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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Erft; Erfüllungseid; Erfurt

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Erft - Erfurt.

Fällen kann von derselben die Einrichtung der Station und der ganze Dienst auf derselben übernommen und durch Delegierte des kaiserlichen Kommissars geleitet werden.

Erft, Fluß in der preuß. Rheinprovinz, entspringt in der Eifel, südwestl. von Rheinbach, geht eine Strecke parallel mit dem Rhein, wendet sich dann nordöstlich demselben zu und mündet nach einem Laufe von 120 km bei Grimlinghausen, fast südwestlich von Düsseldorf, in den Rhein. Kurz vor der Mündung entsendet sie einen Arm nach Neuß, von welcher Stadt derselbe, ausgegraben und schiffbar gemacht, als 4 km langer Erftkanal zum Rhein bei der Neußer Hütte führt.

Erfüllungseid, s. Eid, S. 367.

Erfurt (hierzu der Stadtplan), Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks, Stadt- und Landkreises in der preuß. Provinz Sachsen, der Mittelpunkt und die alte Metropole Thüringens, bis 1873 Festung, 213 m ü. M., liegt an der Gera, die sie in zwei Hauptarmen, der Breiten und der Wilden Gera, durchfließt, in fruchtbarer, freundlicher Gegend. E. ist Knotenpunkt der Linien Neudietendorf-Weißenfels und E.-Sangerhausen der Preußischen Staatsbahn und der Eisenbahn Nordhausen-E. und eine weitgedehnte, unregelmäßige Stadt, deren äußeres Ansehen mit den vielen Türmen und Türmchen, dem Dom und dem Severistift auf der Höhe und den zwei ehemaligen Citadellen imposant ist. Die Stadt hat sieben Thore: das Brühler-, Andreas-, Johannis-, Krämpfer-, Schmidtstedter- und Löberthor und das Pförtchen, und sechs nach jenen Thoren genannte Vorstädte. Die zum Teil sehr starken Thorbefestigungen sind in den letzten Jahren gänzlich verschwunden. Neue Straßen, ja ganze neue Stadtteile sind entstanden im sogen. Hirschbrühl, vor dem Johannis-, Andreas-, Brühler- und Löberthor und vor dem Pförtchen. Die Hauptstraße ist der Anger. Unter den öffentlichen Plätzen sind zu erwähnen: der Friedrich-Wilhelmsplatz, sonst "Vor den Graden" (ante gradus) genannt, am Petersberg und Dom liegend, mit einem großen Obelisken vom Jahr 1777 zum Andenken an den letzten Kurfürsten von Mainz, Friedrich Karl Joseph von Erthal; der Fischmarkt mit einer sogen. Rolandssäule, der Wenigenmarkt (d. h. Kleine Markt), der Hirschgarten mit dem Kriegerdenkmal und der Hermannsplatz. Die beiden Citadellen Petersberg und Cyriaksburg, ehemals Klöster, welche die Stadt bedeutend überragen, sind jetzt jedermann zugänglich und gewähren eine herrliche Aussicht.

Das merkwürdigste aller Gebäude Erfurts und die erste Zierde der Stadt ist der Dom Beatae Mariae Virginis, die katholische Hauptkirche, die sich auf dem Domberg, unweit des Petersbergs, mit der dicht neben dem Dom ebenso hochstehenden St. Severikirche erhebt; zu beiden Kirchen steigt man auf 48 breiten steinernen Stufen, von welchen der frühere Name des Platzes "Vor den Graden" (Stufen) herrührt. Dieser Dom ist nicht nach Einem Plan gebaut, sondern aus einzelnen, in verschiedenem Stil gearbeiteten Teilen zusammengesetzt und bietet die größten Unregelmäßigkeiten. Das Langhaus, zwar 1153 gegründet, aber im 15. Jahrh. völlig gotisch umgebaut, erhielt im Anfang des 13. Jahrh. einen schönen Kreuzgang, dazu kam von 1349 bis 1372 das herrliche lange Chor, das seltsamerweise der Hauptteil des ganzen Baues ist; ebenso seltsam ist die Stellung der Türme zwischen Chor und Langhaus und der mit dem Chor gleichzeitige hübsche dreieckige Portalbau an der Nordseite des Langhauses. Unter dem auf mächtigen Substruktionen, der sogen. Kavate, ruhenden Chor eine aus der Mitte des 14. Jahrh. stammende Krypte. An bedeutenden Kunstwerken besitzt das Innere des Doms ein Steindenkmal des Grafen Ernst III. von Gleichen und seiner zwei angeblich gleichzeitigen Gemahlinnen, aus dem 13. Jahrh., sowie eine eherne Grabplatte mit der Krönung Mariä von Peter Vischer (1521) und im nördlichen Turm die große, 1497 gegossene, 275 Ztr. schwere Glocke Maria gloriosa. In einer Nische des Giebels über dem Westportal steht eine 9 m hohe, in Mosaik ausgeführte Madonnenstatue, ein ausgezeichnetes Kunstwerk aus der Mosaikfabrik von Salviati in Venedig.

Neben dem Dom liegt die gotische fünfschiffige Hallenkirche St. Severi mit einem prächtigen kolossalen Taufstein aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. Die evangelische Predigerkirche, wahrscheinlich aus den Jahren 1380-90, ist im reinsten gotischen Stil mit strenger Regelmäßigkeit und doch mit der gefälligsten Leichtigkeit erbaut. Erwähnung verdienen der Schnitzaltar im Chor, der große Kronleuchter mit den zwölf Aposteln und vorzüglich das Denkmal des Ritters Theoderich von Lichtenhain (von 1266). Andre nennenswerte Kirchen sind: die evangelische Augustinerkirche bei dem ehemaligen Augustinerkloster, in welchem Martin Luther, dessen Zelle bei dem 1872 stattgehabten Brand zerstört ward, einst Mönch war, und wo sich noch gegenwärtig (seit 1819) das Martinsstift für arme, verwahrloste Kinder mit evangelischem Waisenhaus befindet; die gotische evangelische Barfüßerkirche mit einem prachtvollen Schnitzaltar und schönen Grabsteinen aus dem 14. Jahrh., die 1837 zum Teil einstürzte, seitdem aber restauriert ward, und die evangelische Reglerkirche, ursprünglich im romanischen Stil, 1859 ebenfalls restauriert, mit einem Turm aus dem 12. Jahrh. und einem stark naturalistischen Altarwerk von Mich, Wohlgemuth. Im ganzen zählt jetzt die Stadt 9 evangelische und 9 kathol. Kirchen nebst mehreren Kapellen, ein Kloster (der Franziskanerinnen mit Mägdebildungsanstalt) und eine stilgerecht in Backstein aufgeführte neue Synagoge. Unter den weltlichen Gebäuden sind hervorragend: das im gotischen Stil 1868-75 vom Stadtbaurat Sommer erbaute neue Rathaus mit prächtigem Festsaal, in welchem sich sechs große, von Jansen ausgeführte Bilder in Wachsfarben (Szenen aus der Geschichte Erfurts) befinden, das Regierungsgebäude, das Postgebäude, die Thuringia, mehrere Schulgebäude, die Wage oder das Kaufhaus, das Große Kollegium etc.

Die Bevölkerung Erfurts ist in raschem Zunehmen begriffen. Während dieselbe 1867 noch 41,760, 1880: 53,254 betrug, darunter 44,158 Evangelische, 8477 Katholiken und 546 Juden, wurden 1885 schon 58,385 Seelen gezählt. Die Stärke des Militärs beträgt 2395 Mann. Industrie und Handel haben sich, besonders seit Aufgabe der Stadt als Festung, stetig gehoben. Außer der in großartigem Maßstab betriebenen Handelsgärtnerei (s. unten) werden in E. hauptsächlich folgende Industriezweige gepflegt: die Konfektion von Frauenkleidern, in welcher ca. 2000 Arbeitnehmer beschäftigt werden (Absatzgebiete für die Fabrikate sind Deutschland, England, Holland und die Schweiz); die Lampenfabrikation (4 Fabriken mit ca. 300 Arbeitern, Absatz nach Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und der Türkei); Maschinenfabrikation, welche

^[Abb.: Wappen von Erfurt.]