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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Halévy

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Halévy.

durch Berton und Cherubini und errang 1819 mit der Kantate "Herminie" den sogen. römischen Preis. 1822 von Rom zurückgekehrt, wo er sich vorwiegend dem Studium der ältern italienischen Kirchenmusik gewidmet hatte, versuchte er vergebens, seine Opern: "La Bohémienne" und "Pygmalion" auf einer der Pariser Opernbühnen zur Aufführung zu bringen. Erst 1827 kam seine dritte Oper: "L'artisan", auf die Bühne des Theaters Feydeau, machte aber wenig Glück. Auch mit "Le roi et le bâtelier" (1828) hatte H. keinen Erfolg. Dagegen wurde die 1839 in der Italienischen Oper aufgeführte Oper "Clari" beifällig aufgenommen, wozu freilich auch der Umstand beitrug, daß die Malibran die Hauptrolle darin sang. Seine nächstfolgende komische Oper: "Le dilettante d'Avignon", fand unbedingten Beifall und infolgedessen auch auf auswärtigen Bühnen Eingang. H. ward nun bald Komponist des Tags und erhielt zahlreiche Aufträge, denen unter andern die Ballette: "Manon Lescaut" (1830) und "La tentation" (1832) ihre Entstehung verdanken. Zwischen diese beiden Ballette fallen der Zeit nach die drei kleinen komischen Opern: "Yelva", "La langue musicale" und "Les souvenirs de Lafleur". Nachdem er noch 1834 Herolds unfertig hinterlassene Oper "Ludovic" vollendet, trat er mit seinem bedeutendsten Werk: "La juive", hervor, welche Oper 1835 in der Großen Oper zum erstenmal aufgeführt wurde und ihm einen europäischen Ruf verschaffte. In der That zeigt "Die Jüdin" Halévys dramatische Begabung, seine reiche melodische Erfindungskraft, endlich sein Geschick in der Behandlung der Singstimmen wie des Orchesters in so günstigem Lichte, daß dies Werk zu den klassischen Zierden der französischen großen Oper zu rechnen ist, wiewohl das massenhafte Aufgebot äußerer Effektmittel nach dem Vorgang Meyerbeers seinen künstlerischen Wert beeinträchtigt. Als sein zweitbestes Werk ist die komische Oper "L'éclair" (Ende 1835) zu bezeichnen, in welcher er der von Auber eingeschlagenen Richtung folgt. An diese schließen sich die mit mehr oder minder Beifall aufgeführten Opern: "Guido et Ginévra", "Les treize", "Le drapier", "Le guitarréro", "La reine de Chypre", "Les mousquetaires de la reine", "Le val d'Andorre", "La tempête" und "Dame de pique" (letztere beiden mit Text von Scribe), "La magicienne" u. a. Als Lehrer hat H. von 1816 an bis kurz vor seinem 17. März 1862 in Nizza erfolgten Tod mit seltenem Erfolg gewirkt; zu seinen Schülern zählen unter andern Gounod, Victor Massé, Bazin. Die gleiche künstlerische Tüchtigkeit bewies er als Orchesterdirigent der Italienischen Oper (1827-29) und als Gesangsdirektor der Großen Oper (1829-45). Endlich gab ihm seine 1854 erfolgte Ernennung zum ständigen Sekretär der Pariser Akademie der schönen Künste Gelegenheit, sich vielfach als gewandter Schriftsteller und Redner zu zeigen. Seine Gedächtnisreden erschienen gesammelt als "Souvenirs et portraits" (1861) und "Derniers souvenirs et portraits" (1863). Außer seinen Bühnenwerken hinterließ H. an Kompositionen nur einige Kirchensachen, eine vierhändige Sonate und kleinere Stücke für Klavier. Seine Biographie schrieben sein Bruder León H. (2. Aufl., Par. 1863) und Pougin (das. 1865).

2) Léon, franz. Schriftsteller, Bruder des vorigen, geb. 14. Jan. 1802 zu Paris, studierte Rechtswissenschaft, trat dann in Beziehungen zu Saint-Simon, zu dessen Werk "Opinions littéraires, philosophiques et industrielles" (1825) er die Einleitung schrieb, war 1831-34 Professor an der polytechnischen Schule, bekleidete 1837-53 eine Stelle im Ministerium des Unterrichts und widmete sich dann ausschließlich der Schriftstellerei. Er starb 3. Sept. 1883 in St.-Germain en Laye. H. hat sich auf verschiedenen Gebieten schriftstellerisch bethätigt. Von seinen Schriften geschichtlichen und litterargeschichtlichen Inhalts erwähnen wir: "Résumé de l'histoire des juifs" (1827-28, 2 Bde.) und "Histoire résumée de la littérature française" (1838, 2 Bde.). Außerdem hat er Gedichte ("La peste de Barcelone", 1822; "Les Cyprès", 1825, u. a.), Fabeln (zwei Sammlungen, 1843 u. 1853, preisgekrönt), Novellen und dramatische Dichtungen ("Le Czar Demetrius", 1829; auch Lustspiele und Vaudevilles) hinterlassen und sich besonders durch Übertragungen ("Poésies européennes", 1837; "La Grèce tragique", 1845-61, 3 Bde., preisgekrönt) und Bühnenbearbeitungen moderner Dramen des Auslandes (z. B. von Werners "Luther", Shakespeares "Macbeth", Goethes "Clavigo" u. a.) verdient gemacht. Endlich gab er auch eine Biographie seines Bruders (s. H. 1) heraus.

3) Joseph, franz. Orientalist und Afrikareisender, geb. 15. Dez. 1827 zu Adrianopel, besuchte 1868 das nördliche Abessinien, durchforschte dann im Auftrag der Pariser Akademie 1869-70 Jemen nach sabäischen Inschriften, deren er 683 heimbrachte, zum Teil in einer vorher unbekannten Schwestersprache des Sabäischen (dem Minaischen) abgefaßt. Von Hodeida aus ging er nach Sana, Marib (Saba) und von da nördlich über vorher unbekanntes Gebiet bis Bled Nedschran, etwa unter 18° nördl. Br., so daß seine Reise auch in geographischer und ethnographischer Hinsicht sehr bedeutend ist. Er schrieb: "Mission archéologique dans le Yemen" (Par. 1872); "Essai sur la langue Agaou, le dialect des Falachas" (das. 1873); "Voyage au Nedjrân" (1873); "Études berbères" (1873); "Mélanges d'épigraphie et d'archéologie sémitiques" (1874); "Études sabéennes" (1875); "Études sur la syllabaire cunéiforme" (1876); "Recherches critiques sur l'origine de la civilisation babylonienne" (1877); "Essai sur les inscriptions du Safa" (1882); "Mélanges de critique et d'histoire relatifs aux peuples sémitiques" (1883).

4) Ludovic, franz. Bühnendichter und Schriftsteller, Sohn von H. 2), geb. 1. Jan. 1834 zu Paris, machte sich zuerst bekannt als Verfasser der Texte zu den Offenbachschen Burlesken (zum Teil in Gemeinschaft mit Meilhac: "Orphée aux enfers", 1861; "La belle Hélène", 1865; "La vie parisienne", 1866; "La grande-duchesse de Gérolstein", 1867; "Les brigands", 1870, u. a.) und schrieb außerdem eine große Anzahl von Vaudevilles, Lustspielen und Dramen der leichtern Gattung (z. B. "La périchole", 1868; "Froufrou", 1869; "Tricoche et Cacolet", 1872; "Le mari de la débutante", 1878; "La petite mère", 1880). Das humoristische Talent, welches er hier entwickelte, fand einen noch glücklichern Ausdruck in den anziehenden Skizzen aus dem Pariser Theaterleben: "Madame et Monsieur Cardinal" (1873) und "Les petits Cardinal" (1880), die ihn als ebenso feinen Beobachter und Schilderer der Sitten seiner Landsleute wie echten Humoristen bekunden. Noch sind zu erwähnen: "L'invasion" (1872), eine Sammlung von ursprünglich im "Temps" veröffentlichten Feuilletons (persönliche Erinnerungen an den Krieg von 1870/71 enthaltend), sowie aus neuester Zeit die Erzählungen: "L'abbé Constantin" (1882), "Criquette" (1883), "Deux mariages" (1883) u. a. 1886 wurde H. Mitglied der Akademie.