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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Inter pocula; Internieren; Internodium; Intérnum; Internunzius; Interpellation; Interpellieren; Interpolation

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Internieren - Interpolation.

Liebknecht, Bracke etc. die beste Organisation hatte. In der Kommune von Paris, im Frühjahr 1871, feierte sie ihren ersten Sieg. Die I. wurde zu einer ernsten Gefahr. Da trat in der Partei unter den Führern immer schärfer ein Antagonismus heraus, der schließlich auf dem Kongreß im Haag (1872) zum offenen Bruch, zu einer Spaltung der I. und damit zu ihrer Auflösung führte. Der Grund des Zwiespalts war, abgesehen von persönlichen Differenzen der Führer (namentlich Marx und Bakunin), die Frage der Diktatur des Generalrats. Marx und die deutschen Führer vertraten die Diktatur, Bakunin und mit ihm die Führer der I. in den romanischen Ländern bekämpften dieselbe. Auf dem Kongreß im Haag siegten die Zentralisten über die Föderalisten mit 26 gegen 23 Stimmen. Die Majorität verlegte den Sitz des Generalrats nach New York, die Minorität schied aus, um eine neue I. zu gründen. Beide Parteien tagten 1873 in Genf gleichzeitig, aber gesondert und befehdeten sich auf das heftigste. Alle Versuche, die Einigung wieder herbeizuführen, namentlich auf dem Kongreß in Genf 1877, mißlangen, ebenso der Versuch Mosts auf einem Kongreß in London 1881, eine neue I. der anarchistischen Partei zu begründen. Die Sozialdemokraten der verschiedenen Länder, gespalten jetzt in Anarchisten und Gemäßigtere, unterhalten noch internationale Verbindungen; aber eine einheitliche Organisation, wie sie in der I. bestand, existiert nicht mehr. Vgl. Eichhoff, Die internationale Arbeiterassociation (Berl. 1868); Testut, L'Internationale (Par. 1871; deutsch, Leipz. 1872); Villetard, Histoire de l'I. (Par. 1871); Pachtler, Die internationale Arbeiterverbindung (Essen 1871); Yorke, Geheime Geschichte der internationalen Arbeiterverbindung (Stuttg. 1872); "Zur Geschichte der I." (von M. Busch, Leipz. 1872); Jäger, Der moderne Sozialismus etc. (Berl. 1873); L. Favre, Histoire de l'I. et du socialisme (Par. 1879, 2 Bde.); Zacher, Die rote I. (3. Aufl., Berl. 1884).

Internieren (neulat.), ins Innere des Landes oder an einen bestimmten Ort, besonders in eine Festung, verweisen, eine gegen politische Flüchtlinge, auch gegen die auf neutrales Gebiet übergetretenen Truppenteile kriegführender Mächte angewendete Maßregel.

Internodium (Stengelglied, Zwischenknotenstück), in der Botanik jedes zwischen zwei aufeinander folgenden Blättern befindliche Stengelstück (s. Stengel).

Intérnum (lat., "das Innere"), ein Gebiet, welches einer bestimmten Person, Körperschaft, Behörde etc. vorbehalten und Dritten gegenüber abgeschlossen ist. So spricht man z. B. davon, daß eine Angelegenheit, welche unter Ausschluß der Öffentlichkeit im Schoß einer Gemeindevertretung behandelt wird, ein I. derselben sei; die Beilegung von Differenzen unter den Mitgliedern eines Kollegiums ist ein I. dieser Behörde u. dgl.

Internunzius (lat.), Botschafter, Geschäftsträger; besonders Geschäftsträger zweiten Ranges, welcher vom Papst in diejenigen Länder gesandt wurde, die ihm wegen ihrer Unbedeutenheit keinen Nunzius (s. d.) zu erfordern schienen; dann Titel des österreichischen Gesandten bei der Pforte, weil früher zwischen beiden Ländern nicht Friede, sondern nur Waffenstillstand geschlossen wurde und deswegen kein bleibender Gesandter dort verweilte, ein Titel, welcher später auf den ständigen Gesandten überging, jetzt aber außer Gebrauch ist.

Interpellation (lat.), Unterbrechung; dann Einrede, Einspruch, Mahnung des Gläubigers an den Schuldner (s. Verzug); im parlamentarischen Leben die formelle Anfrage, welche an die Staatsregierung um Auskunftserteilung oder um Rechenschaft über eine bestimmte Angelegenheit seitens der Volksvertretung gerichtet wird. Manche Verfassungsurkunden (z. B. die preußische, Art. 81) räumen den Kammern ausdrücklich das Recht ein, die Regierung zu interpellieren. In diesem Fall besteht für die Regierung die Verpflichtung zur Beantwortung, sei es, daß dieselbe materiell auf die Sache eingeht, sei es, daß sie ablehnend ausfällt. Aber auch da, wo die Verfassung das Interpellationsrecht des Landtags nicht ausdrücklich anerkennt, wird dasselbe in der parlamentarischen Praxis geübt, so namentlich auch im deutschen Reichstag. Nach der Geschäftsordnung desselben (§ 32 ff.) müssen Interpellationen an den Bundesrat mindestens von 30 Mitgliedern unterzeichnet sein und dem Präsidenten übergeben werden, welcher sie dem Reichskanzler abschriftlich mitteilt und diesen in der nächsten Sitzung zur Erklärung darüber auffordert, ob und wann er die I. beantworten werde. Im Bejahungsfall wird dann der Interpellant an dem bestimmten Tag zur Ausführung der I. zugelassen. Eine Diskussion darf sich an die Beantwortung oder Ablehnung der I. anschließen, wenn von mindestens 50 Mitgliedern darauf angetragen wird. Abgesehen von der förmlichen I., ist es auch einzelnen Abgeordneten unbenommen, Anfragen über diesen oder jenen Gegenstand an die Vertreter der Regierung zu richten, wie dies namentlich bei der Etatsberatung vielfach geschieht. Eine Verpflichtung zur Beantwortung solcher Fragen besteht allerdings nicht.

Interpellieren (lat.), zwischenreden, ins Wort fallen; Einrede erheben; zu einer Erklärung auffordern, Aufschluß über etwas verlangen (s. Interpellation).

Inter pocula (lat.), wörtlich: zwischen den Bechern, d. h. beim Glas Wein, beim Trinken.

Interpolation (lat., "Einschaltung"), in der Handschriftenkunde und philologischen Kritik die Verfälschung des ursprünglichen Textes einer Schrift durch Einschaltung einzelner Wörter, Sätze oder ganzer Abschnitte. Dergleichen Stellen oder Schriften heißen daher interpolierte, die Handlung selbst I. und deren Urheber Interpolator. Solche Interpolationen reichen in griechischen und römischen Schriftdenkmälern in sehr alte Zeit zurück; schon Solon schob einen Vers in Homers "Ilias" ein. Später waren es besonders jüdische und christliche Gelehrte, welche sich dergleichen Fälschungen erlaubten, um dadurch ihren eignen Lehrmeinungen den Schein höhern Alters und dadurch größeres Ansehen zu verschaffen. Namentlich waren es auch die Grammatiker, welche seltene und ungewöhnliche Ausdrücke in den alten Schriftstellern durch bekannte, die man Glosseme nennt, zu ersetzen suchten. Sache der Kritik ist es, solche von fremder Hand gemachte Zusätze ausfindig zu machen und auszuscheiden. - In der Mathematik bezeichnet I. die Einreihung neuer Glieder zwischen zwei Gliedern einer nach einem bestimmten Gesetz fortschreitenden Reihe von Größen, so daß sie sich an dieses Gesetz entweder völlig oder doch möglichst nahe anschließen. So wird z. B. eine Vermehrung der Glieder einer arithmetischen oder geometrischen Progression in der Weise bewirkt, daß man zwischen je zwei aufeinander folgende Glieder dort das arithmetische, hier das geometrische Mittel einschaltet. Die I. kommt namentlich in der Astronomie häufig vor; einfache Interpolationen hat man aber auch fortwährend bei Benutzung der Logarithmentafeln auszuführen.