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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bonaparte

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Bonaparte (Jérôme und dessen Kinder).

das Königreich Holland verwandelten Republik ernannt. Er bemühte sich um Verbesserungen in der Verwaltung, suchte für die bürgerliche und peinliche Rechtspflege neue Grundlagen zu schaffen sowie den Kredit des Staats zu heben und verteidigte mit Selbstverleugnung Hollands Seehandel gegen das Kontinentalsystem. Als aber zur strengern Ausführung desselben zur Besetzung Amsterdams und der Küsten ein französisches Heer unter Oudinot heranrückte, legte er 1. Juli 1810 zu gunsten seines Sohns die Krone nieder, setzte seine Gemahlin als Regentin ein und ging nach Graz in Steiermark, wo er als Graf von St.-Leu (einer Besitzung bei Paris) bis gegen Ende 1813 lebte. Im Januar 1814 nach Paris zurückgekehrt, ermahnte er seinen Bruder zum Frieden, begleitete 29. März die Kaiserin nach Blois und begab sich dann nach Rom. Ludwig blieb während der Hundert Tage 1815 in Rom, ließ sich von seiner Gemahlin scheiden, die den Titel einer Herzogin von St.-Leu annahm, wohnte seit 1828 in Florenz, mit wissenschaftlichen und Kunststudien beschäftigt, und starb 25. Juli 1846 in Livorno. Von seinen von ihm selbst anerkannten Schriften sind zu nennen ein Roman: "Marie, les peines de l'amour, ou les Hollandaises" (Par. 1814, 3 Bde.), der wohl die Geschichte seiner eignen unglücklichen Ehe behandelt; "Documents historiques et réflexions sur le gouvernement de la Hollande" (Lond. 1821, 3 Bde.); "Essai sur la versification" (Rom 1825-26, 2 Bde.) und ein Band Gedichte (Flor. 1828), worin auch eine Fortsetzung von Boileaus "Lutrin". Seine "Réponse à Sir Walter Scott" veröffentlichte er 1829 und fügte (Flor. 1830) der Schrift eines seiner Vorfahren, Jacopo Bonapartes, die er aus dem Italienischen übersetzte, fleißig gesammelte Nachrichten über seine Familie bei. Ferner gab er heraus: "Histoire du parlement anglais" (Par. 1820, Bd. 1) und "Observations de Louis B. sur l'histoire de Napoléon par M. de Norvins" (das. 1834). - Aus seiner Ehe mit Hortensie Beauharnais stammten drei Söhne:

a) Napoléon Louis Charles, geb. 10. Okt. 1802, gest. 5. März 1807;

b) Charles Napoléon Louis, geb. 11. Okt. 1804, nach dem Tod seines ältesten Bruders Kronprinz von Holland und von Napoleon I. 3. März 1809 zum Großherzog von Kleve und Berg ernannt, vermählt 1825 mit Joseph Bonapartes Tochter Charlotte, hielt sich längere Zeit in der Schweiz, zuletzt in Florenz aus, trat mit seinem jüngern Bruder 1831 in die Reihen der Insurgenten in der Romagna und starb ohne Erben 17. März 1831 zu Forli an den Masern;

c) Karl Ludwig Napoleon, s. Napoleon III.

4) Jérôme (Hieronymus) B., Graf von Montfort, Exkönig von Westfalen, geb. 15. Nov. 1784 zu Ajaccio, wurde im Collège zu Juilly zum Militär gebildet und nach dem 18. Brumaire von Napoleon zum Marineleutnant befördert. Er begleitete 1801 seinen Schwager Leclerc nach Haïti, ward, während er 1802 als Fregattenkapitän zwischen Tobago und St.-Pierre kreuzte, von englischen Kreuzern verfolgt und floh nach Nordamerika. In Baltimore heiratete er eine Kaufmannstochter, Miß Elisabeth Patterson, 27. Dez. 1803, trennte sich aber 1805 von ihr auf Napoleons Befehl und kehrte im Mai 1805 nach Frankreich zurück. Er beteiligte sich an der Expedition nach Algier zu Befreiung gefangener Genuesen und kommandierte dann als Konteradmiral ein Geschwader bei Martinique. Zum französischen Prinzen, doch ohne Successionsrecht, ernannt, befehligte er 1806 im Kriege gegen Preußen mit Vandamme das 10. Armeekorps in Schlesien und zog 6. Jan. 1807 in Breslau ein. Nach dem Tilsiter Frieden erhielt er 1. Dez. 1807 das neugegründete Königreich Westfalen, nachdem er sich im August mit der Prinzessin Katharina von Württemberg, der Tochter des Königs Friedrich, vermählt hatte. Gutmütig, aber leichtsinnig und unbekümmert um Wohl und Wehe des Volkes, lebte er hier dem ausschweifendsten Genuß, und seine Verschwendung, verbunden mit Napoleons steigenden Forderungen, brachten den Finanzzustand des Landes dem Ruine nahe. Im J. 1812 machte er den russischen Feldzug mit, wurde aber, weil er die Vereinigung Bagrations mit Barclay de Tolly zugelassen, nach Kassel zurückgeschickt. Noch vor der Schlacht bei Leipzig ward er durch Tschernitschews Kosaken (30. Sept.) aus seiner Residenz vertrieben. Am 17. Okt. kehrte er noch einmal dahin zurück, versicherte sich des Kronschatzes und flüchtete damit zum zweitenmal 26. Okt. Nach dem ersten Pariser Frieden hielt er sich einige Zeit in der Schweiz, dann in Graz und 1815 in Triest auf. Während der Hundert Tage stand er, zum Pair ernannt, Napoleon treu zur Seite und focht tapfer bei Ligny und bei Waterloo. Hierauf lebte er, vom König Friedrich von Württemberg zum Grafen von Montfort ernannt, eine Zeitlang zu Ellwangen in Württemberg, begab sich aber 1816 nach Österreich und im Dezember 1819 wieder nach Triest; 1821 wählte er Schönau bei Wien und 1827 Rom zum Aufenthaltsort. Seit 1831 aus dem Kirchenstaat verbannt, lebte er erst in Lausanne, dann meist in Florenz. Im J. 1840 ging er nach Belgien und erhielt 1847 die Erlaubnis, in Frankreich zu wohnen. Nach der Erwählung seines Neffen zum Präsidenten der französischen Republik wurde er 23. Dez. 1848 zum Gouverneur der Invaliden und 1. Jan. 1850 zum Marschall von Frankreich ernannt. Im J. 1852 wurde er Präsident des Staatsrats und durch Dekret vom 24. Dez. 1852 zum eventuellen Thronfolger mit dem Prädikat eines französischen Prinzen von Geblüt ernannt Im J. 1853 vermählte er sich zum drittenmal mit der Marquise Giustine Baldelli und starb 24. Juni 1860. Aus seinem Nachlaß erschienen: "Mémoires et correspondance du roi Jérôme et de la reine Catherine" (Par. 1861-64, 5 Bde.). Aus Jérôme Bonapartes erster Ehe mit Miß Elisabeth Patterson, welche in lächerlicher Eitelkeit vergeblich ihre Anerkennung als Prinzessin B. zu erlangen suchte und 4. April 1879 in Baltimore starb (vgl. Didier, Life and letters of Madame B., Lond. 1879), entsprang:

a) Jérôme B.-Patterson, geb. 7. Juli 1805, studierte auf der Harvard-Universität Rechtswissenschaft, verheiratete sich 1829 in Baltimore mit der reichen Miß Susan Mary Williams und lebte seitdem meist auf seinen großen Gütern. Während seiner Anwesenheit in Frankreich erregte er durch seine Ähnlichkeit mit Napoleon I. großes Aufsehen. Er starb 1. Juni 1870 in Baltimore. Sein Sohn Jérôme Napoléon B.-Patterson, geb. 5. Nov. 1830, ward in der Kriegsschule von West Point erzogen und trat als Leutnant unter die Mounted Riflemen. Vater und Sohn kamen 1853 nach Frankreich; der Sohn trat als Offizier in die französische Armee und nahm an dem Feldzug in der Krim teil. Er lebt jetzt in Amerika. - Aus Jérôme Bonapartes zweiter Ehe mit der Prinzessin Katharina von Württemberg (geb. 21. Febr. 1783, gest. 28. Nov. 1835 in Lausanne) entsprangen:

b) Jérôme Napoléon Charles, Graf von Montfort, geb. 24. Aug. 1814 zu Graz, war württembergischer Oberst und starb 12. Mai 1847 in Castello bei Florenz;

c) Mathilde Lätitia Wil-^[folgende Seite]