden. Während die dorische Säule ein wulstförmiges Kapitäl mit quadratischer Deckplatte und einen scharf kannelierten, nach unten konisch verbreiterten, derben Schaft ohne Fuß besitzt, zeigen die beiden letztern weicher kannelierte, nach unten schwächer anlaufende, schlankere Schäfte mit reichgegliedertem, vorspringendem Fuß (ionische und attische Basis), wobei die ionische Säule ein aus Deckplatte, Doppelvolute und Halsring, die korinthische Säule ein aus Deckplatte, Kelch mit spiralförmigen Ranken und mehreren Lagen von Akanthusblättern und Halsring bestehendes Kapitäl trägt. Die etruskische Bauweise (s. Tafel V) ahmt den Tempelbau der Griechen mit hölzernem Gebälk auf steinernen Säulen nach und wendet daneben und getrennt davon zum erstenmal den Gewölbebau auf Privatbauten an. Der aus ihr und der griechischen hervorgegangene römische B. (s. Tafel V u. VI) benutzt rechteckige, zentrale sowie aus beiden zusammengesetzte Grundpläne und kombiniert den Gewölbe- und den Architravbau, indem der erstere in Form von Tonnen-, Kuppel- und Kreuzgewölben die Konstruktion, der letztere als Umrahmung des Bogens die Wandgliederung bildet. Die römischen Säulen erscheinen als mehr oder minder treue Nachbildungen der griechischen Säulen und sind häufig mit reichen, meist aus Teilen des ionischen und korinthischen Kapitäls zusammengesetzten, sogen. Kompositenkapitälern versehen.

Die im Abendland sich entwickelnde altchristliche Baukunst (s. Tafel VII) bildet die römische Markthalle (Basilika) zur christlichen Kirche aus, indem sie zwei Seitenschiffe und ein erhöhtes Mittelschiff mit wagerechter Holzbalkendecke herstellt und die schwere Schiffswand anstatt des Architravs durch eine Rundbogenstellung durch Pfeiler oder römische Säulen oder durch beide abwechselnd stützt. Die im Morgenland, vorzugsweise in Byzanz, geübte byzantinische Baukunst (s. Tafel VII) bildet den römischen Kuppelbau über kreisförmigem, polygonförmigem oder rechteckigem Grundplan fort, woraus die Hängekuppel und die an die offenen Bogen derselben sich anschließenden Halbkuppeln entstehen. Der aus der altchristlichen Baukunst sich entwickelnde romanische B. verwandelt den rechteckigen Grundplan ihrer Basilika in den des einfachen oder Doppelkreuzes mit halbkreisförmigen Apsiden und führt den Unterbau von der flachen Holzdecke mit einzelnen Gurtbogen zu der fast durchweg im Halbkreis gewölbten Decke über, bei welcher je zwei, meist quadratische Kreuzgewölbe eines Seitenschiffs einem quadratischen Gewölbe des Mittelschiffs entsprechen. Die parallelepipedischen Anfänger der Kreuzgewölbe vermittelt sie mit den runden Säulenschäften durch einen zwischen dieselben eingeschalteten, unten abgerundeten, mit Deckplatte und Halsring versehenen Würfel, das sogen. Würfelkapitäl, und gibt den Säulenschäften eine aus zwei Wülsten mit einer zwischenliegenden Hohlkehle und einer quadratischen, oft mit vermittelnden Eckblättern versehenen Unterlagsplatte bestehende Basis. Die zur künstlerischen Vollendung in reichem Maß angewandten symbolischen Mittel sind teils dem Pflanzen- und Tierreich, teils beiden zugleich entlehnt, woraus unter andern die reichen romanischen, meist streng stilisierten Blätter-, Tier- und Bilderkapitäler entstanden sind.

Der gotische B. (s. Tafel X und "Kölner Dom" bei Artikel "Köln") setzt im Grundplan an die Stelle der halbkreisförmigen Abschlüsse und Apsiden die polygonalen, acht-, zehn- und mehreckigen und wählt einen konstruktiv homogenern Gewölbeplan, worin nunmehr je ein kleineres, meist quadratisches Kreuzgewölbe des Seitenschiffs einem länglich rechteckigen Kreuzgewölbe des Mittelschiffs entspricht und deren Gurtbogen und Grate in dem bei gleicher Höhe auch auf verschiedene Spannweiten anwendbaren Spitzbogen überwölbt werden. Die Strebepfeiler treten an die Außenseiten der Umfangswand und setzen sich zum Teil über den Dächern der Seitenschiffe als freie Strebebogen bis zu den Strebepfeilern des erhöhten Mittelschiffs fort. Auch die Fenster- und Thüröffnungen werden fast durchweg mit dem Spitzbogen überdeckt und erstere mit meist aus geometrischen Motiven bestehendem Maßwerk versehen. Die Gliederungen, Kapitäler und Basen der meist gegliederten Pfeilerschäfte erhalten mehr geometrische, mit Lineal und Zirkel beschriebene Profile, dagegen die zu ihrer Symbolisierung verwandten, dem Pflanzen- u. Tierreich entlehnten Mittel stets freiere, naturalistische Bewegung. Die Renaissance (s. Tafel XI, XII) greift zu den Formen und Konstruktionen des griechischen und vorzugsweise römischen Stils zurück und paßt dieselben