Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

822

Großbritannien (Geschichte 1857-1859).

zu bemerken, daß ein aus Anlaß des Aufstandes von Disraeli unternommener Angriff auf die Regierung keinen Erfolg hatte, während eine von Russell beantragte Adresse an die Königin, in welcher das Haus versicherte, daß es die Regierung in allen Maßregeln zur Unterdrückung des Aufstandes unterstützen werde, einstimmig angenommen ward und dem entsprechende Vollmachten zu ausgedehnten Rüstungen der Regierung bewilligt wurden. Bald nachher (28. Aug.) erfolgte der Schluß der Session. Zu dem Unglück des indischen Aufstandes kam während der zweiten Hälfte des Jahrs eine andre große Kalamität: eine furchtbare Geld- und Handelskrisis, welche teils durch eine fieberhaft übertriebene Spekulation und Überproduktion, teils durch den massenhaften Abfluß baren Geldes nach Indien und China hervorgerufen wurde. In Amerika zum Ausbruch gekommen, pflanzte sie sich im Oktober nach Europa fort, führte in G. den Sturz einer beträchtlichen Anzahl von Bankinstituten und großen Firmen herbei und erlosch erst nach außerordentlichen Maßregeln der Regierung, und nachdem sie allein in G. bedeutende Verluste herbeigeführt hatte. Der Aufstand in Indien hatte unterdessen eine immer bedrohlichere Gestalt angenommen. Zwar ward man hier und da der Aufständischen Meister, wie denn endlich auch Dehli nach langer Belagerung fiel; dafür errangen anderwärts die Rebellen Vorteile, und ein namhafter Verlust war der Tod des Generals Havelock (s. d.), welcher 25. Nov. 1857 der Cholera erlag. Allseitig empfand man die Notwendigkeit einer neuen Regelung der indischen Verhältnisse und die Beseitigung der Mißregierung der Ostindischen Kompanie. Ehe aber eine zu diesem Zweck dem am 3. Dez. wieder zusammengetretenen Parlament vorgelegte Bill durchberaten war, ward das Ministerium infolge einer verkehrten Maßregel Palmerstons gestürzt. Das Attentat Orsinis und seiner Genossen gegen den Kaiser Napoleon III., welches in England vorbereitet war, hatte Frankreich Veranlassung zu lebhaften Reklamationen gegen das britische Asylrecht gegeben. Infolgedessen und aus persönlicher Vorliebe für Napoleon brachte Palmerston 4. Febr. die sogen. Murderbill ins Parlament, durch welche die bisherigen milden Gesetze gegen Verschwörungen verschärft werden sollten. Die Bill ward in erster Lesung durch Unterstützung der Tories mit großer Majorität angenommen; bei der zweiten Lesung aber erlitt die Regierung 14. Febr. eine entschiedene Niederlage, indem ein Antrag von Milner Gibson angenommen ward, welcher das nachgiebige und schwache Auftreten Palmerstons gegenüber Frankreich mißbilligte. Infolge dieses Tadelsvotums nahm das Ministerium seine Entlassung, und an seine Stelle trat 26. Febr. ein vom Grafen Derby gebildetes toryistisches, in welchem dieser selbst das Präsidium übernahm. Schatzkanzler ward Disraeli, Lord-Kanzler Sir Frederick Thesiger unter dem Titel Lord Chelmsford, Präsident des Geheimen Rats der Marquis von Salisbury, Staatssekretär des Auswärtigen Lord Malmesbury, des Innern Walpole, der Kolonien Lord Stanley, ältester Sohn des Premiers.

Das neue Ministerium erbat und erhielt zunächst von Frankreich beruhigende Erklärungen, indem Napoleon sich dagegen verwahrte, Englands Ehre beeinträchtigende Forderungen gestellt zu haben, und sein volles Vertrauen auf dessen Freundschaft aussprach. Trotzdem ließ man, um der erregten Empfindlichkeit des Volkes Genüge zu thun, die Murderbill für jetzt fallen; die wichtigsten Bestimmungen derselben erhielten indes nach einigen Jahren bei andrer Gelegenheit dennoch Gesetzeskraft. Den Hauptgegenstand der Verhandlungen der Session bildeten demnächst die von Disraeli 19. April eingebrachten Vorschläge zur Regelung der Verhältnisse des ostindischen Reichs. Am 2. Aug. kamen die Verhandlungen zum Abschluß. Ihr Ergebnis war die gänzliche Aufhebung der Ostindischen Kompanie und der Übergang der unmittelbaren Herrschaft über das angloindische Reich auf die Krone. Die Verwaltung Indiens wurde in London auf einen Minister (Staatssekretär) für Indien und eine aus 15 Mitgliedern bestehende, teils ernannte, teils gewählte Ratskammer übertragen, während in Indien ein Vizekönig die Regierung vertreten sollte. Die Direktoren der Kompanie hielten 30. Aug. ihre letzte, die neue Ratskammer 2. Sept. ihre erste Sitzung; die Proklamation der neuen Ordnung in Ostindien erfolgte 1. Nov., erster Vizekönig wurde Lord Canning. Auch die Frage wegen Zulassung der Israeliten zum Parlament, welche dasselbe seit so vielen Jahren beschäftigt hatte, ward in dieser Session endlich zu gunsten derselben und im Sinn der so oft wiederholten Beschlüsse des Unterhauses gelöst; Disraeli war es gelungen, die Tories in dieser Beziehung zur Nachgiebigkeit zu bestimmen. Was die auswärtigen Angelegenheiten betrifft, so hatte der Krieg mit China durch Lord Elgins von einer französischen Flotte unterstützte energische Wirksamkeit einen günstigen Verlauf genommen; nachdem schon im Januar Kanton genommen worden war, fuhren die Kanonenboote der Alliierten den Peiho hinauf und nötigten den Hof von Peking durch Bedrohung der Hauptstadt zum Abschluß des Friedens zu Tiëntsin (27. Juni), durch welchen sich der Kaiser verpflichtete, dem englischen Handel neue Häfen zu öffnen, das Christentum zu dulden und 2 Mill. Pfd. Sterl. Kriegsentschädigung zu zahlen; ein chinesischer Gesandter sollte in London, ein englischer in Peking fortan seinen bleibenden Sitz haben. Ein bald darauf mit Japan vereinbarter Handelsvertrag öffnete auch dies Land dem englischen Handel und gestattete G., einen Gesandten und Konsuln dahin zu senden. Auch die orientalische Frage fand ihren vorläufigen Abschluß; aus den Beratungen der auch von G. beschickten Pariser Konferenzen ging 19. Aug. eine Übereinkunft wegen der Verfassung der Donaufürstentümer hervor; die freundschaftlichen Beziehungen zu Frankreich erhielten in einer Zusammenkunft zu Cherbourg (4. und 5. Aug.) zwischen der Königin und ihrem Gemahl und dem französischen Kaiserpaar einen neuen Ausdruck.

Auswärtige Verwickelungen.

Das Jahr 1859 brachte zunächst die Frage der Reform der Parlamentswahlen wieder auf die Tagesordnung. Die Agitation der radikalen Partei unter Führung J. ^[John] Brights, welche eine Demokratisierung des Wahlrechts bezweckte, hatte im Lauf des Jahrs 1858 immer größern Umfang angenommen und nötigte selbst die Regierung, mit positiven Vorschlägen hervorzutreten. Da aber die von Disraeli eingebrachte Reformbill nur eine sehr unbedeutende Erweiterung des Wahlrechts herbeiführen wollte, sagte sie keiner Partei zu; aus dem Ministerium traten Walpole und Henley, welche selbst diese Zugeständnisse als zu weit gehend ansahen, aus, und bei den Whigs und Radikalen stießen diese Vorschläge der Regierung auf so heftigen Widerstand, daß dieselbe 31. März bei der Abstimmung über eine Gegenresolution Lord Russells in der Minorität blieb. Sofort gab Derby seine Entlassung ein, doch entschloß sich die Königin in Rücksicht auf die italienische Frage, das Toryministerium beizubehalten und das Parlament nach Er-^[folgende Seite]