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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Handschrift

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Handschrift.

waren, weil man darauf ebenso leicht schreiben, wie das Geschriebene wieder auslöschen konnte. Zu diesem Behuf hatte der Griffel ein spitzes und ein plattes Ende. Die Handschriften oder Bücher der Alten (libri, codices) waren Rollen (volumina), d. h. eine Anzahl an den Enden zusammengeleimter Blätter (paginae), die sich hinten an einem hohlen Stab aus Holz, Knochen oder Elfenbein befestigt fanden, durch den ein oben und unten je mit einem dicken Knopf (cornu, umbilicus) versehener Zapfen lief. Die drei andern Ränder der Rolle wurden mit Bimsstein geglättet oder beschnitten; der Titel (titulus, index) stand auf einem auf der Rolle oder an dem Stab festgeklebten Papierstreifen. Die Stelle des Buchdeckels vertrat eine Kapsel aus gefärbtem Pergament; oft wurde beim Nichtgebrauch die H. auch nur zusammengerollt und mit einem Band umwickelt, wie dies auch bei uns mit Karten, Grundrissen, Noten u. dgl. geschieht. Eine H. aufschlagen, hieß bei den Römern evolvere, d. h. aufrollen. Die Handschriften waren meist von geringem Umfang, und daher kommt es, daß ein Teil eines Buches auch häufig Buch (liber) oder Rolle (volumen) heißt. In der Regel wurde nur die eine Seite eines Blattes beschrieben; waren beide Seiten benutzt, so hieß dies ein Opisthograph. Die Schreiber (librarii) waren in der Regel Sklaven, und gegen Ende der republikanischen Zeit entwickelte sich in Rom der Buchhandel. Die Vervielfältigung der Handschriften wurde in großem Maßstab betrieben, indem eine größere Anzahl Geschwindschreiber gleichzeitig nach einem Diktat schrieben. Dabei mögen in der Eile manche Fehler untergelaufen sein, und manche der falschen Lesarten, die sich in den auf die Neuzeit gekommenen Handschriften der alten Autoren vorfinden, gehen wahrscheinlich hierauf zurück; die meisten dürften aber auf Rechnung der Schreib- und Lesefehler zu setzen sein, welche sich die Mönche des Mittelalters beim Abschreiben der alten Handschriften zu schulden kommen ließen. Handschriften aus dem Altertum haben sich nur in sehr geringer Zahl erhalten, Papyrusrollen (s. d.) nur in Herculaneum und Ägypten; von den dauerhaftern Pergamenthandschriften des Altertums sind die wichtigsten die Palimpseste (s. d.). Sehr beträchtlich ist dagegen die Menge der aus dem Mittelalter, namentlich aus den spätern Jahrhunderten, auf unsre Zeit gekommenen Handschriften, besonders der lateinischen. Im frühern Mittelalter erwarben sich die Mönche das Verdienst der Fortpflanzung der litterarischen Schätze des Altertums und ihrer eignen Zeit, und von dem Werte, den man auf die Handschriften legte, gibt die Auszierung derselben durch die sogen. Miniatoren mit goldenen oder farbigen Anfangsbuchstaben, später sogar mit Bildern (Miniaturen) Zeugnis. In der Folge entwickelte sich auch der Stand der Lohnschreiber, die von Fürsten, Gelehrten und Buchhändlern beschäftigt wurden, aufs neue. Leider sind auch die Handschriften des Mittelalters in vielen Fällen dem Untergang anheimgefallen, und wieviel namentlich seit Erfindung der Buchdruckerkunst von Buchdruckern und Buchbindern zerstört wurde, entzieht sich der Schätzung. Die älteste griechische Pergamenthandschrift ist der von Tischendorf in einem Kloster am Sinai entdeckte Codex Sinaiticus, die Bibel enthaltend, wohl noch im 4. Jahrh. n. Chr. geschrieben. Die älteste in einer germanischen Sprache abgefaßte H. ist der sogen. Codex argenteus ("silberne H.", weil in Silber gebunden), jetzt in Upsala befindlich, der Ulfilas' gotische Bibelübersetzung enthält und aus dem 5. oder 6. Jahrh. stammt.

Hinsichtlich des Materials zerfallen die erhaltenen abendländischen Handschriften in Pergament- und Papierhandschriften, wobei man unter Papier alles künstlich zusammengesetzte Material, im Gegensatz zu den bloßen Tierhäuten, zu verstehen hat. Im allgemeinen kann man von der Voraussetzung ausgehen, daß Handschriften auf Pergament und ravennatischem Papier älter, solche auf Baumwollen- oder Linnenpapier aber jünger sind. Selbst das Format und die Lagen der Blätter dürfen nicht übersehen werden. Indes ist es bei Pergamenthandschriften sehr schwierig, andre Formate anzugeben als Folio und Quart, da sich unmöglich eine Grenze zwischen Kleinfolio und Großoktav festsetzen läßt, wenn die Blätter nicht, wie bei dem Papier, ursprünglich von gleicher Größe gewesen und in eine gleich bestimmte Zahl von Falten gelegt worden sind. Die Lagen sind besonders wichtig, um Lücken in den Handschriften genau zu berechnen, da nur die Lagen, nicht aber die Blätter und Seiten in ältern Handschriften numeriert zu sein pflegen. Die meisten Lagen bestehen, wie in den jetzt gedruckten Oktavbänden, aus Quaternionen, d. h. aus vier Doppelblättern oder 16 Seiten; doch kommen auch Ternionen, Quinternionen, Sexternionen u. dgl. vor, und auf den italienischen Universitäten pflegte man die Handschriften nach Pezien, d. h. nach Lagen von zwei Doppelblättern, zu berechnen. Fast alle Handschriften sind liniiert, die ältesten durch bloßen Druck, ohne Farbe, die neuern mit grauen oder schwärzlichen Strichen. Die Farbe der Tinte ist in den ältern Handschriften gelblich, weil sie verloschen ist, vom 12. Jahrh. an gewöhnlich schwärzer, weil man sich, statt der Säuren, häufig schlechter Tusche bediente. - Bei der Benutzung der Handschriften handelt es sich vor allem darum, von den verschiedenen enthaltenen Handschriften eines Werkes durch Untersuchung ihrer gegenseitigen Verwandtschaft, namentlich der Fehler, in denen sie übereinstimmen, einen Stammbaum derselben zu entwerfen und auf diese Weise dann so genau wie möglich den Wortlaut des allen oder je einigen zu Grunde liegenden Codex archetypus (Urhandschrift) festzustellen. Wichtig ist hierfür auch das äußere Schicksal der Handschriften, und es gehört daher in dieses Kapitel auch die Geschichte der Handschriftensammlungen und des Manuskriptenhandels, der besonders während der Auflösung des byzantinischen Kaiserreichs in Italien die höchste Blüte erreichte. Vgl. A. Kirchhoff, Die Handschriftenhändler des Mittelalters (2. Ausg., Leipz. 1853; Nachträge, Halle 1855).

Von den orientalischen Handschriften sind die ägyptischen die ältesten, da die Papyrusrollen bis ins 19. Jahrh. v. Chr. zurückreichen. Auch die Chinesen, die Erfinder des Papiers und einer wenn auch unvollkommenen Druckerei, können sich sehr alter Handschriften rühmen; doch sind selbst die ältesten Inschriften, welche die Handschriften an Alter weit überragen, nicht über 2000 Jahre alt. Von den Chinesen scheinen die meisten andern orientalischen Völker den Gebrauch des Papiers überkommen zu haben, das dann namentlich durch die Mohammedaner weite Verbreitung erlangte. Unter den vorderasiatischen Handschriften sind die syrischen die ältesten und gehen teilweise ins 4. und 5. Jahrh. zurück. Die älteste hebräische H. gehört dem 9. Jahrh. an. Auch die armenischen, arabischen und persischen Handschriften haben alle kein hohes Alter aufzuweisen, und ganz jung sind begreiflich die türkischen. Die alten Iranier schrieben auf Kuh-^[folgende Seite]