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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Darwinismus

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Darwinismus (Übergangsformen; Bedeutung u. Einfluß des D. im allgemeinen).

Eine ähnliche Befruchtung erfuhr das Studium der vergleichenden Anatomie und der Paläontologie durch die neuen Gesichtspunkte des D. Auf dem Gebiet der erstern haben insbesondere die Arbeiten von Gegenbaur, Huxley und Kowalewsky die Erkenntnis der natürlichen Verwandtschaft und der Beziehungen der einzelnen Gruppen zu einander gefördert; die klassischen Untersuchungen des erstern erwiesen die Homologie der Teile aller zu einer und derselben Abteilung gehörigen Tiere, zumal der Knochen des Schädels, Rumpfes und der Extremitäten aller höhern und niedern Wirbeltiere. Huxley wies unter anderm die völlige Übereinstimmung des Körperbaues bei Affen und Menschen bis in die kleinsten Details des Gehirn- und Gliederbaues nach und arbeitete so den Werken Darwins und Häckels über die Abstammung des Menschen vor, deren Erscheinung die Theorie krönte, aber natürlich einen großen Sturm hervorrief. Beiläufig mag hier bemerkt werden, daß weder von Huxley, Darwin oder Häckel noch von irgend einem unterrichteten Darwinisten jemals die ihnen von ununterrichteten Gegnern zugeschriebene Ansicht ausgesprochen worden ist, daß der Mensch vom Gorilla oder von sonst einem heute lebenden anthropoiden Affen abstamme; es ist vielmehr stets von ihnen hervorgehoben worden, daß dieselben mit dem Menschen nur die Spitzen divergierender Zweige eines gemeinschaftlichen Stammes sein könnten, der auf einen gemeinsamen Urzeuger zurückführe. Es handelt sich also nach darwinistischen Ansichten hier um Vetterschaft, nicht um Ahnenschaft.

Sehr wichtige Unterstützungen hat der D. durch den paläontologischen Nachweis einerseits von sogen. Übergangsformen, die jetzt getrennt erscheinende Tier- und Pflanzenabteilungen verbinden, wie z. B. der schon erwähnte Urvogel (Archaeopteryx), anderseits durch Auffindung ganzer Reihen ineinander übergehender und der Zeitfolge entsprechend nacheinander auftretender Tiere erhalten. Vor allem wichtig ist der paläontologische Nachweis, daß in allen Abteilungen einfacher organisierte Lebensformen den höher stehenden in strenger Stufenfolge vorausgegangen sind. So begannen im Pflanzenreich Algen, Farne, Schafthalme und Lykopodiaceen, d. h. Pflanzen ohne Blüten- und Samenbildung, die Reihe, es folgten die Ursamenpflanzen, zu denen Nadelhölzer und Cykadeen gehörten, und erst dann traten die höhern, Blumen tragenden Gewächse auf die Schaubühne; im Tierreich erschienen nacheinander wirbellose Tiere, Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere. Auch in jeder Unterabteilung gingen, soweit es sich irgend übersehen läßt, einfacher gebaute Formen den höher stehenden voraus, so unter den Säugern die Beuteltiere, während der Mensch sich erst in den jüngsten Schichten fossil findet. Bei einzelnen Tieren konnte die Umwandlung durch zahlreiche Zwischenformen, die sich zu mehr oder weniger lückenlosen Reihen verbinden lassen, verfolgt werden. Eins der lehrreichsten Beispiele hierfür bietet eine Süßwasserschnecke (Planorbis multiformis), von welcher Hilgendorf 1866 einen vollständigen Stammbaum mit mehreren divergierenden Ästen im Steinheimer Süßwasserkalk nachweisen konnte. Ähnliche lückenlose Reihen sind von andern Forschern bei Trilobiten, Brachiopoden, Ammoniten und andern Tieren beschrieben worden. Das größte Aufsehen in dieser Richtung haben die Untersuchungen über die fossilen Säugetiere, namentlich über die fossilen Pferde und andre Huftiere, von Rütimeyer, Kowalewsky, Huxley, Marsh u. a. erregt. Durch mehr als ein halbes Hundert Arten, von denen die meisten in Nordamerika gefunden worden sind, hat sich der Stammbaum des Pferdes bis in die frühste Eocänzeit zurück verfolgen lassen. Schritt für Schritt zeigen die fossilen Gattungen Eohippus, Orohippus, Mesohippus, Miohippus, Pliohippus, Protohippus und Hipparion, wie aus einem kleinen fünfzehigen Huftier, nicht größer als ein Fuchs, durch lauter allmähliche Übergänge das Einhufergeschlecht hervorgegangen ist; die Verkümmerung der Seitenzehen, die Umbildung der Bein- und Armknochen, die Veränderung des Gebisses, das Wachstum des Gehirns und alle andern im Skelett ausgedrückten Veränderungen während dieses ungeheuern Zeitraums haben sich paläontologisch nachweisen lassen, so daß hier ein Beweis für die Wahrheit der Deszendenztheorie vorliegt, wie er nicht bündiger verlangt werden kann. Überhaupt ist in den letzten Jahren durch die Untersuchungen französischer, englischer, deutscher und namentlich amerikanischer Paläontologen der Stammbaum zahlreicher Tiere, deren ältere Reste in Europa selten sind, aufgehellt worden, so namentlich derjenige der Raubtiere, Nashörner, Schweine, Hirsche, der kamelartigen Tiere und andrer Wiederkäuer.

Eine der nächsten Folgen der Erstarkung des D. war, daß er eine Reihe andrer Wissenschaften in seine Kreise zog. In der Geologie hatte Lyell bereits das Prinzip der allmählichen Entwickelung gegenüber der Katastrophentheorie zur vollsten Geltung gebracht. Du Prel wandte die Lehre vom Kampf ums Dasein mit Glück auf die Astronomie an, indem er zeigte, daß die verschlungenen Bahnen der Weltkörper so lange Eliminationen bewirken mußten, bis für die übrigbleibenden völlig freie Bahn geschaffen wurde. Die Medizin beginnt namentlich in neuester Zeit in der Lehre von den Infektionskrankheiten von darwinistischen Betrachtungen über die Formwandlungen der Krankheitspilze und ihre Anpassung an verschiedene Lebensweise Nutzen zu ziehen und darwinistische Erklärung der Ansteckung, Immunität etc. zu versuchen. Nägeli, Pasteur und andre Forscher haben auf diesem Gebiet bemerkenswerte Erfolge erzielt. Selbst die Chemie blieb nicht unberührt, sofern Pfaundler u. a. zeigten, daß auch unter den Elementarstoffen und Verbindungen von einem Kampf ums Dasein gesprochen werden müsse. Der folgenschwerste und bedeutungsvollste Akt dieser Übertragung der das ganze Weltall beherrschenden Naturgesetze auf die Entwickelungserscheinungen des Alls bestand aber offenbar darin, daß, wie einst die Erde durch Kopernikus aus ihrer Mittelpunktsstellung geworfen wurde, nunmehr der Mensch selbst, der bisher eine Ausnahmestellung einzunehmen gewillt war und als über der Natur stehend namentlich in seinem geistigen Leben betrachtet worden war, als ein zugehöriger Teil des Ganzen reklamiert und mitten in die Natur hinein versetzt wurde. Damit zog der D. auch die Geisteswissenschaften in seine Kreise, und es begann nun eine nie vorher dagewesene Wechselwirkung zwischen den sogen. objektiven und den subjektiven Wissenschaften; alle boten Berührungspunkte, und ihre Bearbeitung vom entwickelungsgeschichtlichen Standpunkt hat auf manche derselben ein ganz überraschendes Licht geworfen. In diesem Sinn zeigt sich die Menschenhistorie mit allen ihren Verzweigungen als ein Glied der allgemeinen Naturhistorie, und die Naturgeschichte rechtfertigt damit erst wirklich ihren Namen, indem sie sich als wirklich historische Wissenschaft entpuppt. Die Geschichtswissenschaft, soweit sie den Menschen und seine geistigen Kräfte und Lei-^[folgende Seite]