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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Desinfektion

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Desinfektion (Allgemeines; Chlorräucherung).

tung solcher Gase aus Abtrittsgruben, Klosetten etc. verhindern. Dagegen ist es selbstverständlich vollkommen zwecklos, den Geruch der übelriechenden Gase durch stark riechende Räuchermittel zu maskieren. Die schädlichen Gase bleiben in dem Raum, und sie entgehen nur durch die Räucherung der Wahrnehmung, weil die entwickelten Wohlgerüche stärker als jene auf unser Geruchsorgan wirken. Die einfachste Ventilation würde in diesem Fall sehr viel wirksamer sein, da durch sie die schädlichen Gase beseitigt werden. Freilich würde auch gute Ventilation auf die Dauer wenig ausrichten, wenn nicht die Quelle jener Gase verstopft wird. Und dies gilt für alle Desinfektionsmaßregeln, denen man nicht den Kampf gegen Schädlichkeiten aufbürden soll, die auf andre Weise leicht und sicher beseitigt werden können. Es wäre thöricht, Zimmer desinfizieren zu wollen, in welche aus unreinen, feuchten Kellern, aus Kanälen, Abtritten etc. beständig schädliche Gase eindringen, auf deren feuchten Wänden Tapeten verrotten, unter deren Dielen unreiner Schutt lagert, der gelegentlich durch einsickerndes Scheuerwasser angefeuchtet wird. Hier sind diese Übelstände zu beseitigen, und dann wird meist eine besondere D. gar nicht mehr erforderlich sein. Reinlichkeit, Trockenheit, reichliche Ventilation sind von der Gesundheitspflege als so wichtige Faktoren für das Wohlbefinden in den Wohnräumen anerkannt worden, daß auf sie in erster Linie zu achten ist. Nachdem dies aber geschehen, bleibt noch für die D. ein weites Gebiet, auf welchem große Anstrengungen gemacht werden müssen, wenn der Erfolg gesichert werden soll. Die neuern Untersuchungen haben gelehrt, daß die chemischen Produkte der Fäulnis, welche sich zum Teil durch übeln Geruch sehr bemerkbar machen, viel weniger zu fürchten sind als die Mikroorganismen, welche jene Fäulnisprozesse begleiten und vielleicht als deren fermentartig wirkende Urheber zu betrachten sind. Ein Mittel, welches nur die übeln Gerüche beseitigt, ohne jene Organismen zu töten, leistet also sehr wenig, und es war ein außerordentlicher Fortschritt, als man den scharfen Unterschied zwischen Desodorisation und D. machen lernte und vom Desinfektionsmittel verlangte, daß es jene Organismen töten müsse. Nun sind, wie es scheint, sehr viele bei Fäulnisprozessen auftretende Bakterien der menschlichen Gesundheit nicht nachteilig, und manche der gefährlichsten organisierten Krankheitsübertrager mögen in ihrer Entwickelung durch Fäulnisprozesse keineswegs begünstigt werden; dennoch muß man bis jetzt annehmen, daß faulende Stoffe im allgemeinen als Nährboden für Bakterien deren Vermehrung und Verbreitung befördern, und so werden sich alle Desinfektionsmaßregeln auf Unterdrückung von Fäulnisprozessen richten müssen. Die neuere Zeit hat aber auch direkte Beobachtungen über die Widerstandsfähigkeit der hier in Betracht kommenden Organismen gegen äußere Angriffe gebracht und damit angefangen, den Boden zu schaffen, von welchem aus allein der Wert bestimmter Desinfektionsmaßregeln beurteilt werden kann. Freilich richteten sich diese Beobachtungen nur auf bestimmte Organismen, und es scheint, als ob durchaus nicht alle gleich lebenskräftig sind, ja es ist bekannt, daß manche, welche Dauersporen erzeugen, dadurch die Fähigkeit besitzen, sehr energischen Angriffen zu widerstehen, und selbst nach langer Zeit aus dem Zustand der Ruhe wieder zu regster Lebensentfaltung übergehen können. Im allgemeinen sind die Bakterien sehr viel widerstandsfähiger, als man glauben möchte, und es hat sich mit Sicherheit herausgestellt, daß z. B. Räucherungen mit Chlor in belegten Krankenzimmern, also in einem Grade, daß Menschen dabei noch ohne Beschwerde atmen können, daß Besprengungen mit Karbolsäure, welche die Luft mit intensivem Karbolgeruch füllen, kaum eine andre Bedeutung haben als Räucherkerzen und vielleicht insofern mehr schaden, als nützen, als sie eine Sicherheit vortäuschen, die durchaus nicht vorhanden ist.

Im deutschen Reichsgesundheitsamt hat man die einzelnen Desinfektionsmittel auf ihre Wirksamkeit geprüft, indem man dieselben in berechneter Menge in geschlossenen Gefäßen auf künstlich gezüchtete Bakterien von Milzbrand, Rotlauf, Septichämie etc. sowie auf deren Dauersporen einwirken ließ und nach verschieden langer Einwirkung diese Bakterien auf ihre Lebensfähigkeit prüfte. Nach den Ergebnissen bezeichnet man als zuverlässige Desinfektionsmittel solche, welche alle Mikroorganismen und ihre Keime töten, während die unzuverlässigen dies nur in bedingtem Grad erreichen. Es ist auch zu beachten, daß manche Desinfektionsmittel nur die Lebensthätigkeit der Bakterien herabsetzen, die sich gewissermaßen wieder erholen, nachdem die Einwirkung des Desinfektionsmittels aufgehört hat. Man darf ferner nicht vergessen, daß die Bakterien und ihre Keime sich durch die Luft verbreiten, so daß ein desinfizierter Gegenstand, sobald er mit der Luft wieder in freie Berührung gekommen ist, in kürzester Zeit von neuem infiziert werden kann, wenn nicht durch die D. eine solche Veränderung mit demselben vor sich gegangen ist, daß er für die Bakterien und ihre Entwickelung keinen Boden mehr bietet.

Der D. unterliegen bewohnte Räume und die in denselben befindlichen Gegenstände, Möbel, Betten, Kleidungsstücke und Wäsche, allerlei Abfallstoffe und Exkremente, dann auch Leichen und Kadaver sowie lebende Menschen und Tiere. Die Verschiedenartigkeit dieser Fälle fordert auch ein sehr verschiedenartiges Verfahren und eine Auswahl unter den Desinfektionsmitteln, welche zum Teil sehr beachtenswerte Nebenwirkungen ausüben und dadurch in manchen Fällen unanwendbar sind.

Das Chlor steht in altbewährtem Ruf als Desinficiens durch sein starkes Oxydationsvermögen; man entwickelt dasselbe am besten durch Übergießen von Chlorkalk mit Salzsäure und wendet es zur D. von Wohnungen, Krankenzimmern etc. an. Das Chlor besitzt zwar keine absolut sichere desinfizierende Wirkung, besonders da sich seine Wirkung wesentlich auf die Oberfläche erstreckt; indessen wird es, in hinreichender Menge entwickelt, zur völligen D. leerer Räume sicher genügen. Zu diesem Zweck räumt man das zu desinfizierende Zimmer gänzlich aus, schafft vornehmlich auch alle Kleidungsstoffe und Möbel heraus, beseitigt vorteilhaft die Tapeten, da alle diese Stoffe durch das Chlor angegriffen werden, wäscht Fußboden, Wände, Fenster und Öfen, soweit dies thunlich, mit Sublimatlösungen (s. unten), dichtet alle Fugen und Ritzen an Fenstern etc. und stellt nun den Chlorkalk in möglichst großen irdenen Schalen, um bei der Chlorentwickelung ein Überfließen zu verhindern, im Zimmer auf und zwar so, daß ein Teil in der Nähe der Decke, einer in mittlerer Höhe und einer am Fußboden placiert wird, wodurch ein möglichst gleichmäßiges Durchdringen der Luftschichten mit Chlor bewirkt wird. Um Luft durch Chlor zu desinfizieren, muß dieselbe 1-1½ Volumprozent des Gases enthalten, und man bedarf deshalb zur Entwickelung der nötigen Menge Chlor für 1 cbm Rauminhalt 0,25 kg Chlorkalk und 0,35 kg Salzsäure. Die