Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutsche Litteratur

734

Deutsche Litteratur (Heldensage; althochdeutsche geistliche Dichtung).

auch daß bei dem "Singen und Sagen", welches nach dem Bericht des Tacitus gemeinsam geübt wurde, das Wort die Hauptsache, die "Musik" dagegen sehr unentwickelt war, läßt sich doch immer nur mit Wahrscheinlichkeit vermuten. Beweise, denen nicht zu widersprechen wäre, gibt es für diese Vorzeit, in welcher Überlieferung und Wiedergabe unmittelbarer Eindrücke, Mythe und lebendige Erinnerung, Namen der Stämme und Völker, historisch Beglaubigtes und Sagenhaftes ineinander verschwimmen, eben nicht. Auch als in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt die Germanen immer entschiedener in den Vordergrund der Geschichte treten, als mit der Periode der Völkerwanderung und des Ansturms deutscher Stämme gegen das zerbröckelnde römische Weltreich Menschen und Dinge deutlicher werden, bleibt die Kunde von der deutschen Dichtung dürftig und unzulänglich. Wohl hat der geistvolle Forscher und Darsteller recht, der sagt: "Verlorne Gedichte sind ebenso wichtig wie erhaltene, wenn man ihre Existenz beweisen und ihre Nachwirkungen feststellen kann" (Scherer), und nicht minder wahr ist, daß es nicht leicht einen stärkern Beweis von der schöpferischen Macht einer Dichtung geben kann, als daß sie ohne schriftliche Fixierung wesentlich unverändert fortlebt, daß ihre Situationen, Gestalten und Hauptzüge zum Teil bis auf den Wortlaut zu spätern Geschlechtern gelangen. Immer aber ist es nur ein Rückschluß, der aus den spätern Gestaltungen der großen Heldensage, aus verwandten Erscheinungen bei den germanischen Völkern über dem Meer und aus einzelnen ganz unbedeutenden Resten auf die Blüte einer großen epischen Dichtung, unmittelbar nach der Völkerwanderung, gemacht wird. Die gewaltigen und erschütternden Kämpfe, durch welche die deutschen Völker im ersten Halbjahrtausend der christlichen Zeitrechnung hindurchgingen, konnten nicht anders als befruchtend auf den poetischen Geist und den poetischen Gestaltungstrieb wirken; Eindrücke und Erinnerungen von fortreißender Macht, das Hervortreten einzelner Heldengestalten, ungeheure Schicksalswechsel fanden ihren Widerklang in Heldenliedern, deren Mannigfaltigkeit sich mehr und mehr auf einzelne große Gruppen (Sagenkreise) konzentrierte. Wie stark die großen historischen Ereignisse, an denen die deutschen Stämme kämpfend und leidend Anteil nahmen, und in denen sie zum Teil ihren Untergang fanden, auf die Phantasie wirkten, ist aus den spätern mittelalterlichen Erneuerungen der Heldensage der Völkerwanderungszeit noch zu erraten. Der Grundcharakter dieser Poesie war heidnisch; an die heidnische Vergangenheit der Völker und die alten Überlieferungen knüpften die Dichter, oder wie man sie immer nennen will, auch dann noch an, als die Bekehrung der meisten deutschen Völker zum Christentum längst erfolgt war. Bei allen deutschen Völkern oder vielmehr Völkervereinen, deren hervorragendste in den Zeiten der großen Völkerwanderung Goten, Langobarden, Burgunder, Franken, Alemannen, Bayern, Thüringer, Sachsen und Friesen waren, werden in Fortbildung der ältern Lieder und unter den Einwirkungen der neuen Erlebnisse eigne Heldenlieder existiert haben, die inzwischen bald mannigfach aufeinander bezogen wurden und ineinander übergingen. Nachklänge der bei Tacitus erwähnten verlornen Lieder von Hermann dem Cherusker scheinen in andern Sagen vorhanden; Züge der gotischen Dichtungen von den Königsgeschlechtern der Balthen und Amaler und späterhin von Odoaker und Theoderich wurden weit verbreitet; die Gestalt Attilas (Etzels), des Hunnenkönigs, der mit seiner Augenblicksmacht Freiheit und Existenz beinahe aller germanischen Stämme gefährdete, kehrt in den verschiedenen Sagenkreisen wieder. So ist der Sagenforschung und der Kritik, welche den wesentlichsten Inhalt der alten, noch bis zum Schluß des ersten Jahrtausends erklingenden epischen Lieder festzustellen sucht, ein weites und wichtiges Feld eröffnet, und das Bewußtsein, daß eine mächtige, stoffreiche, von großartigem Leben und tausend Erinnerungen getränkte Dichtung vor der Zeit der geschriebenen Litteratur vorhanden war, muß festgehalten werden. Die Dichtungen selbst aber, von denen nach glaubhaften Berichten noch Karl d. Gr. im 8. und 9. Jahrh. einen großen Teil aufzeichnen ließ und lassen konnte, sind fast vollständig verloren gegangen. Als schriftliche Denkmäler der heidnischen und halbheidnischen Völkerwanderungsepoche besitzen wir nur unbedeutende Bruchstücke. Die beiden von G. Waitz 1841 in Merseburg aufgefundenen sogen. "Merseburger Zaubersprüche", die ähnlichen von Miklosich 1857 entdeckten Formen sind minder wichtig als das um 800 von zwei Fuldaer Mönchen aufgezeichnete "Lied von Hildebrand und Hadubrand", in der That die einzige volle Probe der Form und des Wesens der großen, einst allverbreiteten Heldenlieder. In zweiter Linie stehen lateinische Niederschriften eines im 10. Jahrh. von Ekkehard von St. Gallen in Hexametern bearbeiteten Gedichts von "Walther und Hiltgund" ("Waltharius von Aquitanien"), welches offenbar zu seiner Entstehungszeit ein deutsches Vorbild hatte, und eines an der Grenzscheide des 10. und 11. Jahrh. von dem Tegernseer Mönch Fromund in leoninischen Hexametern niedergeschriebenen Gedichts: "Rudlieb". Einzelne Vorstellungen, die aus altheidnischen Gedichten in die kümmerlichen deutschen Dichtungsversuche der Geistlichen des 10. und 11. Jahrh. hereinragen (so im "Wessobrunner Gebet" und in den Versen vom Jüngsten Gericht: "Muspilli"), die eigentümliche, an die alte epische Poesie gemahnende Auffassung des Erlösers als des Heerkönigs und reichen Volkskönigs im altsächsischen Gedicht "Heliand", die Vergleichungen mit angelsächsischen und altnordischen Liedern kommen der Vorstellung, welche das Hildebrandslied gewähren kann, zu Hilfe. Letztes Resultat bleibt doch nach Jakob Grimms Wort: "Von althochdeutscher Poesie sind uns nur kümmerliche Bruchstücke gefristet, gerade so viel noch, um sicher schließen zu dürfen, daß Besseres, Reicheres untergegangen ist. Aber das Vermögen der Sprache, den nationalen Stil der Dichtkunst erkennen lassen uns nur die angelsächsischen und altnordischen Lieder, jene, weil sie dessen älteste, diese, weil sie eine noch heidnische Auffassung sind."

I. Zeitraum.

Zeit der althochdeutschen geistlichen Dichtung.

Seit dem 4. Jahrh. war zuerst den in das römische Reich eindringenden, späterhin den andern deutschen Völkern das Christentum gepredigt worden. Am Ausgang des 8. Jahrh. bekehrte Karl d. Gr. die bis dahin heidnisch gebliebenen Sachsen mit Anwendung der äußersten Gewaltmittel. Mit den Heidenbekehrern, die ihre Klöster als Mittelpunkte des neuen kirchlichen Lebens im ganzen deutschen Land errichteten, kam auch die Herrschaft der lateinischen Sprache für kirchliche und geistliche Zwecke, für die neue christliche Bildung. Freilich übertrug schon im 4. Jahrh. der gotische Bischof Ulfilas (Wulfila) die Bibel (mit Ausnahme der Bücher der Könige) und hinterließ in dieser teilweise erhaltenen Übersetzung eins der kostbarsten Denkmäler für die Geschichte der deutschen Sprache, das einzige wesentliche Zeugnis