Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Bulgarin

621

Bulgarin.

Errichtung eines tributären Fürstentums B. bestimmt und dadurch der bulgarische Staat nach 485 Jahren wieder erneuert wurde. Die Grenzen desselben waren auf Betreiben Ignatiews sehr weit, bis an das Ägeische Meer und über einen großen Teil Makedoniens, ausgedehnt worden. Dagegen erhoben jedoch Österreich und besonders England Einspruch, und der Berliner Kongreß setzte im Juni 1878 fest, daß das tributäre Fürstentum B. nur bis zum Balkan reichen und noch Sofia umfassen (s. oben), das südlich des Balkans gelegene Land aber unter dem Namen Ostrumelien (s. d.) eine autonome Provinz des türkischen Reichs bleiben solle.

Am 23. Febr. 1879 ward die erste Nationalversammlung des Fürstentums B. in Tirnowo durch den Fürsten Dondukow-Korsakow eröffnet, und, nachdem sie im April die sehr liberale Verfassung des jungen Staats angenommen hatte, durch die erste regelmäßige Deputiertenkammer (Sobranje) 29. April Prinz Alexander von Battenberg als Alexander I. (s. Alexander 13) zum Fürsten von B. erwählt. Derselbe leistete 9. Juli in Tirnowo den Eid auf die Verfassung und schlug seine Residenz in Sofia auf. Da aber die neugewählte Skuptschina ganz unter dem Einfluß radikaler Agitatoren stand, welche den Fürsten zwangen, ihnen Ende 1879 die Regierung zu übertragen, und hierauf die Macht desselben ungebührlich beschränkten, zugleich durch großbulgarische Agitationen in Ostrumelien und Makedonien den Frieden des Landes gefährdeten, so beseitigte der Fürst 9. Mai 1881 durch einen Staatsstreich das radikale Ministerium, berief ein konservatives und verlangte von einer außerordentlichen Nationalversammlung die Vollmacht, für 7 Jahre ohne die verfassungsmäßige Beschränkung die Regierung zu führen u. nach 7 Jahren eine Revision der für B. nicht passenden Verfassung vorzunehmen, widrigenfalls er die Krone niederlegen müsse. Die verlangte Vollmacht wurde dem Fürsten 13. Juli mit großer Majorität gewährt.

Nachdem 1882 ein neues Wahlgesetz für die Kammer erlassen worden und ein Staatsrat gebildet war, ward im Juli ein neues Ministerium, aus russischen Generalen, Konservativen und gemäßigten Radikalen bestehend, berufen und die Sobranje versammelt. Die Eifersucht der Parteiführer und die Ränke der russischen Panslawisten ließen es allerdings weder zu einer dauernden und ruhigen Regierung noch zum Abschluß der Revision der Verfassung von Tirnowo kommen. Fürst Alexander berief daher 1884 wieder Karawelow an die Spitze des Ministeriums, da derselbe inzwischen seine radikalen Ansichten gemildert hatte und sich mit dem Fürsten über eine gemäßigte Politik einigte. Wiederum aber wurde die friedliche Entwickelung des Landes unterbrochen durch die Revolution, welche 18. Sept. 1885 in Ostrumelien ausbrach. Hier wurden die von der Pforte eingesetzten Behörden verjagt und die Vereinigung mit B. proklamiert. Fürst Alexander und Karawelow glaubten die Bewegung am besten in Schranken halten und den Frieden wahren zu können, indem sie sich an ihre Spitze stellten. (Weiteres s. Ostrumelien.) Vgl. Kanitz, Donau-B. und der Balkan (2. Aufl., Leipz. 1880, 3 Bde.); H. Barth, Reise durch das Innere der Türkei (Berl. 1864); Bath, Observations on Bulgarian affairs (Lond. 1880); Minschin, Bulgaria since the war (das. 1880); Hilferding, Geschichte der Bulgaren und Serben (a. d. Russ., Bautz. 1856-64, 2 Bde.); Jire?ek, Geschichte der Bulgaren, Prag 1876); Baker, War in Bulgaria (Lond. 1879). Karte von Zentraleuropa, herausgegeben vom österreichischen militärgeographischen Institut; H. Kiepert, "Generalkarte der Unterdonau- und Balkanländer" (Berl. 1881). Von den Russen wurde 1877-79 eine Karte aufgenommen, welche von der Donau bis San Stefano reicht (in dem Maß 1:42,000 und 1:84,000) und mit 94,592 Höhenpunkten versehen ist.

Bulgarin, Faddéï Wenedíktowitsch, russ. Schriftsteller und Journalist, geb. 1789 im Gouvernement Minsk, erhielt seine Erziehung im Kadettenkorps zu Petersburg, trat 1805 in das Garde-Ulanenregiment Großfürst Konstantin und machte mit demselben den Feldzug gegen Frankreich bis 1807 und den gegen Schweden bis 1809 mit. Im J. 1810 verließ er, sich zurückgesetzt sehend, den russischen Kriegsdienst und ging nach Warschau, wo er in die beim französischen Heer errichtete polnische Legion eintrat und in derselben die spanischen und italienischen Feldzüge von 1810 und 1811, die Invasion Napoleons I. in Rußland 1812 sowie den Krieg in Deutschland und Frankreich 1813 und 1814 mitmachte. In Spanien gefangen genommen, sollte er erschossen werden, als eine französische Reiterschwadron ihn befreite. Ebenso geriet er 1814 in preußische Gefangenschaft, wußte aber auch hier nach kurzer Zeit seine Freiheit wiederzuerlangen und begab sich in Napoleons Hauptquartier, der ihm den Oberbefehl über die polnischen Freischaren übertrug. Nach Napoleons Fall ging B. nach Warschau zurück, wo er als Schriftsteller in polnischer Sprache auftrat. Bei Gelegenheit eines Besuchs in Petersburg (1819) faßte er den Entschluß, für immer in der nordischen Residenz zu bleiben, entsagte nun gänzlich seiner Nationalität und lieferte in russischer Sprache in Gretsch' Zeitschrift Artikel, die sich gleich sehr durch scharfe, satirische Zuspitzung und frivole Haltung wie durch Servilismus der Gesinnung auszeichneten. Seit 1823 gab B. das "Nordische Archiv" heraus, das anfangs ausschließlich der Geographie, Geschichte und Statistik gewidmet war, später aber auch humoristisch-belletristische Beiträge brachte. B. erwarb sich bald den Ruf eines hervorragenden Geistes, obwohl es seinen Werken in formeller Beziehung an Abrundung und hinsichtlich des Gehalts an sittlichem Adel fehlte. In Verbindung mit Gretsch begründete er 1825 die vor etwa 20 Jahren eingegangene "Nordische Biene" ("Sséwernaja Ptschelá"), ein politisches Tageblatt, welches damals unter allen Tagesblättern allein das Recht besaß, politische Nachrichten aufzunehmen und zu besprechen. B. starb als Wirklicher Staatsrat 13. Sept. 1859 auf seinem Gut Karlowa bei Dorpat. B. war gewandt, immer schlagfertig, witzig und vielseitig gebildet. Wie vielen Fächern der Litteratur er seine Aufmerksamkeit gleichzeitig zuwandte, ersieht man aus der Ausgabe seiner "Gesammelten Schriften" (Petersb. 1827; polnisch, Warschau 1828; deutsch von Oldekop, Leipz. 1828, 4 Bde.). Rußland verdankt ihm das erste dramatische Taschenbuch in russischer Sprache, die "Russische Thalia", welche seit 1825 viele Jahrgänge erlebte. Wertvoller sind seine "Erinnerungen aus Spanien" (deutsch von Oldekop, Petersb. 1823), die in pikanter Weise Erlebtes und Fingiertes aus seinem Aufenthalt in Spanien mitteilen. Vielen Beifall fanden auch seine "Gemälde des Türkenkriegs im Jahr 1828" (deutsch von Oldekop, Petersb. 1828) und sein moralisch-satirischer Roman "Iwan Wyshigin, oder der russische Gil Blas" (das. 1829; deutsch von Oldekop, das. 1830, 4 Bde.). Hieran reihte sich als eine Fortsetzung desselben "Peter Iwanowitsch Wyshigin" (Petersb. 1830; deutsch von Nork, Leipz. 1834, 3 Bde.). Später erschienen von B. noch drei unbedeutende historische