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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutsche Litteratur

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Deutsche Litteratur (Volksbücher; Zeitalter der Reformation).

Die alte Sagendichtung wie die ritterlich-höfische Epik erlebten in dieser Periode eine letzte eigenartige Wandlung. Wohl gab es noch einige wenige poetische Bearbeiter; noch am Ausgang des 15. Jahrh. dichtete der Maler Ulrich Füterer für Herzog Albrecht IV. von Bayern ein Epos über "Lancelot und die Tafelrunde", welches mit dem Argonautenzug beginnt. Im allgemeinen aber entsprach es dem realistischen Sinn der unkünstlerisch gewordenen Zeit, daß die alten großen Epen in Prosaerzählungen aufgelöst wurden. Mit wirklichen Vorzügen und der kostbaren künstlerischen Form der Gedichte verschwanden gleichwohl auch einzelne Mängel. Da es sich um gedrängte Wiedergabe der Handlung und Charakteristik handelte, traten viele Äußerlichkeiten zurück; das Standesgefühl, welches die höfische Poesie erfüllt hatte, wich einer andern Auffassung der Dinge, die vielfach aus den sogen. Volksbüchern zu uns spricht. Großen Einfluß auf die rasche Entstehung und Verbreitung dieser Erzählungen in Prosa hatte die Erfindung des Buchdrucks, die überhaupt vom Ende des 15. Jahrh. an die Entwickelung der Litteratur mit bestimmte. Bis tief ins 16. Jahrh. hinein währte die im 15. beginnende Abfassung dieser Volksbücher, welche die Reste des Reichtums der mittelalterlichen deutschen Poesie mit einzelnen Bearbeitungen späterer fremder Dichtungen zugleich einer völlig veränderten Zeit überlieferten. "Loher und Maller", "Hug Schapler", "Melusine", "Fierabras", "Die Haimonskinder", "Die schöne Magelone", "Kaiser Octavianus", "Herzog Ernst", "Wigalois" und "Tristan", die Schwanksammlungen: "Peter Leu" und "Tyl Eulenspiegel" bis zu den erst am Ende des 16. Jahrh. hervortretenden Volksromanen: "Doktor Faust" und "Die Schildbürger" vergegenwärtigen, wie trotz der vorwaltenden Verstandesrichtung der Zeit die Ansprüche der Phantasie auch in breiten Lebensschichten fortbestanden.

Daß in dem in Rede stehenden Zeitraum die Bedeutung, Ausbreitung und die Wirkung der Prosa, der geschichtlichen, beschreibenden und lehrhaften Litteratur, wuchsen, ward schon angedeutet. Einen entscheidenden Anteil am Gewinn einer auch formell wertvollen und die geistige wie sprachliche Weiterbildung der Nationallitteratur fördernden Prosa hatten vor allen die deutschen Mystiker des 14. Jahrh., unter denen Meister Eckhart (zwischen 1260 und 1327) der älteste war. Außer seinen Schriften wurden die von Nikolaus von Basel, Johann Tauler (gest. 1361, "Nachfolgung des armen Lebens Christi"), Heinrich Suso (gest. 1365, "Büchlein von der ewigen Weisheit"), Rulmann Merswin (gest. 1382, "Buch von den neun Felsen"), Otto von Passau ("Die vierundzwanzig Alten", oder "Der güldene Thron der minnenden Seelen"), ferner das Büchlein "Deutsche Theologia" von einem Frankfurter Priester (Ende des 14. Jahrh.) und die Predigten des spätern Johann Geiler von Kaisersberg (1445-1510, namentlich die über Seb. Brants "Narrenschiff") von besonderer Wichtigkeit. In der darstellenden Prosa versuchten einzelne Chronisten sich schon jetzt zur Geschichtschreibung zu erheben, ohne daß ihnen dies sonderlich geglückt wäre. Die "Limburgische Chronik" des Stadtschreibers Johannes (um 1350), die "Thüringische Chronik" des Johannes Rothe von Eisenach (um 1420), die "Berner Chronik" von Diebold Schilling und die "Chronik der Eidgenossenschaft" von Petermann Etterlin ragen aus der Menge der Versuche hervor; ihr litterarischer Wert liegt in Ansätzen zu lebendigen Einzelschilderungen und sprachlichen Eigentümlichkeiten.

V. Zeitraum.

Das Reformationsjahrhundert.

Um die Mitte des 15. Jahrh. hatte während der langen ruhmlosen Regierung Kaiser Friedrichs III. der Verfall des Deutschen Reichs stetige Fortschritte gemacht; die kirchlichen Verhältnisse waren trotz der Reformkonzile von Konstanz und Basel immer unerquicklicher, die Entsittlichung und Verweltlichung der Geistlichkeit immer ärger geworden. Dabei trat eine weitreichende Veränderung aller frühern realen Lebensverhältnisse ein, deren Ursachen man nur vereinzelt begriff, deren Druck aber ganze Volksklassen und Stände traf, so daß schon durch diese Vorbedingungen eine Epoche der Gärung und des Kampfes gegeben gewesen wäre. Regten sich nun, wie es überall in Deutschland der Fall war, dabei Tausende von gesunden Kräften und Bestrebungen im einzelnen, drängten sich zwischen den absterbenden Bildungen des Mittelalters neue hochbedeutsame Lebensbildungen hervor, begegnete dem tiefreichenden Unmut und der weithin sichtbaren Zerrüttung anderseits ein frischer Aufschwung des Volksgeistes, Sehnsucht und zuversichtliche Erwartung einer Reform an Haupt und Gliedern, einer großen Veränderung zum Bessern: so mußte daraus ein Zustand chaotischer, aber frischer und im ganzen hoffnungsfreudiger Bewegung hervorgehen. So trafen die großen Bewegungen des Humanismus und der Reformation auf eine außerordentliche Empfänglichkeit der Einzelnen wie der Massen.

Das Studium der Sprachen und Schriftwerke des klassischen Altertums gewann vom Ende des 15. Jahrh. an eine kaum abzuschätzende Verbreitung, Bedeutung und Einwirkung auch auf das deutsche Leben. In bemerkenswertem Gegensatz zum italienischen Humanismus zeigte der deutsche zunächst einen schwer wiegenden Ernst, pädagogisch reformatorische Tendenzen. Die Anfänge der großen geistigen Bewegung knüpften an die Fortbildungen der Mystik an; der Zusammenhang der ersten hervorragenden Humanisten mit den niederdeutschen Brüdern vom gemeinsamen Leben darf mit Recht betont werden. Die geistigen Grundstimmungen, aus denen der deutsche Humanismus erwuchs, und die er wiederum großzog und nährte, erfüllten auch einen Teil der Litteratur in der Volkssprache. Die moralisierende und satirische Richtung, die beständige Forderung und Erwartung einer kirchlichen Erneuerung, die sich in den lateinischen Schriften der Humanisten finden, beleben auch die deutschen Dichtungen und Prosawerke der Vorreformation. Der außerordentlichen Mannigfaltigkeit der deutschen politischen und sozialen Zustände um die Wende des 15. und 16. Jahrh. entsprach eine ähnliche Mannigfaltigkeit der geistigen Leistungen und Versuche. Aber das eigentliche Ideal der Zeit blieb bewußt und unbewußt die kirchliche Reform, und die mächtige Bewegung der Kirchenreformation, die mit dem Auftreten Luthers 1517 ihren Anfang nahm, überwältigte und verschlang in Deutschland bald alle andern Bewegungen und Bestrebungen. Durch sie wurde der Volksgeist wie nie vorher oder nachher bis in seine letzten Tiefen erregt. Erlebte in der Reformation der vom Humanismus und der emporstrebenden Weltlichkeit bedrohte und im Kern mittelalterliche Geist ausschließlich kirchlich-religiöser Lebensrichtung seine gewaltigste Auferstehung, so verband er sich doch mit Elementen, die ausschließlich der neuern Zeit angehörten, und entfesselte, indem die große europäische Kircheneinheit des Mittelalters endgültig gebrochen ward, die freie Überzeugung und Empfindung der Individuen. Das