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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gehirnschlag; Gehirnschwund; Gehirnvereiterung; Gehirnverhärtung; Gehirnwassersucht

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Gehirnschlag - Gehirnwassersucht.

Erscheinungen tritt oft noch der Symptomenkomplex des Fiebers hinzu, zumal wenn sich eine Gehirnentzündung zur G. hinzugesellt. Die Erscheinungen der reinen G. halten gewöhnlich nur wenige (2-4) Tage an. Die Behandlung ist auf die Beruhigung des Kranken gerichtet und im wesentlichen eine symptomatische. Kalte Umschläge und Eisbeutel auf den Kopf, ein Aderlaß oder die Applikation von 8-10 Blutegeln an die Schläfen und hinter die Ohren, ein Laxans zur Erleichterung des Stuhlganges, knappe Diät, kühle Getränke, Vermeidung erhitzender und spirituöser Getränke: das sind die Mittel, welche gegen die drohende Gefahr einer Gehirnentzündung nach G. angewendet werden können. Sehr aufgeregten Kranken kann auch Chloralhydrat oder Morphium gegeben werden. Vgl. Gehirnerschütterung.

Gehirnschlag (Hirnschlagfluß, Apoplexia cerebri) bedeutet ursprünglich diejenige plötzliche Todesart, welche auf Lähmung des Gehirns beruht, und wobei der Sterbende, wie von einem Schlag niedergestreckt, zusammenstürzt. Es wird diese Form des Todes namentlich bei Gelegenheit großer Blutergüsse in das Hirn beobachtet, weshalb man solche mit Zertrümmerung der Hirnmasse verbundene Blutergüsse selbst G. genannt hat (s. Gehirnerweichung). Vielfach spricht man auch von G., wenn der Tod nur überhaupt durch Aufhebung der Gehirnfunktionen, also durch Gehirnlähmung, entstanden ist, auch wenn derselbe nicht gerade plötzlich eintritt. Weiteres s. Schlagfluß.

Gehirnschwund (Atrophie des Gehirns) ist nicht selten angeboren u. erreicht dann die höchsten Grade, wie man sie bei angeborner Gehirnwassersucht oder bei Mikrokephalie oder gar bei Anenkephalie beobachtet. Erworbener G. kommt in mäßigem Grad im höhern Alter sehr häufig vor und kann hier fast als normale Involutionserscheinung gelten, wird aber auch in frühern Lebensaltern infolge krankhafter Prozesse, welche das Gehirn betreffen, beobachtet. Namentlich bei Geisteskranken, welche in Blödsinn verfallen, kommt G. vor und ist hier die Folge einer chronischen Entzündung der Gehirnsubstanz (s. Gehirnentzündung, am Schluß). Das geschrumpfte Gehirn erscheint fester, blutärmer, seine Häute sind verdickt und wässerig infiltriert, die Furchen tiefer, die Windungen schmal, auch die Hirnhöhlen sind erweitert und mit Wasser gefüllt. Physiologisch äußert er sich durch lähmungsartige, sich allmählich verschlimmernde Zustände, wovon nicht bloß die motorische und sensible Sphäre, sondern auch und zwar ganz vorzugsweise die psychischen Funktionen, Intelligenz, Gedächtnis etc., betroffen werden. Der G. an sich ist unter allen Umständen ein unheilbarer Zustand.

Gehirnvereiterung, s. Gehirnentzündung.

Gehirnverhärtung (Sklerose des Gehirns), ein krankhafter Prozeß, welcher bald das ganze Gehirn, vorzugsweise die Rinde des Großhirns, betrifft, mit Gehirnschwund und allgemeiner, namentlich psychischer, Lähmung einhergeht und die Folge eines chronischen Entzündungsprozesses mit Bindegewebswucherung und Untergang der Nervenelemente, zumal der Ganglienzellen, ist (s. Gehirnentzündung, am Schluß), bald aber auch herdweise, auf einzelne, meist zahlreiche kleine Stellen des Gehirn- und Rückenmarks beschränkt auftritt, und welcher dann herdweise Sklerose (Sclérose en plaques) genannt wird. Sie gibt sich gewöhnlich zu erkennen durch Lähmung einzelner Muskeln und Muskelgruppen, welche zuerst an den untern Extremitäten auftritt und sich dann allmählich, aber in höchst unregelmäßiger Weise, auch auf die Arme, einzelne Muskeln des Rumpfes, Halses und Kopfes ausdehnt und schließlich selbst die Atmungs- und Schlingmuskeln ergreift. Häufig kommen unbestimmte Schmerzen in einzelnen Gliedern, das Gefühl von Taubsein und von Ameisenkriechen in den Extremitäten hinzu, und zuletzt stellt sich vollkommene Empfindungslosigkeit größerer Hautstrecken ein. Kopfschmerz ist gewöhnlich nicht vorhanden; von den höhern Sinnesorganen leidet fast nur das Auge, es wird schwachsichtig oder erblindet sogar. Die G. führt nach jahrelangem Verlauf zum Tode; die Behandlung kann sich nur auf einzelne Symptome richten. Vgl. Leube, Multiple inselförmige Sklerose des Gehirns und Rückenmarks (Leipz. 1875).

Gehirnwassersucht (Hydrocephalus) besteht in einer krankhaften Anhäufung von klarer, wässeriger Flüssigkeit in den Gehirnhöhlen (H. internus) oder in den Maschen der weichen Gehirnhaut (H. externus), durch welche auf das Gehirn selbst ein mehr oder weniger starker Druck ausgeübt und dasselbe in seinen Funktionen schwer beeinträchtigt wird. Man muß unterscheiden zwischen der angebornen G. (angeborner Wasserkopf) und der erworbenen G. Letztere erreicht niemals so hohe Grade wie die erstere. Der angeborne Wasserkopf (H. congenitus) entwickelt sich während der Fötalzeit wahrscheinlich infolge eines entzündlichen Zustandes des Medullarrohrs, d. h. der embryonalen Anlage des Gehirns. In der Höhle des Medullarrohrs häuft sich Serum in so beträchtlicher Menge an, daß es entweder überhaupt nicht zur Bildung eines Gehirns kommt, oder daß letzteres rudimentär bleibt, oder endlich, daß nur eine dünne Schicht von Gehirnsubstanz in der Umgebung der mit Wasser überfüllten Hirnhöhlen abgelagert wird. In letzterm Fall erscheint das Gehirn also als eine große, dünnwandige, wasserhaltige Blase. Da sich dieselbe zu schnell vergrößert, als daß die Knochen des Schädelgewölbes im Wachstum gleichen Schritt halten könnten, so kommt es, daß zur Zeit der herannahenden Geburt nicht bloß der Kopf des Kindes enorm groß, oft von den doppelten Dimensionen eines normalen Kindskopfes ist, sondern daß auch die Ränder der Schädeldeckknochen sich nicht berühren, sondern weite, weiche Stellen, den Knochennähten entsprechend, zwischen den Knochenrändern übrigbleiben. Ebenso sind die sogen. Fontanellen außerordentlich groß. Der Kopf eines solchen Kindes ist weich und fluktuierend, gibt aber trotzdem wegen seines enormen Umfanges ein Geburtshindernis ab, muß daher angestochen werden, damit das Wasser auslaufen und die Geburt vollendet werden kann. Daher kommt es, daß nur solche Kinder, welche mit verhältnismäßig geringen Graden des Wasserkopfes zur Welt kommen, die Geburt überleben. Allein auch diese pflegen nach Verlauf weniger Wochen oder Monate abzusterben. Das große Gehirn derselben wird zwar mit der Zeit ganz von den Knochen umschlossen, es verschwinden die weichen Spalten zwischen den Knochenrändern, und die Fontanellen schließen sich; aber das Gehirn kann sich nicht entwickeln, das Kind zeigt alle Erscheinungen des angebornen Blödsinns, ist nicht selten blind, taubstumm, gelähmt etc. Die Stirn ist stark vornüber gewölbt, das Gesicht tritt zurück, namentlich der Unterkiefer ist unverhältnismäßig dürftig entwickelt. Nur die allerleichtesten Grade des angebornen Wasserkopfes lassen eine nachträgliche Abbildung von Gehirnsubstanz und normale Gehirnfunktionen erwarten. Übrigens ist bei diesem Zustand das Großhirn vor-^[folgende Seite]