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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

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Großbritannien (Geschichte 1848-1851).

Smith O'Brien betrieb seine Rüstungen ganz ungescheut und begann mit etwa 2000 Mann im Sommer die Erhebung. Aber die Regierung hatte rechtzeitige Gegenvorkehrungen getroffen, sprengte diesen Haufen 29. Juli 1848 in der Grafschaft Tipperary mit leichter Mühe auseinander und ließ die Führer verhaften und zum Tod oder zur Deportation verurteilen.

Gegenüber diesen Vorgängen traten die parlamentarischen Debatten natürlich in den Hintergrund. Nur eine wichtige Reformmaßregel wurde in dieser Session wenigstens angebahnt. Der Bericht eines schon 1847 niedergesetzten Parlamentsausschusses zeigte klar, daß die noch aus dem 17. Jahrh. stammenden Navigationsgesetze mit ihren auf die Beschränkung der auswärtigen Schiffahrt berechneten Bestimmungen thatsächlich nur noch einen nachteiligen Einfluß auf den britischen Handelsverkehr ausübten. Die Regierung konnte daher auf die volle Zustimmung der Freihändler rechnen, als sie 15. Mai 1848 die völlige Aufhebung dieser Beschränkungen vorschlug. Die von den Schutzzöllnern lebhaft bekämpfte Bill kam in dieser Session nicht zur Erledigung, erhielt aber in der nächsten, 26. Juni 1849, Gesetzeskraft. Von Bedeutung war endlich noch eine andre Verhandlung der am 5. Sept. 1848 geschlossenen Session. Das Ministerium hatte aus Anlaß von Rothschilds Wahl in der City im Dezember 1847 einen Vorschlag eingebracht, der den Juden den Eintritt ins Parlament möglich machen sollte. Das Unterhaus nahm die Bill an, das Oberhaus aber verwarf sie mit 125 gegen 96 Stimmen. Auch in der am 1. Febr. eröffneten Session von 1849 hatte das gleiche Gesetz kein besseres Geschick. Das lebhafteste Interesse nahmen in diesem Jahr die Kolonien und die auswärtige Politik der Regierung in Anspruch. Von den erstern machten besonders Kanada, wo es im April 1849 zu einem förmlichen Aufstand kam, und die Kapkolonie, wo die alten Zwistigkeiten zwischen den sich immer weiter ins Innere zurückziehenden holländischen Buren und der englischen Verwaltung fortdauerten, der Regierung Sorge. Bedrohlicher noch gestalteten sich die Verhältnisse in Asien. Schon im April 1848 hatten sich im Pandschab Symptome einer neuen Erhebung gegen die britische Herrschaft gezeigt. Der Tributärfürst Mulradsch in Multan hatte offen gegen die Regierung rebelliert; unter den Sikhtruppen in Lahor entdeckte man eine Verschwörung; auch die Sikh in Peschawar fielen ab, und es zeigte sich, daß sie mit den Afghanen im Bund standen. Im September rückte der Oberbefehlshaber Lord Gough selbst in das Pandschab, erzwang sich nach einer unentschiedenen Schlacht bei Ramnapur (22. Nov.) im Dezember den Übergang über den Tschenabfluß und eroberte endlich 22. Jan. 1849 Multan. Während der Belagerung kam es (13. Jan.) am Tschelam (Hydaspes) zu einer neuen blutigen Schlacht gegen die Sikh, die unentschieden blieb, aber den Engländern 2200 Mann und 89 Offiziere kostete. Nun endlich beschloß das Mutterland, Verstärkungen zu senden, und ersetzte den Oberbefehlshaber Lord Gough durch den bewährten Sieger früherer Jahre, Sir Charles Napier. Bevor indessen derselbe eingetroffen war, hatte Lord Gough 21. Febr. das überlegene Heer der Sikh bei Gudscharat völlig geschlagen und die Aufständischen unterworfen. Am 29. März wurde die Einverleibung des Pandschab verkündigt.

Nicht so günstig gestaltete sich Großbritanniens europäische Politik. G. hatte sich seit 1848 fast mit allen europäischen Staaten der Reihe nach überworfen. Mit Spanien waren die diplomatischen Beziehungen abgebrochen, weil der englische Gesandte Sir Henry Bulwer bei den republikanischen Aufständen von 1848 die Hand im Spiel gehabt haben sollte; erst 1850 kam eine Aussöhnung zwischen Spanien und England zu stande; daneben bestand längere Zeit auch eine Spannung mit Österreich, wo man durch die englischen Sympathien mit den aufständischen Magyaren und mit den durch Karl Albert von Sardinien verfochtenen italienischen Einheitsbestrebungen sehr unangenehm berührt wurde. Hatte Palmerston den letztern nur indirekt unterstützt, so war er in Sizilien noch weiter gegangen: er begünstigte den dort ausgebrochenen Aufstand und vermittelte nach dessen Besiegung und nach der Erstürmung von Messina gemeinschaftlich mit Frankreich den Sizilianern einen leidlichen Waffenstillstand. Zu derselben Zeit hatte sich G. durch seine Beschützung Dänemarks auch zu Preußen in feindlichen Gegensatz gestellt. Die Restauration in Italien, die Überwältigung Sardiniens, die Intervention der Franzosen und Österreicher im Kirchenstaat sowie die Niederwerfung der ungarischen Revolution im August 1849 durch Russen und Österreicher waren deshalb empfindliche Niederlagen der Palmerstonschen Politik, die dafür nach einer Kompensation suchte. Als die Sieger die Türkei bedrohten, weil diese den ungarischen Flüchtlingen ein Asyl gewährt hatte, stellte sich G. auf die Seite der Pforte, und eine englische Flotte lief in die Dardanellen ein, wogegen die Ostmächte vergebens Protest erhoben. Gleichzeitig machte Palmerston von der Machtüberlegenheit Großbritanniens dem kleinen Griechenland gegenüber rücksichtslosen Gebrauch. Überhaupt waren diese Revolutionsjahre die Zeit, in der Palmerston (Lord Feuerbrand, wie man ihn nannte) fast in ganz Europa und zwar meist in liberalem Sinn zu intervenieren versuchte, was ihm zwar große Popularität eintrug, schließlich aber doch der Machtstellung Großbritanniens mehr schadete als nützte. Demgemäß war in der 31. Jan. 1850 eröffneten Parlamentssession die auswärtige Politik der Regierung um so mehr der Hauptzielpunkt der Angriffe seitens der Tories, als die innere Lage, namentlich die der Finanzen, sich entschieden gebessert hatte. Im Oberhaus wurde denn auch 18. Juni eine von Lord Stanley beantragte Resolution, welche die gegen die griechische Regierung ergriffenen Maßregeln mißbilligte, mit 169 Stimmen gegen 132 angenommen. Das Unterhaus dagegen, auf dessen Entscheidung alles ankam, stellte sich nach fünftägigen aufregenden Debatten 29. Juni mit 310 gegen 264 Stimmen auf die Seite des Ministeriums u. billigte dessen gesamte auswärtige Politik. Trotzdem schloß die Session 15. Aug. unter bedenklichen Auspizien. Die Mißhandlung des Besiegers der Magyaren, des Generals Haynau, durch den Pöbel in einer Londoner Brauerei (4. Sept.) steigerte das gespannte Verhältnis zu Österreich, gegen dessen deutsche Politik sich gleichzeitig G. entschieden erklärte. Um dieselbe Zeit rief die vom Papste durch die Bulle vom 29. Sept. 1850 verfügte Errichtung von zwölf katholischen Bistümern und die Ernennung des Kardinals Wiseman zum Erzbischof von Westminster im ganzen Land lebhafteste Erregung hervor, und unter dem alten Feldgeschrei "No popery!" erklärten sich zahlreiche Versammlungen, Adressen und Proteste gegen die päpstliche Anmaßung.

Infolgedessen brachte Russell gleich nach der Eröffnung der neuen Parlamentssession 4. Febr. 1851 im Unterhaus eine gegen den Schritt des Papstes gerichtete Bill ein, welche allen nicht anglikanischen Geistlichen verbot, bischöfliche Titel anzunehmen und zu führen, und welche Vermächtnisse an solche Bischöfe,