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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Handelskrisis

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Handelskrisis (Ursachen und Wirkungen; Geschichtliches).

produktion führt, und dann spricht man von Spekulationskrisen im eigentlichen Sinn. Derartige Erscheinungen pflegen stets an einen besondern Anlaß anzuknüpfen, an Änderungen der Gesetzgebung, neue Verkehrsmittel etc. Wie der Krieg die Absatzkrisen, so ruft sehr häufig die glückliche Beendigung eines Kriegs die Spekulationskrisen wach.

In der Mehrzahl der Fälle sind die Ursachen so verwickelt, und es treten so allseitige Wechselwirkungen auf, daß man kaum mehr die Unterscheidungsmerkmale festhalten kann. Bisweilen allerdings sind ganz bestimmte örtliche Veranlassungen vorhanden, welche die Art der Krisen kennzeichnen. Gewöhnlich aber ist der Verlauf einer Krisis in folgender Weise zu denken.

Nach einer längern Periode eines im allgemeinen normalen Verkehrs haben sich Arbeitskräfte und Kapitalien bedeutend vermehrt. Es werden neue Unternehmungen und zwar leicht im Übermaß geschaffen, was ein starkes Sinken der Preise zur Folge hat. In der Periode der Überproduktion jagen die Produzenten einander die günstig gelegenen Grundstücke, Arbeiter und Kapitalien ab und steigern so die Preise, Arbeitslöhne und Diskontsätze. Um sich bei dem Beginn der rückgängigen Konjunktur möglichst zu halten, nehmen sie den Kredit übermäßig in Anspruch, verteuern sich denselben, bis endlich das Kartenhaus zusammenbricht, Güterpreise und Löhne fallen und ein allgemeines krankhaftes Mißtrauen die seitherige Leichtgläubigkeit ablöst. Wenn diese Vorgänge auf einzelne Gebiete der Wirtschaft beschränkt bleiben, so rufen sie örtliche und partielle Krisen hervor, die verhältnismäßig leicht überwunden werden. Gelingt aber die Lokalisierung nicht, sondern wird die Störung von einem Unternehmen auf die andern, etwa von der Eisenindustrie auf die Hütten- und Kohlenwerke überhaupt oder von der Spinnerei auf die ganze Gruppe der Textilindustrien, übertragen, so geht gewissermaßen der Krankheitsstoff in den ganzen volkswirtschaftlichen Körper über, und die allgemeinen, zuerst akuten, später chronischen Erscheinungen nehmen nun unaufhaltsam ihren Verlauf. Die Ursache der raschen und weiten Ausbreitung von Krisen in neuerer Zeit und die zunehmende Schwierigkeit ihrer örtlichen Begrenzung hängen mit der Entwickelung des ganzen Verkehrswesens und der großartigen Rolle des Kredits zusammen.

Im Zusammenhang mit den Ursachen kann man von Symptomen in dem Sinn sprechen, daß sich aus dem Eintreten gewisser äußerlicher Erscheinungen auf das Herannahen einer Krise schließen läßt. Die Erfahrung bezeichnet als die wesentlichsten Symptome: 1) große Unternehmungslust und Kühnheit der Spekulation; 2) rasche Bereicherungen einzelner Gruppen durch leicht realisierbare Gewinne bei allgemeiner Leichtgläubigkeit des großen Publikums; 3) Verwegenheit der Agiotage und Übergreifen der Spielsucht in solche Kreise der Gesellschaft, welche kein geschäftliches Verständnis besitzen; 4) bedeutendes und rasches Steigen der Warenpreise, Arbeitslöhne, Realitätenwerte, Kapitalzinsen und Diskontsätze; 5) zahlreiche Überführung von Einzelunternehmungen in Aktienunternehmungen. Beim Zusammentreffen dieser Symptome ist der Ausbruch von Krisen mit größter Wahrscheinlichkeit vorauszusehen. Als Wirkungen und Folgen schwerer Handelskrisen sind zunächst große Verschiebungen in den Preisen der verschiedenen Warenarten, dann rasches Sinken von Lohn und Zins (Diskontsätze) und Lahmlegung oder auch völliger Verlust großer Kapitalsummen zu beobachten. Es folgen Zahlungseinstellungen und Bankrotte, an Stelle des kritiklosen Vertrauens tritt dann eine ebensolche Entmutigung ein, jeder sammelt Kassenbestände, und es läßt sich eine förmliche Entkräftung des wirtschaftlichen Organismus beobachten. Die am meisten in die Augen fallenden und empfindlichsten Folgen sind natürlich, daß zahlreiche Vermögensverluste eintreten und meist die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden. In sozialer Hinsicht bedeutsam ist es, daß starke Handelskrisen in der Regel den Unterschied zwischen Reichtum und Armut sowie die Abhängigkeit der letztern noch schroffer gestalten. Anderseits darf man nicht verkennen, daß große Krisen "die großen Weltmarktsgewitter" sind und einen Reinigungsprozeß bedeuten.

Geschichte der Krisen.

Krisen kommen in allen Zeitaltern vor; so brach nach Livius vor mehr als 2000 Jahren eine H. im Lager des ältern Scipio vor Karthago aus, weil die Kaufleute zu viele Waren herbeigeschleppt hatten, und durch die große Florentiner Krisis von 1345, wo die Gesellschaften der Scali, Peruzzi und Bardi fallierten, wurde der ganze Staat erschüttert. Mit bestimmtem Charakter treten sie jedoch erst im 17. und 18. Jahrh. auf, und man führt hier als die beiden ersten eigentlichen Handelskrisen jene von Lübeck im J. 1603 und die holländische Tulpenmanie 1634-1637 an; letztere ist dadurch merkwürdig, daß sie sich nicht an Gegenstände des gemeinen Gebrauchs heftete, sondern an einen Artikel (Haarlemer Tulpenzwiebeln), dem ein übermäßig hoher Wert beigelegt wurde; dieser folgte bald die englische Geldkrise von 1696, hervorgerufen durch eine Veränderung im englischen Münzwesen und den dadurch vorübergehend eingetretenen Mangel an Zahlungsmitteln. Ungleich tiefer gehend waren die Wirkungen des "Systems", welches John Law (s. d.) in Frankreich eingeführt hatte, und durch welches zuerst der Irrtum Gestalt gewann, daß man durch Vermehrung der papierenen Umlaufsmittel das Gleichgewicht der Güterpreise aufrecht erhalten und das Kapital eines Landes steigern könne. Dasselbe erfüllt den Zeitraum von 1716 bis 1720; es charakterisiert sich durch das erste Auftreten großartiger Gründungen, einer förmlich organisierten Agiotage mit allen Ausschreitungen wilder Spekulationslust und durch den darauf folgenden Zusammenbruch mit vollständiger Vermögensverschiebung. Etwa gleichzeitig (1711-20) fand der Südseeschwindel in England statt, zu welchem einerseits der Aufschwung des Verkehrs mit den transatlantischen Ländern, anderseits die mißbräuchliche Anwendung der Form der Aktiengesellschaften auf schwindelhafte Projekte den Anstoß gab, und welcher in den als Bubbles (Seifenblasen) bezeichneten Aktien und andern Effekten des Gründungsschwindels sein eigentliches Objekt besaß. Schon in dieser ersten Zeit zeigt sich, daß die Krisen nur in hoch entwickelten Volkswirtschaften zur Entstehung gelangen. Dasselbe gilt von den Hamburger Handelskrisen der Jahre 1763 und 1799, deren erstere durch die Beendigung des Siebenjährigen Kriegs, deren letztere durch die Umwälzungen im Gefolge der großen französischen Revolution und des Seekriegs der Franzosen mit den Engländern, durch die Überfüllung des westindischen Marktes mit europäischen Waren und die Ansammlung unabsetzbarer angehäufter Vorräte in Hamburg verursacht war. Endlich darf im 18. Jahrh. in gewissem Sinn jene Reihe von Folgeerscheinungen zu den Krisen gerechnet werden welche die französische Assignatenwirtschaft von 1790