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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Englische Litteratur

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Englische Litteratur (Philosophie).

1845) durch komische Dichtungen aus; aber schon bei ihm wirft sich die Muse zur Beschützerin der gesellschaftlichen Parias auf: sein "Song of the shirt" tritt für die bedrängte Lage der armen Handarbeiterin ein, während Ebenezer Elliott (gest. 1849) die Not der arbeitenden Klasse überhaupt zum Mittelpunkt seiner Poesie macht und in seinen gegen die Korngesetze gerichteten Dichtungen, die ihm den Namen des "Cornlaw-rhymer" eintrugen, sich erfolgreich auf das politische Gebiet wagt. Aus der großen Schar der übrigen lyrischen und lyrisch-epischen Dichter der neuesten Zeit heben sich als bedeutendere Gestalten heraus: der gegenwärtige Kronpoet (poet laureate) Alfred Tennyson (geb. 1809, "Lockley's Hall", "The princess", "Idylls of the king" etc.), Robert Browning (geb. 1812, "Bells and pomegranates" u. a.) und seine Gattin Elizabeth (gest. 1861), Charles Mackay (geb. 1814), James Bailey (geb. 1816, "Festus"), William E. Aytoun (gest. 1865), "Lays of the Scottish cavaliers"), Edward Robert Lord Lytton (geb. 1831), Rob. Buchanan (geb. 1841); ferner die Häupter der jüngsten englischen Dichterschule: Algernon Ch. Swinburne (geb. 1837) und William Morris (geb. 1834).

Was das Drama betrifft, so tritt uns zunächst Joanna Baillie (gest. 1851) mit einer Reihe von Dramen entgegen, in denen sie sich die Entwickelung einzelner Leidenschaften zur Aufgabe macht; doch blieben ihre Stücke, als deren bedeutendstes "De Montfort" gilt, auf der Bühne wirkungslos. Auch das aufsehenerregende Drama "The bride's tragedy" von Th. Lovell Beddoes (gest. 1849) war mehr ein Lesedrama. Die oben genannte Elizabeth Browning knüpft den schon von Byron aufgenommenen Faden des mittelalterlichen Mysteriums wieder an: ihr "Drama of exile" legt in die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies den Gedanken an das schwindende Jugendideal. Dem griechischen Altertum sind Thomas Noon Talfourds (gest. 1854) "Ion" und "The Athenian captive" angelehnt, doch blieben sie ohne Einfluß auf die Entwickelung des Dramas. Wichtiger sind die historischen Trauerspiele eines Henry Taylor (geb. 1800, "Isaac Comnenus", "Philip van Artevelde", "Edwin the Fair"), denen sich der "Virginius" von J. ^[James] Sheridan Knowles (gest. 1862) und der "Rienzi" der Mary Mitford (gest. 1855) anschließen. Neben dieser historischen Richtung besteht eine philosophische, als deren Hauptrepräsentant Robert Browning ("Paracelsus", "Sordello") zu nennen ist. Von Lytton Bulwers Dramen gefiel die Komödie "The lady of Lyons" am meisten. John O'Keefe (gest. 1833) verstand die Kunst, leichte, humoristische Stücke zu schreiben, die das Volk belustigten und die kleinern Theater füllten. In demselben Genre zeichneten sich George Colman der jüngere (gest. 1836, "The poor gentleman", "John Bull"), Thom. Holcroft (gest. 1809, "The road to ruin"), Fr. Reynolds (gest. 1841) u. a. aus. In neuester Zeit errangen Tom Taylor (gest. 1880) mit seinen Lustspielen und historischen Dramen und T. Robertson (gest. 1871) mit seinen Komödien ("Society", "Caste", "School", "Ours" etc.) Erfolge. Unter der großen Zahl der sogen. Denker (thinkers), wie diejenigen in England genannt werden, welche für die Komposition kleiner Bühnenstücke an den Theatern angestellt sind, verdienen Erwähnung: John Tobin (gest. 1804, "The honeymoon"), Th. Morton (gest. 1838), Douglas Jerrold (gest. 1857) u. a. Auch W. Scott, Dickens u. a. wurden mit Erfolg dramatisiert. Aber keinem der genannten Dichter ist es gelungen, eine neue, lebenskräftige dramatische Form zu finden, und eine nationale Bühne gibt es in England seit Shakspeares ^[richtig: Shakespeares] Zeiten nicht mehr. Das einzige Genre, in welchem die moderne englische Dramatik noch gewissermaßen schöpferisch auftritt, sind die sogen. burlesque extravaganzas (Pantomimen und Burlesken); hierin war der Schauspieler Henry James Byron (gest. 1884) besonders beliebt und fruchtbar.

Wissenschaftliche Litteratur.

Philosophie.

Die insulare Lage hat in England wie überhaupt eine eigentümliche Geistesrichtung, so auch von früh an eine eigenartige Philosophie erzeugt, welche auf dem Kontinent mehr Anregungen hervorgebracht, als, mit wenigen Ausnahmen, von dorther empfangen hat. Dieselbe hat auf der britischen Insel schon zur angelsächsischen Zeit Pfleger gefunden: sowohl Beda Venerabilis (gest. 735) als Alkuin (gest. 804), der Freund Karls d. Gr., waren jener irischer, dieser englischer Abkunft. Auch der Vater der Scholastik, Joh. Scotus Erigena (gest. 877), war auf britischer Erde geboren; der Piemontese Anselm (gest. 1109), der Erfinder des ontologischen Beweises, starb als Erzbischof von Canterbury. An dem Kampf des Nominalismus und Realismus nahmen die Engländer Johann von Salisbury (gest. 1180), Abälards Schüler, der zwischen beiden eine Vermittlerrolle spielt, und Alexander von Hales (gest. 1245), welcher zuerst die Kenntnis arabischer Philosophen im Abendland verbreitete, teil. Den Thomismus bekämpften der das Studium der Natur und der Mathematik dem des Aristoteles vorziehende Mönch Roger Bacon (1214-94) und der feurige Dialektiker (Doctor subtilis) Johannes Duns Scotus (gest. 1308), während Wilhelm von Occam (gest. 1347) und Robert Holkot (gest. 1349) den Nominalismus, letzterer namentlich gegen den Erzbischof von Canterbury, Thomas Bradwardine, zur Herrschaft brachten. Hauptsitz der Scholastik blieb Oxford; in Cambridge faßte der Neuplatonismus der Renaissancezeit Fuß, aus welchem später durch Henry More (gest. 1687) und Ralph Cudworth (gest. 1688) das Studium der Kabbala und der Mystizismus hervorgingen, während der Arzt Robert Fludd (um 1617) die Naturphilosophie des Paracelsus und der Schwärmer John Pordage (gest. 1698) die Theosophie Jakob Böhmes nach England verpflanzten, welche in Bromley und John Leade begeisterte Anhänger fand. Francis Bacon von Verulam (1561-1626) suchte durch sein "Novum organon" und seine "Instauratio magna scientiarum" eine Reform des Wissens und der Wissenschaft auf Grundlage der Erfahrung als einziger Erkenntnisquelle herbeizuführen und ist dadurch der Begründer einer englischen "Nationalphilosophie", wie sein Gegner Lord Herbert von Cherbury (1581-1648), welcher die allgemeine Übereinstimmung auf Grund der allen gemeinsamen Vernunft als oberstes Kriterium der Wahrheit ansah, der Begründer einer "rationalen" Philosophie in England geworden. Des erstern Erfahrungsphilosophie wurde von Thomas Hobbes (1588-1679); welcher nur den äußern Sinn als Erkenntnisquelle gelten ließ und demgemäß alles Wirkliche in natürliche (Naturkörper) und künstliche Körper (Staat) einteilte, zum Sensualismus und Materialismus, von John Locke (1632-1704), der neben dem äußern Sinn (sensation) auch einen innern (reflection) zuließ, zum Empirismus fortgebildet. Des letztern Rationalismus hat als rationale Metaphysik