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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1180-1230. Hohenstaufen).

Demütigung seines Stolzes empfunden haben, in den Augen der Welt und seines Volkes galt er doch als der erste weltliche Monarch der Christenheit, dem die deutschen Ritter Ruhm und herrlichen Siegeslohn, das deutsche Volk innern Frieden und einen großartigen Aufschwung seiner Kraft zu danken hatte.

Daß die Macht des staufischen Kaisers durch den Ausgang des Streits mit dem Papst nicht erschüttert wurde, zeigte sich, als Friedrich den mächtigsten Reichsfürsten, Heinrich den Löwen, für seinen Verrat zu züchtigen beschloß. Denn weil Heinrich, uneingedenk der Großmut Friedrichs und voll Zuversicht auf seine fast königliche Macht, 1176 die Heeresfolge verweigert hatte, verlor der Kaiser die Entscheidungsschlacht bei Legnano. Da fast alle Fürsten dem Kaiser treu zur Seite standen, unterlag der Herzog trotz seiner Tapferkeit und Macht und behielt 1180 nur die welfischen Allode in Sachsen (Braunschweig und Lüneburg); Bayern erhielt Otto von Wittelsbach, Sachsen wurde zerstückelt: die geistlichen Territorien, mehrere Städte u. a. wurden reichsunmittelbar, Westfalen bekam das Erzstift Köln, der Name des Herzogtums Sachsen beschränkte sich fortan auf das Elbgebiet, welches den Askaniern verliehen wurde. Damit ward auch das letzte große Stammesherzogtum vernichtet: wie schon früher Franken, so war auch seit der Thronbesteigung der Staufer Schwaben nicht wieder vergeben worden; Lothringen hatte sich längst in eine Reihe kleinerer Gebiete aufgelöst; Bayern war durch Abtrennung von Österreich, Meran, Kärnten etc. und durch die Vergrößerung der Stifter auch auf einen kleinen Teil seines frühern Umfangs beschränkt worden. An Stelle der wenigen Herzöge bildete sich jetzt eine neuere, zahlreichere Reichsaristokratie in dem Reichsfürstenstand, der sich aus den Herzögen, Pfalzgrafen, Landgrafen, Markgrafen, Erzbischöfen, Bischöfen und Fürstäbten zusammensetzte und gegen Grafen und Herren streng abschloß, so daß fortan die Reichsfürstenwürde besonders verliehen wurde. Auf dem glänzenden Hoftag, den Friedrich 1184 in Mainz abhielt, trat des Kaisers erhabene Stellung über dieser Aristokratie glänzend hervor; sie war um so eifriger beflissen, ihm zu dienen, als er, obwohl er in der Ritterschaft und in den Städten unbedingt ergebene Anhänger hatte, dennoch die Rechte der deutschen Fürsten in keiner Weise antastete. Denn immer wieder richtete sich der Blick der Staufer auf Italien, auf ihre Weltherrschaftsansprüche, auf ihre Pflichten als die Führer der Christenheit. In diesem Sinn erwarb Friedrich 1186 durch die Heirat seines Sohns Heinrich mit der Erbtochter Konstanze für sein Haus die Anwartschaft auf das normännische Königreich beider Sizilien; aus diesem Grund stellte er sich 1189 an die Spitze des dritten Kreuzzugs, auf dem er sein ruhmvolles Leben 1190 glorreich endete.

Friedrichs Nachfolger Heinrich VI. (1190-97) trat die Regierung in dem Königreich Neapel und Sizilien nach blutiger Unterdrückung des Widerstandes einer Adelspartei an und entwarf von hier aus großartige, kühne Eroberungspläne, deren Verwirklichung ihn zum Herrn des ganzen Orients erhoben hätte. Gleichzeitig war er nach nochmaliger Besiegung der Welfenpartei bemüht, die Herrschaft seines Hauses in D. dadurch dauernd zu befestigen, daß er die Kaiserkrone im staufischen Geschlecht erblich machte, wogegen er den Fürsten die unbedingte Erblichkeit der Lehen auch in weiblicher Linie zuzugestehen bereit war. Wiederum, wie 983 und 1056, führte der plötzliche frühe Tod des Kaisers, welcher eine großartige Machtentfaltung in ihren Anfängen erstickte, einen verhängnisvollen Wendepunkt in der deutschen Geschichte herbei. Die zahlreichen Feinde der Staufer waren noch nicht unterdrückt, aber gewarnt, und so säumten sie nicht, die günstige Gelegenheit zum Sturz des hochstrebenden Geschlechts auszubeuten. Während die staufische Partei an Stelle des dreijährigen Sohns des Kaisers dessen Bruder Philipp von Schwaben (1198-1208) auf den Thron erhob, wählten die Anhänger der Welfen einen Sohn Heinrichs des Löwen, Otto IV. Ein wilder, langwieriger Kampf brach aus; Papst Innocenz III. erhob den Anspruch auf das oberste schiedsrichterliche Amt auch über die deutsche Krone und erlangte von Otto die Anerkennung desselben; die Fürsten erpreßten von den beiden Königen als Preis ihres Beistandes immer neue Zugeständnisse und beraubten das Königtum des größten Teils seiner Domänen; die Nachbarreiche, namentlich Dänemark, rissen sich vom deutschen Lehnsverband los. Als endlich Philipp das Übergewicht über seinen Gegner erlangt hatte und sich zur völligen Bezwingung desselben anschickte, ward er 1208 von Otto von Wittelsbach aus Privatrache ermordet. Otto IV. (1208-15) ward nun auch von der staufischen Partei in D. anerkannt und empfing 1209 von Innocenz III. die Kaiserkrone. Aber sobald er die alten kaiserlichen und welfischen Rechte auf die Mathildischen Güter geltend machte und die kaiserliche Oberhoheit im Kirchenstaat und in Neapel beanspruchte, wurde er in den Bann gethan, und Innocenz stellte den Sohn Heinrichs VI., Friedrich, als Gegenkönig auf. Otto, von den wankelmütigen deutschen Fürsten im Stiche gelassen, suchte bei England Schutz und Hilfe. Sein Gegner verband sich mit dem mächtigen König Philipp II. von Frankreich. Dessen Sieg über die Engländer bei Bouvines 1214 entschied auch über die deutsche Krone. Otto IV. endete arm und ungeehrt 1218 auf der Harzburg, der junge Staufer Friedrich II. (1215-50) ward allgemein anerkannt und 1215 in Aachen mit großer Pracht gekrönt.

Friedrich II., geistreich und glänzend begabt, aber mehr Italiener als Deutscher, hatte, wie seine Vorfahren, die Errichtung einer Weltherrschaft als letztes Ziel vor Augen. Er begnügte sich daher, seine Herrschaft in D. dadurch zu sichern, daß er seinen Sohn Heinrich 1220 zum deutschen König wählen ließ, und begab sich sofort nach Italien zurück, wo er 1220 in Rom von Honorius zum Kaiser gekrönt wurde. Den Kreuzzug, welchen zu unternehmen er dem Papst versprochen hatte, verschob er und widmete sich ganz seinem sizilischen Königreich, das er durch eine nach durchaus modernen Staatsgrundsätzen durchgeführte Reorganisation zu einem finanziell und militärisch kräftigen Staat umschuf, der das Fundament seiner weitern politischen Pläne bilden sollte. Wegen der wiederholten Verschiebung des Kreuzzugs that ihn endlich Gregor IX. 1227 in den Bann, dessen Aufhebung aber Friedrich nach glücklicher Beendigung des Zugs nach Jerusalem, wo er sich selbst zum König krönte, im Frieden von San Germano 1230 erzwang. Als ihn ein Abfallsversuch des jungen Königs Heinrich nach D. rief, strahlte das durch einen so edlen Fürsten vertretene Kaisertum im höchsten Glanz. Auf dem Reichstag zu Mainz verkündete er den ersten allgemeinen Landfrieden in deutscher Sprache, setzte ein ständiges kaiserliches Hofgericht ein, welches die oberste Gerichtsbarkeit in D. ausüben sollte, und versöhnte die Welfen durch Erhebung Braunschweig-Lüneburgs zum Herzogtum.

Freilich war diese Machtstellung durch überaus schwerwiegende Zugeständnisse an die Fürsten er-^[folgende Seite]