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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bibliothekwissenschaft

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Bibliothekwissenschaft.

nach den untern Etagen und umgekehrt wird durch Bücheraufzüge erleichtert.

Die Aufstellung der Bücher in äußerlicher Beziehung, welche von ihrer innern Anordnung zu unterscheiden ist, bestimmt sich nach den drei (nicht vier) Formatklassen: Folio, Quart, Oktav einschließlich der kleinern Formate und zwar in der Weise, daß die Folianten zu unterst, darüber die Quartanten, zuletzt die Oktavbände zu stehen kommen, und daß ebenso in jeder Formatklasse die Reihenfolge von unten nach oben aufsteigt. In horizontaler Richtung hat die Aufstellung stets von der Linken zur Rechten zu laufen. Bei nebeneinander stehenden Repositorien lasse man die Aufstellung in jedem Repositorium für sich säulenartig emporsteigen. Bände übermäßiger Größe verlangen einen abgesonderten Platz. Hinsichtlich der Anordnung der Bücher hat es schon im Mittelalter nicht an Versuchen gefehlt, eine sachliche Ordnung durchzuführen. Später kam die von Schrettinger und Budik vertretene alphabetische Anordnungsmethode in Aufnahme, welche als unwissenschaftlich ihren Zweck durchaus verfehlt, weil die Bibliothek als eine Repräsentantin der Wissenschaften in ihrer Entwickelung sich darstellen soll. Auch das von Franke-Ebert befolgte "historische Prinzip" widerstreitet dem Begriff der Wissenschaft. Dasjenige System, welchem alleinige Brauchbarkeit zukommt, ist das streng wissenschaftliche oder systematisch-chronologische. Hier werden die einleitenden Schriften und die Geschichte jederzeit vorausgeschickt, dann die Teile der betreffenden Wissenschaft, wie sie sich aus dem allgemeinen Begriff derselben entwickeln, aufgeführt und die einzelnen Schriften in chronologischer oder historischer Ordnung verzeichnet und gestellt. Dabei ist es eine unerläßliche Forderung, daß auch die hinzutretenden Bände bei jeder wissenschaftlichen Abteilung nicht etwa hinten angehängt werden, sondern dem System entsprechend in allen Fällen an der zugehörigen Stelle einzureihen sind.

Für die Zwecke der Katalogisierung sind hauptsächlich zwei Arten von Katalogen notwendig: 1) ein alphabetischer Generalkatalog nach den Namen der Verfasser oder bei anonymen Schriften nach den Stichworten; 2) wissenschaftliche oder systematische Kataloge über die einzelnen Disziplinen. In beiden Gattungen von Katalogen wird auf die Trennung der drei Formatklassen keine Rücksicht genommen. Besondere Standkataloge erweisen sich bei wissenschaftlich geordneten Bibliotheken als überflüssig; eigentliche Realkataloge, welche die Büchertitel nach den behandelten Gegenständen ordnen und mit den systematischen Katalogen nicht verwechselt werden dürfen, sind zwar nützlich, aber in größern Bibliotheken nicht ausführbar. Über die Handschriften werden in der Regel besondere Kataloge geführt. Der Accessionskatalog, welcher die Zugänge in der natürlichen Reihenfolge mit fortlaufenden Nummern und mit Notizen über Preis und Bezugsquelle aufführt, dient Rechnungszwecken. Für alle Kataloge, abgesehen von dem Accessionskatalog, ist an der Bandform und an der Einrichtung als Blattkataloge festzuhalten, dergestalt, daß jederzeit nach Bedarf neue Blätter ohne Störung der Ordnung eingelegt werden können. Die in neuerer Zeit beliebten Zettelkataloge sind als Vorarbeit zur Anlegung neuer Kataloge verwendbar, für die definitive Katalogführung aber wie für die Benutzung nicht praktisch und bieten mehr Nachteile als Vorteile. Ihre Vorteile werden mit Beseitigung der Nachteile durch Blattkataloge in Bandform aufgewogen.

Sind die Bücher in die Kataloge eingetragen, so müssen sie vor ihrer Einstellung in die Bibliothek mit Signatur und Nummer bezeichnet werden, was sowohl im Innern der Bücher als auch äußerlich sichtbar auf dem Rücken (Etikettierung) zu geschehen hat. Die Bezeichnung des Faches (Signatur) wird am besten nicht durch Buchstaben, sondern durch den abgekürzten Namen der Wissenschaft in lateinischer Sprache ausgedrückt. Die Numerierung geht durch alle Formate durch, um Doppelsignaturen zu vermeiden; noch praktischer ist es, die Zählung nicht nach der Reihenfolge der Formatklassen laufen zu lassen, sondern, wie dies Förstemann in der Wernigeroder Bibliothek durchgeführt hat, ohne Rücksicht auf das Format, nur nach der Ordnung im wissenschaftlichen Katalog, weil man sonst zum Zweck der Nummerngebung den Standkatalog nicht entbehren kann. Die zweckmäßigste und bequemste Art der Numerierung ist die relative mit der Pagina des wissenschaftlichen Katalogs, wobei an geeigneten Stellen für später hinzukommende Werke und neu einzulegende Blätter in der Paginierung Platz offen zu halten ist. Einschaltungsnummern vermittelt man durch Buchstabenexponenten.

Kürzer zu fassen ist die Verwaltungslehre. Sie betrifft die Bewahrung der Bibliothek, wohin auch das Einbinden der Bücher zu rechnen ist, die Vermehrung und Anschaffung, die Benutzung, das Bibliothekpersonal. Die Mittel zur Bewahrung der Bibliothek sind außer der Instandhaltung der Lokalitäten haltbare und dauerhafte Einbände mit der Maßgabe, daß kein Buch ungebunden in die Bibliothek eingestellt werden darf, die Stempelung der Bücher (auf der Rückseite des Titelblattes, wo ohne Beschädigung der Stempel nicht zu tilgen ist), das Scheuern der Geschäftszimmer und Bücherräume mindestens zweimal im Jahr, das Ausstäuben der Bücher und Repositorien während der Sommermonate, die Revision des Bücherbestandes an der Hand der vorhandenen Kataloge, die Vorsorge gegen schädliche Tiere. In letzter Hinsicht sind Saffian- und Juchtenbände sowie thunlichste Fernhaltung der Holzbände von Wirksamkeit. Die Vermehrung der Bibliothek erfolgt teils aus dem Weg der Anschaffung durch Kauf, teils durch Geschenke, teils durch Tausch. Für die Anschaffung ist in erster Linie der Zweck einer Bibliothek maßgebend. Bei Universitäts- und Zentralbibliotheken sind alle Wissenschaften gleichmäßig zu bedenken, während Spezialbibliotheken einzelne Fächer der Litteratur zu bevorzugen haben. Hauptsache einer methodischen und rationellen Anschaffung bleibt ausgebreitetste Litteraturkenntnis und Vertrautheit mit der Litterärgeschichte, Handschriftenkunde und Bibliographie. Dubletten werden der Regel nach ausgeschieden und anderweitig verwertet, sofern nicht ein besonderes Bedürfnis vorliegt, mehr als ein Exemplar zu behalten. Dagegen würde die Entfernung bloß veralteter Schriften, welche nicht den Charakter von Dubletten haben, in hohem Grad bedenklich sein, weil sich niemals vorausbestimmen läßt, ob dergleichen Schriften nicht früher oder später zur Benutzung verlangt werden können.

Der vornehmste Zweck einer jeden Bibliothek ist die Benutzung. Sie ist mit größtmöglicher Liberalität zu handhaben, soweit die Grundsätze der Ordnung und Erhaltung es irgend zulassen. Man wird deshalb die Grenze der nicht auszuleihenden Bücher auf das geringste Maß einschränken müssen und nur solche Nachschlagewerke, welche jeden Augenblick präsent sein sollen, nicht ausleihen dürfen. Besondere