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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Chariten; Chariton; Charivari; Charizim; Charkow

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Chariten - Charkow.

Robert, De Gratiis atticis (in den "Commentationes in honorem Mommseni", Berl. 1877).

Chariten (Charitatis fratres, "Brüder der Barmherzigkeit"), Ordensleute von der Regel des heil. Augustinus, welche von Jean de Dieu im 16. Jahrh. zur Pflege von Kranken bestimmt wurden.

Chariton, aus Aphrodisias in Phrygien, ein Christ, ungefähr aus dem 4. Jahrh., ist der pseudonyme Verfasser eines griechischen Romans in acht Bänden von den abenteuerlichen Schicksalen des Chäreas und der Kallirrhoe von Syrakus. Der Gang der Begebenheiten ist für einen griechischen Roman ziemlich einfach, die Erzählung leicht und fließend, die Sprache im ganzen natürlich und schmucklos. Ausgaben von d'Orville (mit lateinischer Übersetzung und reichem Kommentar, Amsterd. 1750, 3 Bde.), Beck (mit lateinischer Übersetzung von Reiske, Leipz. 1783), Hirschig und Hercher (in den "Scriptores erotici graeci", Par. 1856 u. Leipz. 1859); Übersetzungen von Heyne (das. 1753) und Schmieder (das. 1807).

Charivari (franz., spr. scha-), eine an unser "Mischmasch" erinnernde Wortbildung von unbestimmter Abstammung (mittellat. Chalvaricum, Carivarium), s. v. w. buntes Durcheinander, Straßenlärm, Katzenmusik etc., schon im Mittelalter, namentlich in Frankreich, üblich zur Verhöhnung von Personen, besonders von Witwen, welche sich zum dritten- oder viertenmal oder in ungleichem Alter verheirateten und sich durch ein Lösegeld freikaufen mußten. Verwandt mit dem altfranzösischen Gebrauch ist das in Altbayern gewöhnliche Haberfeldtreiben (s. d.). In übertragener Bedeutung wurde das Wort C. als Titel eines 1832 zu Paris an Stelle des frühern "Nain jaune" gegründeten politischen Witzblattes ("Le C.") verwendet, das namentlich in der spätern Zeit Ludwig Philipps eine bedeutende Rolle spielte.

Charizim, s. v. w. Chiwa (s. d.).

Charkow (spr. chárkoff, früher Slobodische Ukraine), Gouvernement im europäischen Rußland, welches einen Teil von Kleinrußland bildet, im N. an die Gouvernements Kursk und Woronesh, im O. an das Land der Donischen Kosaken, im S. an Jekaterinoslaw und im W. an Poltawa grenzt, mit einem Areal von 54,493,9 qkm (989,7 QM.). Das Land ist ein mäßiges Hochplateau von 100-150 m mittlerer Höhe mit Steilabfällen an den Flüssen und vielen Einschnitten oder Erdschluchten (Balka oder Bujerak genannt), die meist mit Eichengesträuch und Schlehdorn bewachsen sind. Der Boden, teils lehmig, teils sandig, ist fruchtbar. Flüsse sind: der Donez, die Worskla und der Psiol. Im Frühjahr überschwemmen diese Flüsse das Land zu beiden Seiten weithin und machen es durch ihren Schlamm fruchtbar. Der Winter ist streng, um so schöner und milder der Sommer, so daß Wein (z. B. bei Isjum) sowie Arbusen und Melonen im Freien fortkommen. Die Einwohner, an Zahl (1881) 2,082,051 (38 auf 1 qkm), bestehen der Hauptmasse nach aus Kleinrussen und Kosaken, außerdem aus Großrussen, getauften, der griechischen Kirche angehörigen Kalmücken, Deutschen (etwa 1000), Juden und Zigeunern. Für das Gros der Bevölkerung, welches sich zur orthodox-griechischen Kirche bekennt, ist die Eparchie C. errichtet worden. Die Evangelischen (1870: 1227) gehören zum Moskauer Konsistorialbezirk; die Katholiken (1438) stehen unter dem Bistum Tiraspol (Gouvernement Cherson). Die Sekte der Raskolniken zählte 16,877 Anhänger. Die Zahl der Juden betrug nur 1756. Die städtische Bevölkerung beträgt nur 13,9 Proz. der Gesamtbevölkerung. Ackerbau ist die Hauptbeschäftigung der Bewohner. Man baut sehr viel Getreide aller Art, darunter auch Mais, Buchweizen und Hirse; außerdem Hanf, Flachs, viel Zuckerrüben (im J. 1882 auf 26,155 Hektar), Mohn, Hopfen, Tabak [743 Hektar in (1882) 2964 Plantagen], Saflor, spanischen Pfeffer, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst aller Art. Von Kirschen und Schlehen gewinnt man den beliebten Wischnewka und Ternewka (Kirschgeist und Schlehenwein). Vom Gesamtareal kommen 47,5 Proz. auf Ackerland, 31,3 Proz. auf Grasland; 9,7 Proz. sind von Wald bedeckt, und 11,5 Proz. stellen unproduktives Land dar. Ein zweiter Nahrungszweig ist die Viehzucht, welche durch die üppigen, grasreichen Weiden befördert wird. Besonders sind die Pferdezucht, welche in 53 Gestüten (unter diesen ragen hervor die Bjelowodskischen) vortreffliche Reitpferde für das Militär liefert, die Rindviehzucht, welche ausgezeichnetes Mastvieh für die Schlachthallen der Residenzen produziert, und die Schafzucht, welche C. zum ersten Wollmarkt Rußlands gemacht hat, von Belang; zu ihrer Hebung besteht seit 1837 eine Aktiengesellschaft in C. Gegenwärtig zählt das Gouvernement 239,000 Pferde, 478,000 Stück Rindvieh, 769,986 gewöhnliche und 529,790 feinwollige Schafe, 372,000 Schweine. Auch bedeutende Bienenzucht sowie Seidenbau werden betrieben. Der Fischfang im Gouvernement ist unbedeutend, bemerkenswert ist aber der Schildkrötenfang im Donez. Gegenstand der Jagd sind Füchse und Hasen, vornehmlich aber Federwild, als Trappen, Reb- und Birkhühner, Schnepfen, Taucher und Reiher. Das Steinreich liefert nur Thon, Kalk, Salpeter und Kreide an den Steilgehängen der Flüsse. Die Industrie ist seit den letzten Jahrzehnten in bedeutendem Wachsen begriffen. Äm ansehnlichsten ist die Rübenzuckerfabrikation, welche 22 Etablissements umfaßt, die 1882-83: 2,967,566 Ton. (à 1000 kg) Rüben verarbeiteten, aus denen 25,195½ T. Zucker gewonnen wurden; außerdem gibt es an größern gewerblichen Etablissements 12 Wollwäschen, 21 Bier- und Metbrauereien, 3 Zuckerraffinerien, 19 Gerbereien, 4 Großkürschnereien, 1 Eisengießerei, 31 Mahlmühlen, 4 Grütze- und Graupenfabriken, (1882-83) 52 Branntweinbrennereien, 2 Seilereien, 132 Ziegelbrennereien. Der Wert der gesamten industriellen Produktion wurde im J. 1881 auf 26,181,133 Rubel geschätzt. Der Handel des außerhalb der Fluß- und Kanalstraßen gelegenen Gouvernements ist durch den Bau der Eisenbahn von Moskau nach dem Asowschen Meer, welche dasselbe durchschneidet, und von der bei der Hauptstadt C. die Bahn nach Odessa abzweigt, wesentlich gefördert worden. Außer etwa 600 Jahrmärkten finden vier Messen statt, von denen zwei (die Kreschtschenskische im Januar und die Prokrowskische im Oktober, jene mit einer Anfuhr von 27 und einem Absatz von (1886) 15 Mill., diese von 10-15 Mill. Rubel) zu den größten des Reichs gehören. Die Handelsgegenstände sind vorzüglich: Häute, Wolle, Vieh und Pferde, Leder-, Seiden-, Woll- und Baumwollwaaren, sodann Pelz-, Holz-, Eisen- und Stahlwaren etc., die aus dem In- und Ausland, sogar aus dem fernen Asien, zugeführt werden. An Bildungsanstalten besitzt C. eine Universität und von niedern Schulen verhältnismäßig mehr als die meisten übrigen Provinzen des Reichs; trotzdem besuchen im Charkower Lehrbezirk nur ca. 11 Proz. der schulpflichtigen Kinder die Schule. Das Gouvernement C. zerfällt in die elf Kreise: Achtyrka, Bogoduchow, C., Isjum, Kupjansk, Lebedjin, Smijew, Sumy, Starobjelsk, Walki und Woltschansk.

Die gleichnamige Hauptstadt des Gouvernements

^[Artikel, die unter C vermißt werden, sind unter K oder Z nachzuschlagen.]