Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

812

Großbritannien (Geschichte: Wilhelm IV.).

aufdeckte, kam es daselbst zu den heftigsten Auftritten, infolge deren Graf Grey 9. Juli 1834 seine Entlassung nahm und durch den Minister des Innern, Lord Melbourne, ersetzt wurde. Die Parteistellung des Ministeriums war durch diese Veränderung wiederum nach links hin verschoben. Nun wurde zunächst die irische Zwangsbill durch einen mildern Gesetzentwurf ersetzt, sodann beantragte die Regierung eine Bill, welche den Zehnten in England und Irland in eine von den Grundeigentümern, nicht von den Pachtern, zu zahlende Abgabe verwandelte. Dieselbe wurde indes von den Lords verworfen, und nach der Vertagung des Parlaments zeigte auch der König seine Unzufriedenheit mit dessen liberalen Absichten und Maßregeln, indem er, als Lord Althorp infolge des Todes seines Vaters aus dem Kabinett ausschied, die Minister (14. Nov. 1834) mit der Erklärung überraschte: er betrachte das Kabinett durch diesen Austritt als aufgelöst. Abermals wurde Wellington mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt, aber dieser erkannte, daß bei dem immer zunehmenden Einfluß der liberalen und radikalen Ideen im Volk und im Parlament die Wiederherstellung einer Toryregierung im alten Sinn des Wortes unmöglich sei, und schlug ein Mitglied des Unterhauses, Sir Robert Peel, zum Premierminister vor. Peel bemühte sich vergeblich, mehrere gemäßigte Whigs zum Eintritt in das Kabinett zu bewegen, und sah sich daher schließlich genötigt, ein ausschließlich toryistisches Ministerium zu bilden, zu welchem unter andern Lord Lyndhurst (Lord-Kanzler), Aberdeen (Kolonien) und Wellington (Äußeres) berufen wurden. Das Unterbaus wurde nun 30. Dez. 1834 aufgelöst; die Neuwahlen brachten zwar den Tories einige Erfolge, veränderten aber den Charakter des Parlaments im Grund nicht. Die liberale Opposition behielt im Unterhaus eine Mehrheit von über 100 Stimmen, so daß man der Regierung keine lange Dauer versprechen konnte und der Versuch des Königs, die Tories wieder zur Gewalt zu bringen, sich als verfrüht erwies.

Das neue Parlament ward 24. Febr. 1835 eröffnet. Eine erste Niederlage bei der Adreßdebatte ließ die Regierung unbeachtet; als dann aber bei der Beratung der von Peel eingebrachten irischen Zehntenbill ein Antrag Lord John Russells, gewisse Teile des irischen Kirchenvermögens für Unterrichtszwecke zu gunsten aller Klassen der Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession zu verwenden, 3. April angenommen ward, sah sich Peel, der auf diesem Gebiet nicht nachgeben konnte, genötigt, zurückzutreten. Lord Melbourne, das Haupt des frühern Whigkabinetts, erhielt den Auftrag, ein neues Ministerium zu bilden; fast alle seine frühern Kollegen traten in dasselbe wieder ein, doch blieb Lord Brougham, der frühere Lord-Kanzler, ausgeschlossen. Die erste wichtige Reformmaßregel des neuen Ministeriums war die von Lord J. ^[John] Russell beantragte und 9. Sept. 1835 nach heftigem Widerstand der Tories angenommene Städteordnung. An die Stelle eines bunten Gemisches von Institutionen, die durch 2205 Gesetze und Urkunden geregelt waren, zum Teil in die Zeit der Plantagenets zurückreichten, im Lauf der Jahrhunderte aber zu einer Regierung der Städte durch sich selbst ergänzende, außer aller Fühlung mit der Bürgerschaft stehende Magistrate, zu vielfacher Verschleuderung des städtischen Eigentums und harter Bedrückung der Bürgerschaft geführt hatten, trat nun eine wenigstens für 178 Städte einheitliche Ordnung, welche das Gleichgewicht von Pflichten und Rechten herstellte und die städtischen Behörden in der That zu Repräsentanten der Bürgerschaft machte, indem sie dieselben aus freier Wahl aller steuerzahlenden Bürger hervorgehen ließ. Ein weniger günstiges Geschick als die Städteordnung hatte die von Lord Morpeth 27. Juni 1835 eingebrachte irische Zehntenbill, da die sogen. Appropriationsklausel, nach welcher die Überschüsse des Kirchenguts zu Unterrichtszwecken verwandt werden sollten, von den Peers mit großer Stimmenmehrheit verworfen wurde, worauf Lord Melbourne für diesmal die ganze Bill fallen ließ.

Wie die Session von 1835, welche 10. Sept. geschlossen wurde, sich bis zuletzt mit der "irischen Frage" beschäftigt hatte, so trat diese in der Sitzung von 1836 gleich wieder auf die Tagesordnung. Zunächst gelang es den Bemühungen des radikalen Abgeordneten Hume, durch unwiderlegliche Aktenstücke die Gemeingefährlichkeit des über ganz Irland verbreiteten Geheimbundes der Orangelogen nachzuweisen und dadurch die Auflösung dieser reaktionären Vereinigung herbeizuführen. Dafür rächten sich freilich die Tories, indem sie eine von der Regierung vorgelegte Städteordnung für Irland und zum zweitenmal auch das Zehntengesetz, welches Lord Morpeth einbrachte, bei den Lords zu Falle brachten. Je mehr nun aber die Konservativen jeden Fortschritt zu hintertreiben versuchten, um so entschiedener gingen anderseits die Radikalen vor. In dieser Zeit taucht zuerst das umfassende Programm der von ihnen ins Auge gefaßten Reformen auf, das allerdings Whigs wie Tories gleich unannehmbar erscheinen mußte. Auf demselben standen Forderungen, wie die der geheimen Abstimmung bei den Parlamentswahlen (vote by ballot), der Ausdehnung des Wahlrechts auf alle Staatsbürger (universal suffrage) oder wenigstens auf alle Haushaltungsvorstände ohne Unterschied ihrer Steuerkraft (household suffrage), der jährlichen Wiederkehr der Parlamentswahlen (annual parliaments), endlich der Umwandlung des Oberhauses in einen wählbaren Senat. Das bedeutete allerdings eine gänzliche Umgestaltung der ihrem Grundcharakter nach noch immer aristokratischen britischen Verfassung, und es mußten noch Jahrzehnte verstreichen, ehe diese Forderungen auch nur teilweise verwirklicht wurden.

Auch die Session von 1837 beschäftigte sich wieder vorzugsweise mit den Angelegenheiten Irlands. Zur Linderung des noch immer zunehmenden materiellen Notstandes der Insel brachte die Regierung eine Armenbill ein, worin sie die Errichtung von 100 Arbeitshäusern, jedes für 800 Arme, beantragte, deren Leitung der seit 1834 bewährten englischen Zentralarmenbehörde anvertraut werden sollte. Wurde diese Bill, obwohl sie dem Elend nur teilweise steuern konnte, von allen Parteien angenommen, so stießen dagegen die wieder vorgelegten Reformgesetze in Bezug auf die Zehnten und die irische Städteordnung im Oberhaus aufs neue auf den heftigsten Widerstand, und die Lage der Regierung, welche gegenüber dem Drängen der radikalen Heißsporne auf der einen und der prinzipiellen Opposition der Tories auf der andern Seite nur mit Mühe ihre mittlere Stellung behaupten konnte, wurde immer schwieriger.

Mitten in diese Parteikämpfe hinein fiel plötzlich ein unerwartetes Ereignis: das Ableben König Wilhelms IV. (20. Juni 1837). Durch dasselbe wurde zunächst die Verbindung gelöst, welche seit mehr als einem Jahrhundert zwischen G. und Deutschland be-^[folgende Seite]