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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ernte

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Ernte (Erntegebräuche, Volkswirtschaftliches).

in Mieten aufgesetztes Gras oder Getreide zu trocknen. Man bildet beim Bau der Miete in der Achse derselben einen cylindrischen Hohlraum, der oben abgeschlossen wird, fügt an den Fuß desselben einen horizontal verlaufenden Kanal und an der äußern Mündung des letzteren einen durch Dampf oder Göpel zu treibenden Ventilator. Sobald in der Miete eine Temperaturerhöhung wahrgenommen wird, setzt man den Ventilator in Thätigkeit. Dieser saugt den Wasserdampf aus dem Innern der Miete ab, während frische Luft in die Miete eindringt, sie abkühlt und das Heu oder Getreide trocknet. Nach den bisherigen Erfahrungen scheinen diese Methoden ihren Zweck noch nicht hinreichend zu erfüllen.

[Erntegebräuche.] Von alters her war die E., von deren Ausfall das materielle Wohl der meisten Menschen abhängig ist, mit religiösen Gebräuchen und Volksbelustigungen verknüpft. So begingen die alten Griechen zur Erntezeit Feste zu Ehren der Demeter (Ceres), auf die man die Einführung des Getreidebaues zurückführte. Auch die alten Germanen pflegten vor dem ersten Schnitte die Hilfe der Götter anzurufen und ihnen wohl auch die ersten Garben zu weihen. Hieran erinnert noch das in manchen Gegenden Deutschlands übliche Stehenlassen eines Büschels Ähren, welches man in Mecklenburg der "Fru Gaue" stehen läßt, in der Altmark noch selbst "Vergodendêls Struß", d. h. Frau Godenteilstrauß, nennt, sei es, daß es auf eine weibliche Gottheit oder auf Wodan (Gwodan) geht, wo Ver dann für Frô ("Herr") stände und es also den "Anteil des Herrn Wodan" bezeichnete. Im Saterland nennt man den Busch mit christianisierter Vorstellung Peterbült (Petrus als Wetterherr gedacht). Wenn man dann in andern Gegenden eine Puppe aus dem letzten Roggen macht und dieselbe feierlich einholt und den "Alten" nennt, so geht dies vielleicht auf Donar, der oft als "der Alte" (Atli) bezeichnet wurde (vgl. Ackerkulte). - Die christliche Kirche setzte an die Stelle der altheidnischen Dankopfer ein Erntedankfest, welches noch jetzt und zwar in Norddeutschland meist am Sonntag nach Michaelis (29. Sept.) begangen wird. Unter den Vergnügungen, welche nach vollbrachter Einfuhr des Getreides den Arbeitern vom Gutsherrn bereitet werden, ist die gebräuchlichste das Erntebier, eine Tanzbelustigung, bei welcher den Arbeitern Bier verabreicht und von diesen dem Festgeber eine Erntekrone oder Erntekranz überreicht zu werden pflegt. Über die alten halbheidnischen Gebräuche vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte (Berl. 1877); Pfannenschmidt, Germanische Erntefeste im heidnischen und christlichen Kultus (Hannov. 1878).

Volkswirtschaftliches.

Die Ernten bilden eins der wichtigsten Glieder im Kreislauf des ganzen Güterlebens. In steter regelmäßiger Folge entsprechend dem Wechsel der Jahreszeiten verbinden wir mit dem Boden und mit den übrigen an der Produktion beteiligten natürlichen Kräften (Luft, Wasser, Feuchtigkeit, Wärme, Licht etc.) die erforderlichen Arbeits- und Kapitalskräfte, um jene wertvollen Gütermassen zu erzeugen, welche als Nahrungs- und Genußmittel, Roh- und Hilfsstoffe der verschiedenen Industrien etc. in kurzen Zeiträumen, meist innerhalb der Erntejahre selbst, wieder konsumiert werden, dadurch wieder in den Kreislauf gelangen und die Mittel zu neuer Produktion bieten. Welchen Umfang dieser sich jährlich wiederholende Prozeß gegenwärtig nimmt, kann man aus einigen Schätzungen beurteilen. Nach statistischen Berechnungen beträgt der Wert einer mittlern Getreideernte an Körnerfrucht allein (also ohne Stroh) beiläufig 27 Milliarden Mk. Die Weinernte in Frankreich, die nahezu ein Viertel der Weinproduktion Europas ausmacht, wird auf mehr als 1 Milliarde Mk. und nach diesem Maßstab jene von ganz Europa auf 4 Milliarden Mk. bewertet; die Tabaksernte der Vereinigten Staaten, welche ungefähr derjenigen aller europäischen Staaten gleichkommt, wird mit 160-180 Mill. Mk., die Baumwollernte mit 1100-1200 Mill. Mk. veranschlagt; die jährliche Kaffee-Ernte hat auf den europäischen Märkten einen Geldwert von beiläufig 1100 Mill. Mk. Aus diesen wenigen Anhaltspunkten läßt sich ermessen, wie viele Milliarden alle Jahre durch die Ernten in den wirtschaftlichen Umsatz kommen.

Wenn auch der Tauschwert der E. erst mit steigender Kultur zu dieser numerischen Höhe gelangt ist, so war deren Bedeutung doch in gewissem Sinn in alter Zeit für die Naturalvölker, die vom Ackerbau und Bodenertrag ganz und gar in ihrer Existenz abhängig waren, von noch größerer Tragweite als für die Gegenwart. Deshalb begegnet man schon in der ältesten orientalischen Kulturepoche und im klassischen Altertum dem Bestreben, den Ausfall der Ernten möglichst rasch wenigstens im allgemeinen kennen zu lernen. Selbstverständlich mußte man sich zuerst mit vagen Nachrichten genügen lassen; auch das ganze Mittelalter und noch der Polizeistaat im vorigen und in den ersten Dezennien unsers Jahrhunderts brachten es nicht über generelle Qualifikationen der Ernteerträge ohne ziffermäßige Angabe der Ertragsmengen. Nur ausnahmsweise begegnen wir einer förmlichen Organisierung der Ernteberichte, wie sie am weitesten zurückreichend in Schweden (seit 1741) und in Sachsen (1755) eingeleitet wurden. Die mustergültigen erntestatistischen Arbeiten, welche seit 1837 in Frankreich und 1846 in Belgien organisiert wurden, zeigten nicht bloß die Methode, nach welcher man allein auf ein stabileres und verläßlicheres Resultat der Erhebungen hoffen kann, sondern sie bewiesen überhaupt die Möglichkeit, statt der allgemeinen Bezeichnung eine in Zahlen ausgedrückte Angabe der Jahresernten zu liefern. Nun folgte bald die Einrichtung einer genauen Agrarstatistik in Preußen (1846, Erntetabelle), in Bayern (1854 durch Herman), in Württemberg (1851-54 und 1857 ff.), in den Niederlanden, in Großbritannien und Irland (1855 ff.), in Österreich (1868) und in mehreren andern Staaten.

Die Merkmale, durch welche sich die rationellen Nachweise, welche seither in der Mehrzahl der Kulturstaaten eingeführt wurden, von den fiskalischen und polizeilichen Grundsätzen der vorhergehenden Ernteberichte unterscheiden, liegen einerseits in dem Streben nach ziffermäßigem Ausdruck für die verschiedenen Produktionsgrößen, anderseits in der Methode, durch welche man zur Kenntnis dieser letztern gelangt. Man sucht Zahlenangaben über die jährlichen Einzelerträge pro Flächeneinheit und über die daraus zu berechnenden Totalerträge, über die Qualität des Produktes (ausgedrückt im Gewicht), über die Quantität und den Marktpreis. Aus solchen durch längere Zeit fortgesetzten Beobachtungen und ihrer Aufzeichnung sucht man heute in der Mehrzahl der Staaten die Beschaffenheit einer Durchschnitts- oder Mittelernte ziffermäßig festzustellen und bezeichnet deren Größe durch die Zahl 100; die einzelne Jahresernte wird dann in ihrer Qualität und Quantität nicht bloß absolut angegeben, sondern soll zugleich durch jene Relativzahlen, welche ihr Verhältnis zur Mittelernte ausdrücken, charakterisiert werden. Man hat also in diesen rela-^[folgende Seite]