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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italienische Litteratur

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Italienische Litteratur (15. und 16. Jahrhundert).

ten und das sittliche Verderben der Geistlichkeit mußten notwendig als Gegensatz eine christlich-asketische Richtung hervorrufen, welche denn auch in dem bekannten Dominikaner Girolamo Savonarola gegen Ende des 15. Jahrh. hervortrat. Unter den gebildeten Männern, welche seine eifrigen Anhänger wurden, verdient vor allen Girolamo Benivieni (gest. 1542) genannt zu werden, dessen Gedichte sich vor denen der meisten seiner Zeitgenossen nicht allein durch Reinheit der Sprache, sondern vorzüglich durch Reinheit des Sinnes und hohe Frömmigkeit auszeichnen. Aus der großen Schar der Lyriker dieser Zeit heben wir folgende hervor: Bernardo Bellincioni (gest. 1491), Feo Belcari (gest. 1454), welcher außer lyrischen Gedichten auch mehrere geistliche Mysterien schrieb, Antonio Alamanni und Giovanni Acquietini, welche in der burlesken und beißenden Art des Burchiello schrieben. Andre nahmen sich Petrarca zum Muster, so Francesco Cei, Gasparo Visconti aus Mailand (gest. 1499), Agostino Staccoli (gest. 1485). Serafino Aquilano aus Aquila in den Abruzzen (gest. 1500) machte sich durch seine Improvisationen an den Höfen beliebt. Namentlich aber war Bernardo Accolti aus Arezzo, mit dem Zunamen l'Unico (gest. 1534), als Improvisator berühmt.

An ausgezeichneten Prosaikern fehlt es in dieser Periode fast ganz. Von den Novellendichtern sind zu erwähnen: Masuccio von Salerno (um 1470), der unter dem Titel: "Novellino" 50 Novellen herausgab, die sehr freimütig und besonders gegen die Geistlichkeit gerichtet sind, Sabadino degli Arienti aus Bologna (gestorben um 1506), der unter dem Titel: "Le Porrettane" 71 Novellen in fast barbarischer Sprache schrieb, und Gentile Sermini aus Siena, von welchem 40 Novellen in sienesischer Mundart erhalten sind. Bei weitem bedeutender sind die Schriften einiger Künstler und Historiker. Leon Battista Alberti (gest. 1490) schrieb über Bildhauerei, Malerei und Architektur und einen Dialog: "Della famiglia", über das Glück eines zurückgezogenen und stillen Lebens, und Leonardo da Vinci (gest. 1519) verfaßte einen "Trattato della pittura". Von Historikern, welche in italienischer Sprache geschrieben, sind zu erwähnen: Pandolfo Collenuccio aus Pesaro (gest. 1504), welcher eine Geschichte von Neapel schrieb, auch einige Komödien des Plautus zum Behuf der Aufführung übersetzte, Bernardino Corio aus Mailand (gest. 1519), der eine Geschichte dieser Stadt schrieb, welche eine sehr zuverlässige Quelle für die Begebenheiten seiner Zeit ist, die Florentiner Buonaccorso Pitti, Piero Buoninsegni, Goro, Dati u. a. In lateinischer Sprache schrieben: Äneas Sylvius Piccolomini (später Papst Pius II., gest. 1464), Marcantonius Sabellicus (eigentlich Coccio, gest. 1506), der erste bedeutendere Geschichtschreiber Venedigs, Bernardus Giustinianus (gest. 1489), der die ältere Geschichte von Venedig behandelte, und Georgius Stella (gest. 1420), Verfasser einer Geschichte von Genua. Was die Reisebeschreibungen dieser Periode anlangt, so muß hier des Venezianers Cadamosto gedacht werden, welcher die Beschreibung seiner beiden Seereisen im Atlantischen Meer hinterlassen hat. Ebenso hat Chr. Kolumbus (gest. 1506), viel schriftliche Nachrichten über seine Entdeckungen geliefert. Ferner verfaßte der Florentiner Amerigo Vespucci (gest. 1512) die erste ausführliche Beschreibung der neuentdeckten Länder. Marino Sanudo und Giorgini lieferten die ersten Beschreibungen Ägyptens, und Girolamo Benzoni versuchte sich schon mit einer Geschichte der Neuen Welt. - Die Philosophie suchte sich nicht nur von den Fesseln der Scholastik, den Lehren der Peripatetiker und Humanisten sowie von allem Aberglauben freizumachen, sondern ging bereits so weit, alle positive Religion zu verwerfen. Petrus Pomponatius (Pomponazzi, gest. 1524), welcher die Unsterblichkeit der Seele in Abrede stellte, soll sich sogar den Beifall des Papstes Leo X. erworben haben.

Dritte Periode (16. Jahrh.).

Die dritte Periode begreift das 16. Jahrh. Im Anfang derselben kämpft die in der vorigen fast allein herrschende philologische Richtung noch eine Zeitlang mit der immer mächtiger hervortretenden echt nationalen, bis endlich beide sich (und das bildet den wahren Glanzpunkt dieses Abschnitts) auf das innigste durchdringen. Der Sieg der nationalen Richtung ist nun entschieden; aber wie im 15. das einseitige Studium des Altertums jenes wahrhaft volkstümliche fast erdrückte, so entfaltet sich nun dieses wiederum gegen das Ende dieser Periode zum Nachteil und bis zum allmählichen Absterben der philologischen Studien, mit welchen aber auch der Nationallitteratur Haltung und Maß entzogen wurde. Was zuerst das Epos in diesem Jahrhundert betrifft, so läßt sich bei einigen Dichtern sowohl in der Wahl des Stoffes als in der Behandlung noch deutlich die Vorliebe für das Antike erkennen, während andre uns das Antike vom Modern-Nationalen überwunden und mit demselben assimiliert, beides in schöner Harmonie verschmolzen zeigen, noch andre die Reminiszenz an das Altertum nur als Gegenstand des Scherzes betrachten. Neben diesen mit bestimmter künstlerischer Physiognomie ausgestatteten Werken hat diese Zeit eine Flut von charakter- und geistlosen versifizierten Ritterromanen, meist aus dem Sagenkreis von Karl d. Gr., aufzuweisen. An der Spitze der Dichter, welche die antike Richtung mit hartnäckigem, aber nicht eben glücklichem Eigensinn festgehalten, steht Giangiorgio Trissino (gest. 1550), der in seinem Epos "Italia deliberata dai Goti" (in reimlosen Versen) seinem Volk ein episches Gedicht im Geist und in der Form der Alten geben wollte, jedoch nur eine äußerliche Nachahmung Homers zu stande brachte. Höher steht Luigi Alamanni (gest. 1556) als Dichter, obwohl dessen zwei Heldengedichte: "Girone il cortese" (aus dem Sagenkreis von König Artus) u. "L'Avarchide" gleichfalls wenig gelungene Kopien der "Ilias" sind. Giambattista Giraldi Cinthios (gest. 1573) Heldengedicht "Ercole" ist ebenso ungenießbar wie die früher erwähnten, und noch viel geistloser und unpoetischer ist das zur Verherrlichung Karls V. in Versi sciolti geschriebene Gedicht über den Schmalkaldischen Krieg: "La Allamanna" (1567) von Ant. Franc. Oliviero. Den veränderten Geschmack der Zeit, der außer poetischem Gehalt nunmehr auch möglichste Vollendung der Form verlangte, kennzeichnet am besten Francesco Bernis (gest. 1536) durch Eleganz der Diktion und Schönheit des Versbaues ausgezeichnete, aber ganz ins Burleske gezogene Umarbeitung von Bojardos "Orlando innamorato", welcher es gelang, das Original bis auf die neueste Zeit fast vollständig zu verdrängen. Einen glänzenden, seinen Vorgänger an schöpferischer Phantasie, Anmut und Formschönheit weit übertreffenden Fortsetzer fand Bojardo in Lodovico Ariosto (1474-1533), dessen "Orlando furioso" als eine der reizendsten Dichtungen dasteht, beseelt von echt italienischem, durch das Studium der Alten wahrhaft gebildetem, aber nicht in Fesseln geschlagenem Geist. Fünfzig